mit einem Nachwort von Susanne Mahler. Dass Alfred Döblin sich intensiv mit medizinischen Zusammenhängen beschäftigt hat, lassen viele seiner literatur- und philosophiebezogenen Texte erahnen. In seiner Dissertation über "Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose" von 1905 stellt er den Zusammenhang zwischen literarischem Schreiben und psychotischen Wahnbildern, sogenannten Konfabulationen, her. Später adressiert Döblin die Aufforderung "Man lerne von der Psychatrie" in der gleichnamigen Schrift ganz direkt an Romanautoren und ihre Kritiker. In diesem Sinne offenbart seine Dissertation eine poetologische Denkweise, die nicht das erinnernde Gedächtnis, sondern das Vergessen als Grundstruktur schöpferischer Prozesse annimmt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 14.10.2006
Als verdienstvoll würdigt Rezensentin Andrea Gnam die Wiederauflage von Alfred Döblins Dissertation hundert Jahre nach ihrem Erscheinen. Bedeutsam findet sie diese knappe, auch für Laien gut lesbare Arbeit vor allem als "Schlüssel" zum literarischen Werk des Schriftstellers Döblin, dem der Arzt Döblin immer wieder reiches Anschauungsmaterial lieferte. Sie hebt dabei besonders auf die Themen Erinnern und Vergessen ab, die in Döblins Frühwerk eine große Rolle spielen. So stößt sie in der Dissertation "Gedächtnisstörungen bei der Korsakoffschen Psychose" auf Döblins Vorstellungen zur Arbeit des Erinnerns und der Funktion des Gedächtnisses, die für sie ein besseres Verständnis zahlreicher Figuren ermöglichen. Besonders Döblins Interesse am Phänomen der "Konfabulationen", einem Symptom der Korsakoffschen Psychose, erscheint ihr in diesem Kontext aufschlussreich. Ausführlich geht sie auf "Wadzeks Kampf mit der Dampfturbine" ein, bei dessen Hauptfigur sie deutliche Parallelen zu dem von Döblins geschildertem Korsakow-Patient erkennt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 10.10.2006
Rezensent Rainer Erlinger findet Alfred Döblins nun veröffentlichte Dissertation über das Korsakow-Syndrom durchaus bemerkenswert. Lesern, die etwas über das Krankheitsbild erfahren wollen, rät er freilich, besser zu einer Publikation neueren Datums zu greifen. So beschränkt sich die Arbeit auf die Darstellung eines einzigen, nicht einmal besonders repräsentativen Falls. Döblins Behandlung der Forschungsliteratur erscheint Erlinger zudem überaus subjektiv. Dennoch lobt er die Darstellung als ansprechend, streckenweise "unterhaltsam" und Döblins Sprache als "präzise". Immer wieder entdeckt er auch den Dichter Döblin im Text, wenn dieser etwa die damalige Gedächtnistheorie apodiktisch abfertigt oder sich Gedanken über Parallelen zwischen dem Schaffen des Dichters und dem Fabulieren des Korsakow-Kranken macht.
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