Nirgendwo sonst auf der Welt scheint die unmittelbare Zeitgeschichte eine solche Dynamik zu entwickeln wie in Lateinamerika. Lateinamerika wird rot in diesen Tagen - hier und da wohl nur zartrot, gemildert durch sozialdemokratische Vernunft oder abgetönt in enttäuschenden Rückfällen in die Korruption, an anderer Stelle gar braunrot in Kombinationen aus Nationalismus und Sozialismus der gewaltsamen Sorte. Ein Kontinent holt damit notwendige Entwicklungen nach, die in mehr als zwei Jahrhunderten liberalistischer und militaristischer Herrschaftsgeschichte mit Macht unterbunden worden sind, die eine Entwicklung demokratischer Nationen und sozialer Gemeinwesen verhinderten. Der Bann einer übermächtigen Gewaltgeschichte muss noch immer gebrochen werden. Wer diese neue Entwicklung verstehen will, darf Erklärungen nicht nur im 20. Jahrhundert suchen, sondern muss die spanischen und portugiesischen Kolonialreiche ebenso in den Blick nehmen wie die Unabhängigkeitsbewegungen unter der Vorherrschaft europäischstämmiger Militaristen und Oligarchen im 19. Jahrhundert.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.01.2007
Einen "konventionellen, aber verlässlichen" Überblick über die Geschichte Lateinamerikas findet Uwe Stolzmann in vorliegendem Reclams-Band von Hans-Joachim König. Dass es bei diesem Format und der Fülle des Stoffes nicht ohne Verkürzungen geht, erklärt für ihn die vielen recht allgemeinen Aussagen Königs. Den roten Faden der Darstellung sieht er im schwierigen Weg ehemaliger Kolonien zu Nationalstaaten. Im Blick auf den Stil des Buchs hätte sich Stolzmann weniger akademische Schwerfälligkeit gewünscht - zumal sich das Buch besonders auch an Laien wendet. Erfreut zeigt er sich hingegen von den tabellarischen Epochenübersichten zu Beginn der Kapitel, den zahlreichen guten Karten und den 50 Seiten Anhang, die das Buch auch als Nachschlagewerk nutzbar machen.
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