Von der Tat zum Täter - mit dieser pointierten Formulierung ist der tiefgreifende Wandel im Strafrecht des 19. Jahrhunderts benannt, der durch das Aufkommen der Criminalpsychologie ausgelöst wurde. Diese Entwicklung, die sich mit den Leitgedanken Individualisierung, Subjektivierung und Psychologisierung kennzeichnen lässt, steht im Mittelpunkt des Buches von Ylva Greve. Nicht mehr die begangene Straftat, sondern der Täter selbst rückte in den Vordergrund strafrechtlichen Interesses. Insbesondere die Tatmotive und die psychische Verfassung von Straftätern wurden genauer untersucht. Die Autorin beschreibt die Auswirkungen der Entwicklung von Psychologie, Psychiatrie und gerichtlicher Arzneywissenschaft auf das Strafrecht.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 29.01.2005
Diese Dissertation ist kein Werk der Theorie, sondern eines der mühseligen Aufarbeitung historischen Materials. Daran ist, wie der Rezensent Rainer Maria Kiesow vielleicht einmal zu oft feststellt, nichts verwerflich. Natürlich sei es ein bisschen erstaunlich, wenn man in einer Arbeit, die sich mit dem Thema Psychologie des Verbrechens und der historischen Rekonstruktion eines Diskurswandels befasst, den Namen Michel Foucault überhaupt nicht zu lesen bekommt. Am Nutzwert des zudem recht "zeitlos" erscheinenden und auch gut geschriebenen Werks ändert das freilich wenig. Wie der Zweifel am freien Willen im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Zweifel an der Angemessenheit des Strafrechts führte, das lasse sich hier genauestens nachverfolgen. Und nach der Lektüre ist man dann, so Kiesow, auch schlauer, was die neuesten Diskussionen um Willensfreiheit angeht. Sich um die "Tiefenschärfe" zu bemühen, die sich hier einstelle, sei geradezu eine "Forderung des Denkanstands".
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