Bücher der Saison
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Klappentext
Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. Orhan Pamuk verbindet in seinem neuen Buch die Geschichte der sagenumwobenen Stadt, die von Jugend an seine Fantasie angeregt hat, mit Schilderungen von Menschen und Orten. Er beschreibt die verfallenen Monumente, die von einstiger Größe zeugen, die verwunschenen Villen und verwilderten Gärten, die melancholischen Gassen und die belebten Wasserstraßen des Bosporus und des Goldenen Horns.
Istanbul ist aber auch die Geschichte einer Kindheit. Der junge Orhan durchstreift erst an der Hand seiner Mutter oder im Ford des Onkels, dann auf eigene Faust die Stadt, der er von Anfang an verfallen ist. Die Großfamilie lebt noch wie in osmanischen Zeiten unter einem Dach in den "Pamuk Apartmeni", während das ererbte Vermögen Vater und Onkel unter den Händen zerrinnt. Der Niedergang der einst so großartigen kosmopolitischen Stadt spiegelt sich in gewisser Weise in der allmählichen Auflösung von Pamuks Familie, und die Melancholie ist daher für den Schriftsteller die Eigenschaft, die ihn so wie alle Bewohner Istanbuls am meisten charakterisiert.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.11.2006
Als anschauliche Darstellung der Situation des postkolonialen Künstlers lobt Rezensent Jörg Plath Orhan Pamuks Hommage an seine Heimatstadt. Er preist Pamuk dafür, dass es ihm gelingt, aus den persönlichen Erinnerungen an Kindheit und Jugend in Istanbul ein "großes Panorama" nicht nur der Stadt, sondern auch der türkischen Geschichte und Mentalität zu machen. Lediglich bei der Beschwörung der kollektiven Melancholie, die eine Hauptrolle im Lebensgefühl Istanbuls spielt, lässt Pamuk nach Ansicht des Rezensenten seine gewöhnliche Bescheidenheit und Diskretion fahren und quält den Leser mit Wiederholungen und stereotypen Formulierungen. Hervorragend gelinge es Pamuk allerdings zu schildern, wie er als Maler und Schriftsteller die Selbstbeschreibung Istanbuls "erobern" und sie dem europäischen Orientalismus entringen musste. Die Eroberung scheint geglückt: Der Rezensent empfiehlt, das Buch als einen "fesselnden Liebesroman" zu lesen, mit der Stadt am Bosporus in der Rolle der Geliebten.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.11.2006
Lothar Müller sieht sich mit den Jugenderinnerungen Orhan Pamuks in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückversetzt. Wie schon die Romane sind de Kindheits- und Jugenderinnerungen des Autors eng mit seiner Heimatstadt verknüpft, erkennt der Rezensent, der deshalb auch gerade die Schilderungen der Streifzüge des jungen Pamuk durch die Stadt als leidenschaftliche "Hommage" zu schätzen weiß. Intensiv beschäftige sich der Autor in seinem autobiografischen Buch auch mit den Istanbul-Beschreibungen von Gustave Flaubert, Pierre Loti, Theophile Gautier und Gerard de Nerval, nicht allein um ihnen so manches "Klischee" über den Orient nachzuweisen, sondern auch, um sich Stadtbeschreibungs-Techniken anzueignen, so Müller. "Schlüsselbegriff" der Erinnerungen aber ist laut Rezensent der "hüzün", das türkische Äquivalent zum englischen "spleen", das die spezielle Atmosphäre im Istanbul dieser Zeit prägt. Vergnügen bereitet Müller offenbar auch die Anekdote, nach der Pamuk deshalb Orhan genannt wurde, damit er einem für seine Unauffälligkeit berühmten Sultan gleicht. Ein Glück sei es allerdings, dass Pamuk auch mit diesem Buch wieder einmal wesentlich "unbescheidener" und herausragender ist als sein Namenspatron.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 18.11.2006
Orhan Pamuks "Istanbul" hat der Rezensentin Dilek Zapticioglu vor allem deshalb so gut gefallen, weil es der Autor vermag, "tief in die menschliche Seele" zu blicken, und weil ihm alles Menschliche vertraut sei. Pamuks Istanbul, so die Rezensentin, ist eine traurige Stadt, überzogen und durchtränkt vom süßen "hüzün" (Melancholie) über ihren einstigen Glanz und späteren Niedergang. Doch die Stadt fasziniert bis heute, und diese Faszination beruht auf einem Widerspruch, glaubt die Rezensentin: Dass die glorreiche osmanische Zeit weit zurückliegt, heißt für sie nicht, dass Istanbul den Weg gen Westen angetreten hätte - nein, es verkörpere eine "wirklich gelungene Synthese aus Ost und West". Dem Verfall der Stadt stelle Pamuk den Verfall seiner Familie zur Seite und in diesen "offenherzigen" Kindheitserinnerungen gelingen ihm, wie die Rezensentin lobend bemerkt, seine bisher eindrücklichsten Figurenschilderungen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.11.2006
Genüsslich blättert Rezensent Hubert Spiegel in diesem "doppelten Familienalbum", das einerseits die Familie Pamuk und andererseits die Stadt Istanbul porträtiert. Die Vielseitigkeit des Blickes, den Orhan Pamuk auf Istanbul wirft, verdankt sich laut Spiegel der Einsicht des Autors, dass die Wahrheit der eigenen Stadt im Blick der anderen zu finden ist, was ihn dazu verleite, in seinem - reich bebilderten - Buch auch jene anderen - darunter Flaubert, Nerval und vergessene Chronisten wie Yahya Kemal - zu Wort kommen zu lassen und sich darin zu spiegeln. Zwei "Konstanten" sind dabei für den Rezensenten erkennbar: zum einen "Hüzun", anderenorts Melancholie genannt, das als regelrechtes Lebensgefühl Istanbuls gelten müsse, und zum anderen Istanbuls grundlegende Spannung zwischen der nunmehr weit zurückliegenden glanzvollen osmanischen Vergangenheit und der steten Versuchung der Verwestlichung.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2006
Überaus beeindruckt zeigt sich Rezensentin Monika Carbe von Orhan Pamuks Buch über Istanbul, das Erinnerungen an seine Kindheit geschickt mit der Geschichte der Stadt in Beziehung setzt. Sie sieht darin ein Psychogramm der Stadt am Bosporus und zugleich des Autors als Kind und als Heranwachsender. Pamuks Blick auf die Stadt schärfe und weite sich mit fortschreitendem Alter. So entstehe Istanbul in einer Breiten- und Tiefenwirkung, die offenbar auf detailliertem Quellenstudium beruht. Neben einer perspektivenreichen Beschreibung der Stadt und ihrer Geschichte bietet das Buch zur Freude Carbes auch einen Einblick in die literarische Werkstatt des Schriftstellers. So findet sie zahlreiche Figuren und Eindrücke der Stadt aus Pamuks Romanen hier wieder. Überzeugt hat sie auch die Sprache des Buchs: nuanciert, nie überdreht und dabei wunderbar melancholisch.
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