Perlentaucher - Das Kulturmagazin

Anmelden | RSS | Newsletter

zuletzt aktualisiert 22.03.2010, 09.20 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Gerhard Schulze

Die Sünde

Das schöne Leben und seine Feinde

Cover: Die Sünde

Carl Hanser Verlag, München 2006
ISBN-10 3446206728
ISBN-13 9783446206724
Gebunden, 288 Seiten, 21,55 EUR

Bestellen bei Buecher.de

Klappentext

Das Konzept der Sünde gilt in unserer heutigen Gesellschaft als überholt. Die sieben Ursünden Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart und Neid vertragen sich schlecht mit unserem Lebensstil, in dem raffiniertes Essen, ein ausgefülltes Sexualleben, Schnäppchen im Internet und Shopping als Garanten eines erfüllten Lebens gelten. Gerhard Schulze zeigt in diesem Buch, wie sich unsere Gesellschaft vom Konzept der Sünde distanziert hat.

Möchten Sie dieses Buch kommentieren?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.08.2006

Angetan berichtet Rezensent Oliver Pfohlmann von Gerhard Schulzes Reflexionen über eine angeschlagene Moderne. Den Ansichten des Soziologen über die Herausforderungen, die das Projekt der Moderne für den Einzelnen und die Gesellschaft bedeuten, kann er nur zustimmen. Doch wie Schulze sieht auch Pfohlmann keine Alternative zur Moderne - schon gar nicht in der Wiedererstarkung der Vormoderne, die sich in Form eines religiösen Fundamentalismus nicht nur in der islamischen Welt, sondern auch im Westen bemerkbar macht. Was bleibt? Pfohlmann findet bei Schulze ein Plädoyer für eine "gereifte" Moderne. Dabei geht es um die Möglichkeiten einer sinnerfüllten Existenz, basierend auf dem Konzept antiker Selbstbegrenzung und weltlicher, nicht fanatischer Religiosität. Schulzes eigentliche Intention macht Pfohlmann in der Versöhnung mit der eigenen Kultur ausfindig - ihrer "anstrengenden Widersprüchlichkeit" und "auf Dauer gestellten Selbstkritik" zum Trotz.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.07.2006

Nicht allein aus der Sünde, aus allen sieben Todsünden wolle Gerhard Schulze Funken schlagen für seine Moral der "Selbstentfaltung". Diese, referiert der Rezensent die reizvollen Aussichten, müsse sich erstens auf das individuelle und gewissermaßen private Selbstbewusstsein berufen und zweitens auf ein Bekenntnis zum "Diesseits". Warum braucht es diese Moral und ein solches Bekenntnis? Zur Abwehr vormoderner und freiheitsfeindlicher Anschauungen. Dabei predige Gerhard Schulze, beugt der Rezensent möglicher Kritik vor, keineswegs einem "kruden" Hedonismus, vielmehr sollen bei ihm gerade die altehrwürdigen Todsünden als Maßstab zum Maßhalten dienen. Wo die Knie nachgeben, so die Moral, sei der Genuss der Völlerei schließlich rasch zu Ende. Wenn dies auch plausibel erscheine, fragt sich der Rezensent doch, ob die Moderne als Zeit des Zweifels sich so einfach wieder auf doch so skepsisfreie Mittel wie Bekenntnis und Moral rückbinden lasse. Auch gebe der Autor keine Auskunft, wie solche Moral im Individuum ursächlich zu denken sei oder in welchem Verhältnis sie schließlich zu einer sozialen Moral stehe.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 18.05.2006

Angenehm unterhalten hat sich Rezensent Ludger Lütkehaus bei der Lektüre dieses Buchs über das "schöne Leben und seine Feinde", das der Kultursoziologe Gerhard Schulze vorgelegt hat. Er attestiert dem Autor bei seinen kulturpsychologischen Ausführungen über die Sünde, ihre Geschichte sowie ihre Transformation und Auflösung in der Moderne ein großes Maß an Witz und Gelassenheit. Schulzes Befund, die Auflösung der zentralen moralischen Kategorie der Sünde sei konstitutiv für die Moderne, kann Lütkehaus ebenso nachvollziehen wie dessen Beobachtung des erneuten Vorwurfs der Sünde an die Moderne, den Fundamentalisten jeglicher Färbung erheben. Er unterstreicht, dass dabei neben dem islamischen Fundamentalismus auch das evangelikale Revival in den USA ihr Fett wegkriegt. Allerdings ist Lütkehaus nicht immer ganz klar, wohin das Buch eigentlich will, und bisweilen hat er den Eindruck, es mit einer "Wellness-Theorie der Moderne im kultursoziologischen und -philosophischen Gewand" zu tun zu haben.

Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2006

Die Moderne von den Vorgängerepochen abzugrenzen sei aufgrund der ihr innewohnenden Widersprüche recht schwierig, konzidiert Jürgen Kaube. Gerhard Schulze versuche es über die Sünde und beschreibe die Gegenwart als Produkt von Aufklärung und Romantik, wobei letztere für den Hedonismus, die "Glückssuche", oder eben die Sünde zuständig sei. Dass der Autor sein Bild der Gesellschaft mit "breitem Pinsel" und im Plauderton skizziert, stört den Rezensenten nicht so sehr, da so die "moralische Vielstimmigkeit" der Gegenwart betont werde. Was Kaube aber stört, ist die mangelhafte Recherche des Autors, der sich zum Missfallen Kaubes eher auf "eigene Einfälle" stützt und damit Ungenauigkeiten und fehlerhafte Interpretationen provoziert. Abgesehen von diesen "Laubsägearbeiten aus dem soziologischen Hobbykeller" erstaunt den Rezensenten zudem die "Selbstgewissheit" in moralischen Fragen, die er dem Autor nach der Lektüre nicht mehr uneingeschränkt zugestehen möchte.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006

Gustav Seibt zeigt sich von Gerhard Schulzes Buch über die Sünde sehr angetan. Der Soziologe beschreibt im ersten Drittel die "westliche Gesellschaft", und zwar mit den "Kategorien" der sieben Todsünden "Völlerei, Unkeuschheit, Habsucht, Trägheit, Zorn, Hoffart und Neid", erklärt der Rezensent. Besonders interessant findet Seibt hier die "Umwertung" dieser mittelalterlichen Kategorien, die bis heute stattgefunden hat, und die beispielsweise in der Fettleibigkeit ein schwereres Vergehen sieht, als in einem Seitensprung. Derlei "schlaue" und "erheiternde Beobachtungen" finden sich viele, freut sich der Rezensent, der das Buch deshalb als "unterhaltsam" lobt. Doch eigentlich ist es dem Autor um etwas anderes zu tun, nämlich um die Kontrastierung "einstiger Sündenlehre" zu "heutiger Glückssuche", stellt Seibt klar. Und Schulze versuche außerdem, die "Frontverläufe im Kampf der Kulturen" genauer zu fassen, einen Kampf, den er nicht etwa zwischen dem Christentum und dem Islam verortet, sondern vielmehr zwischen der "Kultur der Moderne" und einer "magischen Religiosität", so der Rezensent weiter. Dieser Traktat verteidigt "warmherzig" und mitunter "wunderbar konkret" die "Suche nach dem Glück", so Seibt einverstanden, der dafür bereit ist, über "etliche Schwächen", beispielsweise über die "gewissenlos schludrige" Beschreibung der "historischen Sündentheologie" hinwegzusehen.

Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks

Bücher von Lesern empfohlen

Buch: Die Anatomie der SchwermutRobert Burton: Die Anatomie der Schwermut
Aus dem Englischen und mit einem Essay von Ulrich Horstmann. Burtons Riesenwerk handelt von einem Leiden, das jeder ...

Buch: KeeperMal Peet: Keeper
Aus dem Englischen von Eike Schönfeld. In einer Zeitungsredaktion sitzen sich zwei Männer gegenüber: ...

Archiv: Bücherschauen

Vexierspielkünstler

20.03.2010: Die FAZ hat Denis Johnsons Thriller "Keine Bewegung!" gelesen und freut sich über das Gespür des Autors für kriminelle Loser. Die FR folgt der zehnjährigen Dora durch Jacques Roubauds Abenteuer und Geheimnis verheißenden "Verwilderten Park". Sehr anregend findet die NZZ Eric Hobsbawms Buch über "Globalisierung, Demokratie und Terrorismus". Die taz spürt einen Hauch von Erlösung in Don DeLillos Roman "Der Omega-Punkt". Mehr lesen

Archiv: Vorgeblättert

Francois Walter: Katastrophen

15.03.2010: Für die Natur gibt es keine Katastrophen, nur für die Menschheit. Der Schweizer Historiker Francois Walter hat eine Kulturgeschichte ihrer Bewältigung geschrieben und der Sinnsuche des Menschen: Strafe Gottes, Prüfung der Gottesfürchtigen sowie Ansporn zu neuen technischen Entwicklungen. Hier eine Leseprobe aus "Katastrophen". Mehr lesen

Betina Gonzalez: Nach allen Regeln der Kunst

11.03.2010: Im Erstlingsroman der Argentinierin Betina Gonzalez begibt sich eine Tochter auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, eines mittelmäßigen Bildhauers, und nimmt Kontakt mit seinen Geliebten auf. Hier eine Leseprobe aus "Nach allen Regeln der Kunst". Mehr lesen

Necla Kelek: Himmelsreise

08.03.2010: Passend zum 8. März: Necla Kelek kämpft in ihrem neuen Buch für eine aufgeklärte Lesart des Koran, informiert über Entstehung und Hintergründe und stellt fest: Auf den Koran kann sich nicht berufen, wer für Kopftuch und fünf Pflichtgebete am Tag plädiert. Lesen Sie hier ein Kapitel aus "Himmelsreise". Mehr lesen

Archiv: Buchautoren