Aus dem Französischen von Heinz Jatho. "Wieviele Jahre hat ein Jahrhundert? Hundert?" Diese Frage gewinnt ihren Sinn aus dem Standpunkt, den man dem Jahrhundert gegenüber einnimmt - ob es etwa derjenige der politischen Geschichte ist, der des Totalitarismusbegriffs oder derjenige der Entwicklung des globalen Kapitalismus. Retrospektiv, weitblickend und persönlich zugleich entwirft Badiou einen Parcours durch das zwanzigste Jahrhundert. Ausdrücklich nach dem couragierten Prinzip, das jedes Unternehmen des Denkens sich zu eigen machen sollte: seiner Zeit anzugehören - doch in einer beispiellosen Nichtzugehörigkeit.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.03.2007
Stark findet Josef Früchtl das Buch des Philosophen Alain Badiou nicht seines Anspruches wegen, ein Jahrhundertbuch zu sein, sondern, weil es daran scheitert. Den selbstbewussten Anspruch des Autors, ein ganzes Jahrhundert begrifflich zu fassen und den thesen- und temporeichen Marsch durch die Geistesgeschichte zu wagen, hält er für "zeitgemäß unzeitgemäß". Als Polemik erscheint ihm die im Rückgriff auf Hegel und Lacan und Dichter wie Brecht oder Pessoa konstruierte These von der "Passion des Realen", weil Badiou das unvermeidliche Thema der Gewalt "typisch neu-französisch" wie eine heiße Kartoffel anfasst. Für Früchtl gerät der Text dadurch so singulär wie spekulativ.
Dieser Philosoph gehöre zu den Ersten, die seit der Postmoderne "wieder einen großen Entwurf wagen", gibt Rezensent Maximilian Probst beeindruckt zu Protokoll. Gleichzeitig begrüßt er, dass Alain Badiou nun endlich auch in Deutschland entdeckt wird. Der vorliegende, aus einer Vorlesungsreihe hervorgegangene Band versuche nichts weniger, als das 20. Jahrhundert gedanklich auf den Punkt zu bringen. Als "archimedischen Punkt" benenne Badiou eine "eigentümliche Passion des Realen" und die "pathetische Überzeugung", im Augenblick des Beginns zu leben. Daher trage für Badiou die "Endlösung der Nazis" letztlich die gleiche Handschrift wie der "Ikonoklasmus der künstlerischen Avantgarden". Dennoch verwerfe der Philosoph diese Passion des Realen und das daran gebundene radikale Primat der Veränderung nicht ganz, sondern stelle nur ihre zerstörerische Kraft zur Disposition. An Badious Argumente findet der Rezensent auch eine philosophische Kapitalismuskritik geknüpft. Insgesamt begeistert ihn gerade das politische Profil von Badious Philosophie, wenngleich er die mitunter recht drastischen Thesen nicht immer ganz teilen mag.
Skeptisch betrachtet Marco Stahlhut das neue Buch des französischen Philosophen Alain Badiou, den er als einen der "wichtigsten lebenden linken Philosophen" würdigt. Zunächst fühlt er sich bei der Lektüre an Eric Hobsbawms Deutung des 20. Jahrhunderts als "Zeitalters der Extreme" erinnert: auch Badiou geht es um die eigentümliche Radikalität, die das 20. Jahrhundert ausmachte und in die schrecklichsten historischen Katastrophen führte. Der von Lacan entlehnte Begriff, den Badiou gebraucht, die "Passion des Realen", scheint Stahlhut allerdings so vage, dass er dem Autor vorhält, "Theorie-Nebelwerfer auf die reale Geschichte" zu richten. Unverständlich bleibt für ihn auch Badious unkritische Diskussion des Stalinismus und der chinesischen Kulturrevolution. Dabei leugne er weder die extreme Gewaltanwendung der Roten Garden noch die politische Verfolgung insbesondere von Intellektuellen und auch nicht die Hunderttausende von Toten, sondern nehme sie billigend in Kauf, indem er Nietzsches "Umwertung aller Werte" mit der kommunistischen Praxis gleichsetzt, so Stahlhut. Eine Interpretation, der sich der Rezensent nicht anschließen kann.
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