Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Russischen von Anja Lutter und Hartmut Schröder. Ausgewählt und kommentiert von Elke Scherstjanoi. Der Krieg wirft Wladimir Gelfand, einen jungen ukrainischen Juden, aus seiner Lebensbahn. Zuerst an der Front, dann im besiegten Deutschland, erlebt er Tod und Zerstörung, erfährt Kameradschaft und Niedertracht. In seinen Tagebüchern aus den Jahren 1945 und 1946 setzt sich Gelfand schonungslos mit dem ungeliebten Soldatenleben auseinander. Er schildert die Kämpfe, seine Politarbeit und die Zeit der Besatzung, während der er für den Transport von Reparationsgütern zuständig ist. Er macht seine ganz eigenen Erfahrungen - auch mit Frauen. Sensibler Beobachter und Mittäter in einer Person, schließt er in seinen Schilderungen auch Racheakte und Beutenahmen nicht aus.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.05.2005
Zum ersten Mal liegen die Aufzeichnungen eines sowjetischen Offiziers des Zweiten Weltkriegs in deutscher Sprache vor, und Jens Bisky spricht eine uneingeschränkte Empfehlung aus: Er empfindet "persönliche Erinnerungen" an den Krieg und sein Ende, weil sie die offiziellen Frontlinien der Wahrnehmung überschreiten können, als geeignetes Mittel gegen jegliche "Wagenburgmentalität" der gegenseitigen Aufrechnung. Und Wladimir Gelfands Notizen aus den letzten Kriegsmonaten und der Nachkriegszeit im besiegten Deutschland zeichnen sich nicht nur durch eine unumstößliche Parteinahme für die Sieger, sondern zugleich durch eine kritische Bestandsaufnahme ihres Verhaltens und offenherzige Betrachtungen der Deutschen aus. Gelfand war ein unbedarfter, zuweilen recht naiver junger Mann, der es als "Schöngeist und Jude" in seiner Truppe schwer hatte und auch zur Stärkung des "seelischen Rückhalts" schrieb. Er notiert Verachtung und Rachedurst - seinen eigenen und den seiner Kameraden - und demonstriert, so Bisky, "wie selbstbewusst die Frontkämpfer der Roten Armee geworden waren". Fazit: ein Buch voller "Kleinigkeiten, die in den großen Geschichtserzählungen nicht auftauchen, ohne die diese aber unverständlich sind".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.03.2005
"Interessante Einblicke in das Innenleben der Roten Armee am Ende des Zweiten Weltkriegs" findet Rezensent Wolfram Wette in Wladimir Gelfands "Deutschland-Tagebuch 1945-1946". Wette beschreibt den Leutnant, einen überzeugten Kommunisten und Stalin-Verehrer, als intelligenten, sympathischen und gutaussehenden jungen Mann, der zu seiner Enttäuschung keinen Orden bekam, obwohl er bei den Kämpfen an der Oder mehrfach an vorderster Front gekämpft hatte - wohl weil er den raubeinigen Truppenoffizieren wegen seiner Schriftstellerei suspekt war. Erstaunlich findet Wette, wie "frei und selbstbewusst" sich Gelfand nach Kriegsende in Berlin bewegen konnte, wo er mit vielen Deutschen in Kontakt kam. Die Urteile über die Deutschen erscheinen dem Rezensenten ambivalent. Manche habe Gelfand sympathisch gefunden, andere hätten ihn wegen ihres "Herrenmenschendünkels" abgestoßen. Ein Vergewaltiger sei Gelfand nicht gewesen, wohl aber ein Frauenschwarm, dessen "offenherzigen Schilderungen" seiner Frauenbekanntschaften einen beträchtlichen Teil seiner Tagebucheintragungen ausmachen. Für deutsche Leser interessant macht diese Aufzeichnungen nach Ansicht Wettes der "andere Blick" auf 1945, der dazu anrege, "eigene Vorurteile zu überprüfen".
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