Das siebente Zeitbild zeigt , wie die Aufbruchstimmung der frühen Sowjetjahre während des ersten Jahrzehnts der Stalinherrschaft (1929-1941) in den Wellen des Terrors unterging, der nicht nur die alten Parteikader tödlich traf, sondern mit der Zwangskollektivierung und "Entkulakisierung" der Landwirtschaft auch die Bauern. Das achte Zeitbild deckt den Zusammenhang von - scheinbar gesicherter - wirtschaftlicher Konsolidierung und gesellschaftlich-politischer Erstarrung auf, der die Zeit zwischen Chruschtschow und Gorbatschow (1964-1985) prägte. Immer deutlicher zeichnete sich der Potemkinsche Charakter einer "Fassadengesellschaft" ab, in der Schein und Sein, öffentliches und privates Leben wild divergierten. Das neunte Zeitbild skizziert in einem Epilog die alltagsgeschichtlichen Veränderungen nach dem Ende der Sowjetunion (1992-2000). Es gehört zu den beklemmenden Einsichten des Buches, dass trotz aller radikalen Auf- und Umbrüche im Verlauf eines Jahrhunderts so vieles beim alten blieb.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.12.2005
Mit seiner Alltagsgeschichte in "Zeitbildern", so Rezensent Ulrich M. Schmid, verzichte Goehrke auf die strikt chronologische Ordnung traditioneller Geschichtsschreibung und untersuche zudem "vernachlässigte Räume" der russischen Geschichte. In diesem dritten und letzten Band behandele der Autor am ausführlichsten die frühe Stalinzeit, im zweiten Zeitbild die "Stagnationsphase" unter Breschnew, und drittens die nach Meinung des Rezensenten "wahrscheinlich zu kurz geratene" postsowjetische Zeit. Ein "erschütterndes" Kapitel habe der Autor den obdachlosen Straßenkindern der Stalinzeit gewidmet, die in Jugendbanden um ihr nacktes Überleben kämpften, da die Eltern im Gulag verschwunden waren. Für die siebziger Jahre zeichne Goehrke das Bild zweier Parallelgesellschaften, private Netzwerke und Schwarzmarkt hier, privilegiertes Versorgungssystem der Nomenklatura dort. Bei seiner Charakterisierung des sich in dieser Zeit herausbildenden "Homo sovieticus" entgehe der Autor groben Vereinfachungen, indem er eine "Kontinuität" zu obrigkeitsstaatlich geprägten "bäuerlichen Verhaltensmustern" herausarbeite. Andererseits, so der Rezensent, betone der Autor "wahrscheinlich" solche retardierenden Momente zu stark, wenn er beispielsweise die "ästhetischen Anschauungen der Russen" als seit dem Mittelalter unverändert darstelle. Zuletzt, lobt der Rezensent, bleibe es gleichwohl das "Verdienst" von Carsten Goehrkes Darstellung, "das Spektakuläre des Alltags" bis in die Zeit des modernen Fabrikarbeiters hinein beschrieben zu haben.
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