Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 20.03.2010, 13.13 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Ryszard Kapuscinski

Die Welt im Notizbuch

Cover: Die Welt im Notizbuch

Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN-10 3821811854
ISBN-13 9783821811857
Gebunden, 336 Seiten, 22,50 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Für Ryszard Kapuscinski sind Kontinente gleich fremd und gleich nah. Afrika, Asien, Europa, Lateinamerika - es gibt kaum eine Weltgegend, in der Ryszard Kapuscinki nicht persönlich war. Und anders als seine westlichen Kollegen trat der polnische Reporter in Drittweltländern nicht als Privilegierter auf, sondern mischte sich gewissermaßen als einer von ihnen unters Volk. Das verschaffte ihm einzigartige Möglichkeiten und einen einzigartigen Blick auf die Welt. Auch die rasanten globalen Entwicklungen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus sieht er ganz anders als ein Westler oder einer, der seine östliche Heimat kaum verlassen hat. Aus Gedankensplittern, Reportagen, Fragmenten und Essays vieler Jahre formt sich eine Welt, die wir zu kennen meinen - die wir so aber noch nie gesehen haben.

Möchten Sie dieses Buch kommentieren?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.03.2001

Hans-Jürgen Heinrichs stellt zwei Bücher des polnischen Reporters Ryszard Kapuscinski vor, die er mit einem liebevollen Porträt des Autors verknüpft. Kapuscinski sei ein ungewöhnlicher Reporter, schreibt er, einer, der "aus der Nähe zu anderen Menschen denken" könne. Wichtig sei ihm vor allem, das "Pulsierende" der Wirklichkeit einzufangen, weshalb seine Texte zwischen Epos, Bericht, Impression, Dialog, Essay und Roman pendelten.
1) "Die Welt im Notizbuch" (Eichborn)
In diesem Buch beobachtet Heinrichs einen neuen Schwerpunkt Kapuscinskis: hier handelt es nicht um eine Reportage im klassischen Sinn. Der Text sei eher eine Introspektion, eine Selbsterforschung und Reflexion alltäglicher Verläufe in der Fremde, erklärt der Rezensent. Besonders gefallen ihm die fantastischen Elemente in diesem Buch, die Geschichte von `Einem Tag der Welt` beispielsweise, wo deutlich werde, wie wichtig die Poesie für diesen "Autor von Reportagen, die den Tag überdauern", ist.
2) "Die Erde ist ein gewalttätiges Paradies" (Eichborn)
Dieses Buch ist eine Zusammenstellung von Reportagen, Essays und Interviews, die zum großen Teil aus früheren Büchern des Autors stammen, so Heinrichs. Durch die vorliegende Auswahl entstehe "ein Bild vom Werdegang des in einer armen polnischen Provinz geborenen und sich in andere Welten entwerfenden Mannes". Seine Affinität zum Kampf der Menschen in der Dritten Welt begründe sich durch die Kindheitserfahrung des Autors, erklärt der Rezensent. Auch Kapuscinski habe Mittellosigkeit, Hass, und Krieg erlebt, was ihn für sein weiteres Leben und Arbeiten geprägt habe.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.10.2000

Ulrich Stock knöpft sich in einer Doppelrezension seine schreibenden Kollegen mit viel Witz und ohne Gnade vor.
1) "Schreib das auf! Egon Erwin Kisch-Preis 2000"
Stock beherrscht meisterlich die Kunst, das Schlechteste auszuwählen und das Beste wegzulassen: Er zitiert ausgiebig Reportageanfänge und kann gar nicht glauben, wieviel Banalität, Großmäuligkeit, hohle Phrasen und gähnend langweilige Reportagen in die Endrunde des großen Kisch-Preises gelangt sind und somit in dieses Buch. Zugegeben, Stocks Einstieg ist auch nicht bravourös, aber der Verriss ist preiswürdig!
2) Ryszard Kapuscinski: "Die Welt im Notizbuch"
Kapuscinskis Buch enthält zwar keine einzige Reportage, meint Ulrich, aber ihre besten Ingredienzen: "Es erklärt und führt vor, was beim Schreiben zählt, als Sammelsurium aus dem Nähkästlein". Nur leider bleibt es nach Stocks Ansicht nicht dabei, Kapuscinski will auch noch die Welt erklären - und zwar mit einem Satz wie "Was die aktuellen Tendenzen der globalen Politik angeht, kann man von drei großen Konfliktlinien sprechen", wie Stock gemeiner Weise und völlig aus dem Zusammenhang gerissen zitiert. Aber nicht zu Unrecht weist der Rezensent darauf hin, dass es für solch "sterbliche Übersätze" kein Kapuscinski-Buch braucht, ein Zeit-Leitartikel tut’s auch.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000

Zwei Bände mit Reportagen des polnischen PAP-Korrespondenten Ryszard Kapuscinski, der inzwischen zum "Polnischen Journalisten des Jahrhunderts" gewählt worden sei, stellt Christoph Bartmann mit der Bemerkung vor, der Reporter von einst sei sich selbst historisch geworden.
1) "Die Erde ist ein gewaltiges Paradies"
"Ein Album mit den besten Geschichten aus vierzig Jahren", resümiert Rezensent Christoph Baumann, und er findet dort vieles "schön erzählt", aber "wahrscheinlich zu schön, um wahr zu sein". Doch mit seinen "atmosphärisch dichten, wenngleich sachlich zweifelhaften Beschreibungen" habe sich Kapuscinski einen Ruf als "poetischer Reise-Essayist" erschrieben. Seine Art zu reisen und zu schreiben erinnert den Rezensenten mehr an Bruce Chatwin als an einen politischen Journalisten. Aber "von Ferne" habe Kapuscinski auch was von Reinhold Messner. Wahrscheinlich weil er den "Nimbus des Unverwundbaren" kultiviert, der immer wieder mit dem Rücken zur Wand steht, schließlich aber doch noch heil davon kommt.
2) "Die Welt im Notizbuch"
Die Frage "Wie gut ist der Autor abseits seiner Lebensschauplätze?" wollte Rezensent Christoph Baumann dann von Kapuscinskis "Notizbuch" beantwortet haben. Aber zunächst drängt sich ihm eine weitere Frage auf: an welches Publikum sich dieses Buch denn eigentlich richtet? Möglicherweise an eins, das geistig nicht so recht auf der Höhe ist? Aber das deutet Baumann bloß höflich an und macht lieber auf die verschiedenen Gefahren aufmerksam, die "Kapuscinskis Reflexionen bedrohen". Die Banalität gehört dazu, Ressentiment und Eitelkeit. Trotzdem klingt, was Baumann schreibt, nicht gänzlich unsympathisch. Zum Beispiel Kapuscinskis Vorstellung, "weite Räume wie der russische" verlangten nach langen Sätzen. Andere, "kleinteiligere Regionen" hingegen nach kurzen. Vor der Tiberiusvilla imaginiere Kapuscinski "mit glühender, fast artaudscher Hingerissenheit die Verruchtheit dieses Herrschers". Manchmal, so das abschließende Urteil, sei dieser Journalist "mehr als ein Reporter", sicher "kein Soziologe", aber ein "erzählender, reisender, fantasierender Geschichtsdenker".

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.08.2000

Eijeijei! Ulrich M. Schmid, hat hier einen Verriss geschrieben, der sich gewaschen hat, und das schlimmste ist: Er hat Argumente. Schmid macht an dem Buch deutlich, dass ein berühmter Reporter - und Kapuscinski ist einer der allerberühmtesten der Gattung - keineswegs ein tiefsinniger Philosoph und Aphoristiker sein muss. "Stammtischniveau" sagt Schmid den Aphorismen des Reporters nach. Oberflächlich findet er ihn gerade dort, wo er die Oberflächlichkeit des Internets anklagt (als könnte im Internet nur gesurft, und nicht auch getaucht werden). Unbescheiden sei Kapuscinski überdies, wenn er nebenbei einfließen lasse, dass er auch in Dänemark verlegt wird. Indirekt ist dies also ein Plädoyer, doch lieber wieder auf Kapuscinskis hinreißende Reportagen über Afrika oder Russland zurückzugreifen.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Mehr Bücher aus dem Themengebiet

Bücher von Lesern empfohlen

Buch: Das andere Ende der LeinePatricia B. McConnell: Das andere Ende der Leine
Aus dem Englischen von Gisela Rau. Dies ist eigentlich kein Buch über Hundeerziehung, sondern eines über ...

Buch: Sozialistische GesetzlichkeitMichael Stolleis: Sozialistische Gesetzlichkeit
Dieses Buch bietet eine erste Gesamtdarstellung der Staats-, Verwaltungs- und Völkerrechtslehre in der DDR. ...

Archiv: Bücherschauen

Vexierspielkünstler

20.03.2010: Die FAZ hat Denis Johnsons Thriller "Keine Bewegung!" gelesen und freut sich über das Gespür des Autors für kriminelle Loser. Die FR folgt der zehnjährigen Dora durch Jacques Roubauds Abenteuer und Geheimnis verheißenden "Verwilderten Park". Sehr anregend findet die NZZ Eric Hobsbawms Buch über "Globalisierung, Demokratie und Terrorismus". Die taz spürt einen Hauch von Erlösung in Don DeLillos Roman "Der Omega-Punkt". Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Francois Walter: Katastrophen

15.03.2010: Für die Natur gibt es keine Katastrophen, nur für die Menschheit. Der Schweizer Historiker Francois Walter hat eine Kulturgeschichte ihrer Bewältigung geschrieben und der Sinnsuche des Menschen: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen sowie Ansporn zu neuen technischen Entwicklungen. Hier eine Leseprobe aus "Katastrophen". Mehr lesen

Betina Gonzalez: Nach allen Regeln der Kunst

11.03.2010: Im Erstlingsroman der Argentinierin Betina Gonzalez begibt sich eine Tochter auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines mittelmäßigen Bildhauers, und nimmt Kontakt mit seinen Geliebten auf. Hier eine Leseprobe aus "Nach allen Regeln der Kunst". Mehr lesen

Necla Kelek: Himmelsreise

08.03.2010: Passend zum 8. März: Necla Kelek kämpft in ihrem neuen Buch für eine aufgeklärte Lesart des Koran, informiert über Entstehung und Hintergründe und stellt fest: Auf den Koran kann sich nicht berufen, wer für Kopftuch und fünf Pflichtgebete am Tag plädiert. Lesen Sie hier ein Kapitel aus "Himmelsreise". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren