Aus dem Französischen von Andreas Pfeuffer. "Auf welche Weise artikulieren Menschen in konfliktträchtigen Situationen - in einem alltäglichen Streit oder einer Tarifauseinandersetzung - Widerspruch und wie rechtfertigen sie ihr Handeln, um dann möglicherweise mit ihrem Gegenüber Einvernehmen oder zumindest einen tragfähigen Kompromiss zu erzielen? Dieser Frage gilt das Interesse Luc Boltanskis und Laurent Thevenots. Die Autoren entwickeln eine ebenso anregende wie ambitionierte "pragmatische Soziologie", die nicht nur eine neue Sichtweise auf soziale Interaktion eröffnet, sondern als wegweisendes soziologisches Paradigma in Frankreich intensiv debattiert wird. Anders als die traditionelle Soziologie, die das Handeln von Individuen, Gruppen und Klassen auf objektive und den Akteuren verborgene Kräfte zurückführte, nehmen Boltanski und Thevenot die Fähigkeit des Menschen ernst, solche Situationen und deren Anforderungen zu meistern, indem sie auf verschiedene Rechtfertigungsprinzipien zurückgreifen, die ihren Ursprung in der Objektwelt sowie in unterschiedlichen Vorstellungen vom Gemeinwohl haben.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 10.10.2007
Rezensent Robin Celikates begrüßt die mit großer Verspätung erschienene Übersetzung der wichtigen Abhandlung über die soziologische Urteilskraft, die der Bourdieu-Schüler Luc Boltanski zusammen mit seinem Kollegen Laurent Thevenot bereits 1991 in Frankreich publizierte. Boltanskis Überlegungen haben die französische Soziologie "geradezu revolutioniert", betont der Rezensent, da sie von Bourdieus Ansatz abrücken, nach dem alles Handeln die herrschenden sozialen Machtverhältnisse reproduziere. Boltanski nimmt dagegen Akteure beim Wort und untersucht, wie sie ihr Handeln in welcher Situation begründen beziehungsweise rechtfertigen, erklärt Celikates. Dabei erkennen Boltanski und sein Coautor eine regelrechte "Grammatik der Rechtfertigung", die auf die Klassiker der politischen Philosophie zurückgehe, etwa wenn es um das Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit gehe. Soweit folgt der Rezensent den Autoren gern. Was er jedoch nicht akzeptieren will, ist, dass sich "Rechtfertigung" tatsächlich immer von den anderen Handlungsmodi wie Liebe, Gewalt und Routine unterscheiden lasse. Dies findet Celikates nicht überzeugend, und er plädiert dafür, "die Soziologie der Kritik doch wieder ein Stück kritische Soziologie" werden zu lassen.
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