Elias' Studien über die Deutschen sind Beiträge zu einer "Biographie Deutschlands", jeweils konzentriert auf die Wilhelminische Gesellschaft, die Weimarer Republik, den Hitlerstaat und die Bundesrepublik. Charakteristisch für den Autor ist auch hier die Zusammenschau von Vorgängen der Staatsbildung und der Bildung sozialer Persönlichkeitsstrukturen der Individuen. Der Blick für die Besonderheiten deutscher Entwicklungen wird geschärft durch Vergleiche mit anderen Ländern. Elias beobachtet die Gegebenheiten im Kontext sowohl langfristiger Prozesse als auch der Machtverhältnisse verschiedener Gruppen innerhalb der Gesellschaft. Ein gemeinsames Grundmotiv aller Studien findet sich in der Frage nach den spezifisch deutschen Traditionen, die den Ausbruch der Barbarei in der Nation von Goethe, Kant und Schiller möglich gemacht haben (und wieder möglich machen könnten). Elias spricht explizit davon, daß ihm sein Lebensthema, die Erforschung von Zivilisationsprozessen, durch diese Erfahrung aufgegeben wurde: "Hinter den hier veröffentlichten Untersuchungen steht - halb verborgen - der Augenzeuge, der nahezu neunzig Jahre lang den Gang der Ereignisse miterlebt hat."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.05.2005
Stefan Breuer erhebt Einwände gegen Norbert Elias' "Studien über die Deutschen". So anregend er das Werk findet - ein work in progress, das, notabene, kein waschechter Elias ist, sondern von dem Herausgeber Michael Schröter stark bearbeitet wurde -, so eindimensional findet er doch die Lehre vom Zivilisationsprozess. Mit geradezu fatalistischer Konsequenz, meint Breuer, treibt Elias' Deutung der deutschen Geschichte diese in die Katastrophe, indem sie sie als alternativlose Gewaltgeschichte beschreibt. Anders als in den westlichen Nachbarländern hat - das ist die Prämisse - der deutsche Adel beim Zivilisationsprozess versagt. Es ist ihm nicht gelungen, die staatliche Gewalt zu monopolisieren. So blieb es bei der deutschen Vielstaaterei. Als dann die preußische Aristokratie doch endlich die gewaltmonopolisierende Aufgabe erledigte, importierte sie ins Bürgertum ihren von "Wildheit und Barbarei" geprägten Kriegerkodex, anstatt dass ihre Werte mit den bourgeoisen zivilisatorisch verschmolzen wären. Insofern kann man, wie Breuer feststellt, von einem "Zivilisationsbruch" des Dritten Reiches nicht sprechen, vielmehr liegt ein historisch weit zurückverfolgbares Scheitern des Zivilisationsprozesses vor. Aber, wendet der Rezensent ein, geht diese Rechnung denn auf? Der Adlige als der Wilde, der Vorzivilisatorische, das Bürgertum als sublimierende Kraft? Und gibt es nicht womöglich auch noch andere Entstehungsmöglichkeiten für staatliche Gewalt? Durch die "Monomanie" seiner Deutung beraubt Norbert Elias sich der Möglichkeiten differenzierterer soziologischer Wertungen, findet der Rezensent.
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