Ende der 60er Jahre schrieb Stefan Aust bei konkret über Sex und Drogen. Später polemisierte er in den St. Pauli Nachrichten gegen Axel Springer, die USA und Franz Josef Strauß. Dreißig Jahre später ist er der mächtigste Journalist des Landes. Der Spiegel galt einmal als kritisches Nachrichtenmagazin. Hat Stefan Aust das Blatt gründlich gewendet? Wie kein Zweiter hat er die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte begleitet: von der Auseinandersetzung mit der Nazi-Generation über den Protest gegen Vietnam, die 68er, APO, RAF, Friedensbewegung und das Aufkommen der Grünen bis zur Wiedervereinigung und zum Reformprojekt Rot-Grün. In dieser Zeit hat sich Aust vom linken Redakteur bei konkret und den St. Pauli Nachrichten über einen engagierten kritischen Fernsehjournalisten bei Panorama zu einem der einflussreichsten Journalisten Deutschlands gewandelt.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 29.04.2005
Zugegeben, meint der Rezensent mit dem Kürzel "H.Sf.", unterhaltsam ist dieses Buch schon geschrieben, und es befriedigt auch eine gewisse "voyeuristische Lust" an Abrechnungen unter Journalisten. Aber reicht das? Oliver Gehrs hat zwei Jahre beim "Spiegel" gearbeitet und gibt heute seine eigene Zeitschrift "dummy" heraus. Sein Buch, schreibt der Rezensent, ist eine "polemische Attacke" gegen Stefan Aust, der aus dem einstigen Sturmgeschütz der Demokratie nurmehr eine dicke Kanone gemacht habe, vielleicht auch nur noch einen "bloßen Zeitgeist-Verstärker". Mit den guten alten Spiegel-Techniken der Personalisierung und der Häme stilisiere Gehrs den Spiegel-Chef zum "charakterlosen, aber journalistisch zu allem fähigen und erfolgreichen Verderber der publizistischen Sitten", dazu klagen die Hamburger Kollegen anonym über "repressive Arbeitsbedingungen" und den "Gefälligkeitsjournalismus für die Reichen und Mächtigen". Das findet der Rezensent zum Teil ganz erhellend, aber am eigentlichen Phänomen vorbeigeschrieben: dem neuen Typus des "journalistischen Managers", der "Meinungsführerschaft als Mittel des unternehmerischen Erfolgs inszeniert. Und den erkennt der Rezensent nicht nur in Stefan Aust, sondern auch Springer-Chef Mathias Döpfner oder FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 16.04.2005
"Man braucht eine These, man braucht man einen Feind", erklärt die hier rezensierende Panorama-Moderatorin Anja Reschke ihren Anspruch an den investigativen Journalisten, und den zumindest erfüllt Oliver Gehrs mit seinem Buch über den Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust. Gehrs zeichnet ein Bild von Aust als ebenso "autoritären wie egozentrischen Machthaber", beschreibt Reschke, der dem Magazin mehr Boulevard, dafür weniger Einfluss beschert hat. Doch zum Missfallen der Rezensentin ficht Gehrs dabei nicht mit dem "Florett", sondern schlägt mit dem "Holzhammer" derart plump zu, dass sie geneigt war, sich auf Austs Seite zu schlagen: Denn auch wenn Gehrs noch so akribisch recherchiert hat, amüsant schreibe und viel Dubioses zu berichten weiß, will sie ihm nicht darin folgen, dass Aust allein für den Verlust der publizistischen Wirkungsmacht des Spiegels verantwortlich sein soll. Leider nur recht vage verweist Reschke hier auf den allgemeinen Wandel der Zeit. Letztendlich bescheinigt Reschkes Gehrs Bevormundung, Einseitigkeit, aber auch spannende Passagen und eine gehörige Portion Mut.
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