Bücher der Saison
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Hans Ulrich Gumbrecht
Lob des Sports
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Georg Deggerich. Hans Ulrich Gumbrecht untersucht ein markantes Phänomen unserer Tage und beschreibt Augenblicke eigener Faszination: "Dieses Buch habe ich geschrieben, um meine berufliche Welt, die Welt der Gedanken und ihrer Geschichte, jener Welt näherzubringen, die mich außerhalb meines Berufs am stärksten fasziniert, der Welt des Sports und der Stadien. Dabei wollte ich es vermeiden, aus jener Perspektive zu schreiben, die seit langem für westliche Intellektuelle die typische - vielleicht die einzige - Perspektive des Schreibens und des Denkens geworden ist. Statt 'kritisch' oder gar 'herablassend' zu schreiben, ging es darum, in der Analyse des Sports und seiner Faszination auch meine Dankbarkeit spüren zu lassen, für all die Momente der Intensität und des ästhetischen Genusses, den mir die Stunden im Stadion und die großen Sportler gegeben haben."
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.11.2005
Durchaus angetan zeigt sich Rezensent Martin Lüdke von Hans Ulrich Gumbrechts "kleiner Kampfschrift" für den Sport. Dass der Literaturtheoretiker angesichts der offenen Begeisterung vieler Intellektueller für den Sport damit offene Türen einrenne, hält Lüdke für einen Eindruck, der täuscht. Noch immer nämlich sieht er einen tiefen Graben zwischen Körper und Geist, näherhin: zwischen der begriffslosen Begeisterung des Sportfans und den definitorischen Kraftakten, "mit denen die Intellektuellen, wenn sie es denn überhaupt versuchen, sich sichtbar überheben". Auch Gumbrechts Studie zeuge von diesem Dilemma. Allerdings hält ihm Lüdke zu Gute, dass ihm hochfahrend intellektuelle Ausrutscher nur selten unterlaufen. Meist lasse sich Gumbrecht von seiner eigenen Begeisterung tragen, obwohl er auch versuche, sein Lob des Sports mit Bestimmungen der Kantischen Kritik der Urteilskraft, etwa der Zweckfreiheit, abzustützen. Nichtsdestoweniger wertet Lüdke das Buch als Pflichtlektüre für alle Sportfans, die das Lesen noch nicht eingestellt haben.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.07.2005
Die Begeisterung für den Sport gesteht Volker Breidecker jedem zu. Nicht nachvollziehen kann er allerdings, dass man daraus gleich eine Religion machen muss. Und genau das wirft er dem Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht vor, der sich mit seinem Buch "Lob des Sports" zum Religionsstifter aufgeschwungen habe. Als Beleg zitiert er Gumbrechts Schwärmereien von der "substanziellen Realität", der "realen Präsenz" und "verklärenden Kraft" des Sports, seiner "Aura" und seinen "Epiphanien". Damit nicht genug, auf die Nerven geht ihm auch Gumbrechts "stereotype Intellektuellenschelte" und sein Einrennen längst geöffneter Türen - schließlich war die Sportbeigeisterung der Intellektuellen nie größer als heute. Auch an der Erzählweise des über weite Strecken in der "langweiligsten Diktion analytischen Philosophieren" gehaltenen Essays hat Breidecker einiges auszusetzen: Nach Art eines Entwicklungsromans dürfe der Leser zunächst den Kindheits- wie Jugenderinnerungen eines "Er" folgen, bis dieser sich als ein auktoriales Erzähler-Ich entpuppe, das unablässig Zwiesprache mit sich selber und mit dem Leser halte: "Wenn Sie . . . Denken Sie . . . stellen Sie sich vor . . . denken Sie an Kleist . . .", und so weiter. Überdies wertet Breidecker die Lobpreisungen der Schönheit nackter ölglänzender Sportlerkörper schlicht als "Kitsch a la Riefenstahl oder nach Art von Werbefotos in den Schaufenstern der Douglas-Parfümerien".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.04.2005
Horst Bredekamp ist einfach hingerissen! Er schüttet mindestens so viel Lob über Hans-Ulrich Gumbrechts Buch aus wie Gumbrecht über den Sport. Dessen "Generalabrechnung mit den gängigsten und eingeschliffensten Denkmustern des Medienzeitalters" seit den sechziger Jahren betrifft weit mehr als nur die Welt des Sports, erklärt der Rezensent. Denn Gumbrecht schreibe nicht aus einer Pose intellektueller Überlegenheit heraus, sondern mit offen eingestandener Begeisterung und Anteilnahme. Er will, so unser Rezensent, den "Eros" des Sports gegen "die Meister der Negation, der Mediatisierung, der Vernützlichung, der Nivellierung und des Neides" verteidigen. Bredekamp ahnt darin einen weiteren geistigen Schritt hin zu den Dingen selbst und stellt Gumbrecht damit in einen Wirkungszusammenhang mit Agambens "Homo Sacer" sowie Greenblatts Shakespeare-Biografie "Will in der Welt". Das 'Verlorensein in fokussierter Intensität', ein vom mehrfachen Olympiasieger Pablo Moralez stammender und von Gumbrecht immer wieder zitierter Ausdruck, ist laut Bredekamp eine "geniale Formel für jedwedes schöpferische Agieren" und wird für ihn so zum zentralen Motiv des Buches, da es ebenso Gumbrechts Thema wie seinen Schreibgestus paraphrasiert. Verhaltene Kritik übt Bredekamp lediglich daran, dass es Gumbrecht gelegentlich in die "dünnere Luft der Abstraktion" treibt. Dennoch: für den Rezensenten gehört dieses Werk zum Besten, was seit Karl Heinz Bohrer "in einer derartigen Mischung aus Genauigkeit und Allgemeingültigkeit über den Sport geschrieben worden" ist.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005
Dirk Schümer fühlte sich "bald erschöpft" von Hans-Ulrich Gumbrechts "Lob des Sports". Dabei preist er durchaus des Stanforder Literaturwissenschaftlers sachliche Kundigkeit und seine Fähigkeit, jene Momente, die zu loben er angetreten ist, die epiphanischen Momente einer Sportmassenkultur, sprachlich zu veredeln. Nein, was Schümer aufreibt, ist ein Selbstwiderspruch des Werks. Möchte Gumbrecht sich einerseits bewusst absetzen von der in seiner Zunft herrschenden Tendenz, über den Sport nur Schlechtes zu reden, und ganz unironisch eine Lobrede halten (Schümer weist zurecht darauf hin, dass, wenigstens hierzulande, das Flirten mit dem Sport längst zum guten Ton der Intellektuellen gehört, siehe die Begeisterung über Günter Netzer), so vermag er doch dem Rezensenten auf der anderen Seite nicht plausibel zu machen, warum er denn dann 176 Seiten lang seine ganz privaten Glücksmomente ausbreiten muss. So ist es letztlich "die ewige Frage: Wozu", die Schümer die Lektüre vergällt.
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