Rainer Merkel

Das Gefühl am Morgen

Roman
Cover: Das Gefühl am Morgen
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783100484413
Gebunden, 157 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Eine schlaflose Nacht, in der er sich schweigend verliebt. Eine muschelförmige Bar. Laura, die Königin von Schlachtensee. Die Erinnerung an den Moment, und er weiß nicht, ob er glücklich oder unglücklich gewesen ist. Unberechenbares Glück, ein langer Sonnenuntergang, ihr Geruch, die Weitläufigkeit ihres Körpers. Ihr Gesicht. Die Geschichte einer lauernden, einer zögerlichen und zärtlichen Annäherung, die Geschichte einer Liebe. Und bis zum Schluss ist er sich sicher: Er wird sich nicht verzaubern lassen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.10.2005

Nicht erwärmen kann sich Sibylle Cramer für Rainer Merkels Roman über die "Liebe toter Seelen". Die in den achtziger Jahren angesiedelte Geschichte um Laura, die vom eisigen Lukas schwanger wird und in Holland eine Abtreibung vornehmen lässt, liest sie als eine "Geschichte über die Unmöglichkeit der Liebe", für die sich der Autor ein "umständliches Gegenspiel" ausgedacht habe. Neben der hingebungsvollen, emotionalen Laura wirkte der von Lukas ausgehende Kältestrom noch arktischer, seine Einsamkeit, Leblosigkeit, Beziehungslosigkeit noch trübseliger. Dass der Erzähler sein Wissen über das Motiv des kalten Herzens und die Verhaltensmuster der Kälte in Zeiten versachlichter gesellschaftlicher Verhältnisse ausbreitet, lässt Cramer sichtlich unbeeindruckt. Die Versuche des Autors, Lukas als Opfer darzustellen, erscheinen ihr angestrengt und unnötig. "In lehrbuchmäßiger Vollständigkeit" wir eine Generation von "Erziehungskrüppeln" vorgeführt, befindet sie, die statt elterlichen Gefühlen nur materielle Gefälligkeiten bekommen haben.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.08.2005

Für Rezensenten Martin Krumbholz handelt es sich bei diesem Roman um eine pathologische Form der Mimikry von Text und Inhalt. Die Geschichte und das Erzählen von einem jungen Mann in den achtziger Jahren mit einer Ost-West Liebschaft sei derart von dessen "Ziellosigkeit" und seinem "Phlegma" infiziert, dass der Rezensent nach eigenem Bekunden erst schläfrig, dann wütend geworden ist. Denn es passiere in dem Roman weder auf der Handlungsebene, noch inhaltlich, noch textuell irgendetwas Aufweckendes, so der Rezensent, nicht der "geringste symbolische Mehrwert", lautet seine Diagnose. Sobald er das Buch zugeschlagen hatte, erklärt Rezensent Krumbholz sein Leseleiden, hatte er nichts anderes mehr in Erinnerung als einen "sonderbar weichen, schläfrig-melanchoischen Tonfall im Ohr".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.03.2005

Christoph Schröder ist völlig begeistert von Rainer Merkels zweitem Roman, er preist den studierten Psychologen als einen der "spannendsten deutschsprachigen Autoren". Mit Psychologie hat auch "Das Gefühl am Morgen" viel zu tun, versichert Schroeder, aber als "Paradoxon von psychologisch erfühlter Literatur, bis ins Letzte durchdacht", was den Roman sehr kunstvoll und auch etwas anstrengend gestalte, denn sprachlich mache sich der Autor völlig die Perspektive des männlichen Protagonisten zu eigen. Vordergründig schildert der Roman die Liebesgeschichte zwischen den zwei Studenten Laura und Lukas, zurückverlegt in die 80er Jahre, berichtet Schröder. Hintergründig bewegt sich für ihn alles auf einer konkret-unkonkreten Ebene, beschreibt eine Art Zwischenzustand zwischen Wachen und Schlafen, zwischen Traum und Traumatisierung, zwischen Verliebtheit und Ernüchterung. In sich sei die Geschichte "völlig stimmig", jubelt der Kritiker, auch wenn ihm die Hermetik der Merkelschen Prosa gelegentlich aufstößt. Erst wenn man es aufgegeben habe, nach einem Schlüssel für diese unkonventionelle Lektüre zu suchen, rückt Schröder den Autor ins rechte Licht, könne man sich dem Fluss seiner Gedanken, Worte, Gefühle einfach überlassen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2005

Rainer Merkel Erzählung übertrifft aus der Sicht von Rezensent Richard Kämmerlings an Dichte die meisten Roman heutzutage. Die Erzählung, deren vordergründige Beiläufigkeit er zu ihren großen Stärken zählt, ziele mitten ins "psychopathologische Zentrum" der späten achtziger Jahre. Meisterhaft findet der Rezensent den Narzissmus eines allwissenden Übervaters geschildert, in dessen Schatten ein Sohn vergeblich versucht, erwachsen zu werden. Zur großen Freude des Rezensenten kommt kein Popsong, kein Werbeslogan und auch keine Fernsehserie vor. Datieren könne man die Geschichte einzig an Katastrophen wie der von Tschernobyl. Kämmerlings fasziniert an Merkels Erzählung besonders dessen an Foucault geschärfte Fähigkeit, Herrschaftstechniken offenzulegen, die sich als tabubrechende Offenheit verkleiden. Merkel hat "ein Ohr für den Befehl im einschmeichelnden Verständniston", lobt der beeindruckte Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005

Hans Peter-Kunisch baut zunächst einmal falschen Erwartungen vor: Dies hier ist keine Liebesgeschichte, wie es auf dem Klappentext steht, sondern ein Entwicklungsroman, und zwar unter "der besonderen Bedingung von 68-Eltern". Lukas versucht sich vergebens von seinem "verhaltensgestörten, aber brillanten" Vater zu lösen, um seine Freundin zu beeindrucken, von der er meint, sie würde ihn sonst schnell uninteressant finden. Im Verhältnis zur 68-er Generation spielt Rainer Merkel nicht den Ankläger, was dem Rezensenten als "gängige Version" bekannt ist, sondern widmet sich der "Darstellung von Gefühlsverwirrungen". Ein Fazit des "sanften" Buchs besteht trotz aller Neutralität aber darin, dass die damaligen Revolutionäre nur "anders kaputte" Nachkommen hinterlassen haben als ihre kritisierten Eltern. Merkel verwende den "guten Satirestoff", den die Personen bieten, für etwas "Anstrengenderes und Interessanteres": die Entwicklung der Gefühle seines "schwachen" Helden auf dem Weg in die Berufswelt.
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