Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Klappentext
Überraschend kommt Casanova nach Prag. Er hat davon gehört, dass Mozart an der Oper der Opern, dem "Don Giovanni", arbeitet und dass sich da Ponte mit dem Libretto über einen Verführer abmüht. Casanova verbreitet Glanz, feiert große Feste, spinnt ein Netz aus Intrigen - und ohne dass es bemerkt würde, hat er schon die Vollendung dieser Oper in seine eigenen, einzigartig erfahrenen Hände genommen.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.11.2000
Als "Cocktail aus Fakten und Fiktionen" hat Rezensentin Kristina Maidt-Zinke dieses Buch gelesen, und in die Sparte "Prosecco-Prosa für die gebildeten Stände" einsortiert. Davon habe der Spezialist "für erotische Künstlerromane in historischer Aufführungspraxis", Hanns-Josef Ortheil, noch mehr geschrieben. Dies aber nun sei sein bestes Stück. Der alte Giacomo Casanova erwiese sich hier wieder einmal "als dankbares Objekt für Künstlerpsychologie vom Feinsten". Die Rezensentin ist also zunächst mehr als zufrieden und schwelgt im Plot, amüsiert sich mit dem "Ensemble authentischer und erfundener Figuren". Doch bedauernd stellt sie schließlich fest, dass die Sprachmusik, "die das opernreife Handlungsgerüst umspült" allzu "flach und vordergründig" dahin plätschere.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.11.2000
Wie kommt es, fragt Dieter Borchmeyer, dass ausgerechnet Mozart die Literatur so beflügelt hat? Weil er sein Künstlertum nicht ausgestellt, nicht zum Gegenstand ästhetischer Reflexion erhoben hat, lautet seine Antwort. Ein geheimnisvoller Künstler eben, dessen kurze schöpferische Vita vielfach literarisiert worden sei. Der Autor, selbst Musiker und Verfasser eines Mozart-Essays, wird all diese Vorlagen, aber auch die vielen Quellen kennen, vermutet Borchmeyer, da er sich geschickt des historischen Materials zu bedienen wisse. Verbürgt ist an dieser Geschichte, die eine künstlerisch fruchtbare Begegnung Mozarts mit Casanova imaginiert, nur die Tatsache, dass sich beide zur gleichen Zeit in Prag aufgehalten haben und dass Casanova den Librettisten Mozarts, Lorenzo da Ponte, kannte. Nach Borchmeyer arrangiert Ortheil nun eine "brillante Intrige", mit Hilfe derer Casanova da Ponte außer Gefecht setzt und sich selbst zum Verfasser und sogar Regisseur der Uraufführung jener Mozart-Oper macht: aus dem Wüstling Don Juan wird der Verführer Don Giovanni. "Noch nie war Casanova so sympathisch", schreibt Borchmeyer angesichts des in seinen Augen äußerst gelungenen erotisch-intellektuellen Thrillers, mit dem der Autor seine Künstler-Trilogie abschließe.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 31.10.2000
Der äußere Rahmen dieses Romans ist historisch verbürgt, teilt uns Michaela Kopp-Marx mit; tatsächlich weilte Casanova in Prag, während Mozart mit da Ponte am Libretto für "Don Giovanni" arbeitete. Alles weitere sei Romanstoff: Ortheil nämlich macht Casanova zum Helden des Romans, so Kopp, dem es gelingt, das in seinen Augen miserable Textbuch da Pontes auf sein Leben hin umzuschreiben und aus dem grobschlächtigen Don Juan den feingeistigen Don Giovanni zu machen. Der Roman sei wie ein Musikdrama komponiert, schwärmt Kopp: Auftritt, Abtritt - diese Mischung aus Erlebnisbericht und Dialog gleiche den musikalischen Darbietungsformen von Duett, Arie und Rezitativ. Kopp spricht von der "ästhetischen Geschlossenheit" des Romans, im Geiste des 19. Jahrhunderts, in dem jedes Detail eine Funktion habe. Auch das Figurenpersonal des Romans entspreche dem Personal der Opern Mozarts. Ortheil schließt mit diesem Buch über die Musik, erläutert Kopp, seine Kunst-Trilogie des 19. Jahrhunderts ab. Souverän werde bei "Die Nacht des Don Juan" noch einmal die "urromantische Idee der Kunst der Verführung und der Verführung durch die Kunst" in Szene gesetzt. Verführung gelungen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.10.2000
Marius Meller ist restlos begeistert von diesem Buch, das die fiktive Begegnung von Casanova, Mozart und dessen Librettisten Lorenzo da Ponte zu einem fesselnden Intrigenroman macht. Es handelt sich hierbei nicht um einen historischen Roman, weiß der Rezensent, denn der Autor hat die Geschehnisse `gänzlich, wenn auch gut, erfunden`. Meller rühmt die `Professionalität` des Autos und seine Beherrschung des schriftstellerischen `Handwerks`, die er nicht zuletzt in der souveränen Handhabung der vielen Figuren des Romans entdeckt, und lobt den Erzählstil, den er als `gefällig-schlicht aber nie anbiedernd` charakterisiert. Der Rezensent bemerkt zudem dankbar, dass der Autor, der `genau weiß, wovon er schreibt`, keine der gängigen Mozartklischees aufgegriffen hat, sondern den Komponisten als `undurchschaubare, gleichwohl faszinierende` Künstlerfigur zeigt, ohne jedoch die kindlichen Seite, wie sie aus den berühmten `Bäsle-Briefen` bekannt sind, zu unterschlagen.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.09.2000
Eine regelrecht hymnische Besprechung! Erika Deiss preist "Die Nacht des Don Juan" in den höchsten Tönen, womit Ortheil seine Trilogie der schönen Künste im ausgehenden 18. Jahrhundert "fulminant beschlossen" habe. Erst waren Goethe und Rom, dann Venedig und die Malerei und nun Prag, Mozart und Casanova, sprich die Musik, an der Reihe. Kein historischer Roman, sagt Deiss, sondern ein Roman - "große Oper im Gewande des Erzählens" - der seinen Stoff so packend gestaltet, dass der Rezensentin am Ende die Frage egal ist, ob es so gewesen sein kann, weil es einfach "so gewesen sein muss". Im Zentrum der Geschichte steht die Begegnung Mozart - Casanova, wobei letzterer aus Da Pontes dürftigem Libretto mit seinem grobschlächtigen "Don Juan" den Feingeist Don Giovanni macht. Der eigentliche Hauptakteur der Handlung sei jedoch keine Person, sondern die Musik, schwärmt Deiss, die in einem schwachen Moment bekennt, dass Ortheil im Grunde nicht mehr als erlesenste Unterhaltung liefert - aber eben vom Feinsten.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 12.08.2000
Ein guter Romanstoff und ein Autor, der seinen Stoff gut kennt - das macht noch lange keinen guten Roman, bedauert Eva Leipprand. Die Rezensentin zeigt sich "nicht restlos überzeugt" von Ortheils Version der Entstehungsgeschichte von Mozarts "Don Giovanni". Sie kreidet ihm eine überdeutliche Zeichnung die Figuren an, aber auch das dahinterstehende philosophische Konzept hält sie zumindest für fragwürdig. Mit "Die Nacht des Don Juan" vollendet Ortheil seine Trilogie der Künste, wie Leipprand ausführt, in der er die Jahre kurz vor der Französischen Revolution als Zeit eines schöpferischen Aufbruchs für die Malerei, die Literatur und nun die Musik abhandelt. Die Umwandlung eines wüsten Don Juan in einen genießerischen Don Giovanni passe zwar in Ortheils Philosophie der Sinnlichkeit, sei aber ein überanstrengtes Bild, um gleich eine ganze Zeitenwende zu illustrieren.
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