Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
Über uns
Service für Leser
Service für Kunden
Jobs
Historische Tage
Links
Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
In seinem Roman erzählt Christoph Hein von einem Vater, dessen Kind die Familie verriet, um sich in den Dienst der RAF zu stellen. Und er erzählt von einem wichtigen, oft verdrängten Stück bundesdeutscher Geschichte. Als der bundesweit gesuchte Terrorist Oliver Zurek in einem Gefecht mit Beamten des Grenzschutzes von einer Kugel tödlich verletzt wird, kommt es zu einem politischen Skandal. Denn die offiziellen Mitteilungen über seinen Tod im mecklenburgischen Kleinen - es ist von Selbstmord die Rede - stimmen nicht mit den Zeugenaussagen überein. Der Fall gerät in die Schlagzeilen, der Innenminister tritt zurück, der Generalbundesanwalt wird in den Ruhestand entlassen. Trotzdem wird das Ermittlungsverfahren wenige Monate später eingestellt. Olivers Vater aber misstraut den Behörden. Er macht sich auf, die Wahrheit über den Tod - die Ermordung? - seines Sohnes zu erfahren. Er, der ehemalige Gymnasialdirektor, der zusammen mit seiner Frau in der Nähe von Wiesbaden lebt und der die politische Orientierung und Entwicklung seines Sohnes nie verstanden hat, will nur eines: Gerechtigkeit.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.03.2005
Christoph Heins Roman sei leider nicht mehr als "Arbeit am Mythos" RAF, meint Ijoma Mangold. Was je an Verklärungen über die Terrorgruppe im Umlauf war "feiert einen trüben zweiten Frühling". Mangold spekuliert, Hein habe sich vielleicht als Schriftsteller präsentieren wollen, der völlig unabhängig von allen Obrigkeiten agiert und sich weder von Sozialismus noch vom Rechtsstaat "ins Bockshorn jagen" lasse. Gelungen sei das jedenfalls nicht, Hein mache sich nur zum "Sprachrohr jener Mythologisierungen", die Jan Philipp Reemtsma, für dessen Überlegungen der Rezensent die halbe Besprechung reserviert, schon ausführlich offengelegt habe. Der Stoff an sich, die RAF mit ihren Auswirkungen bis zum Drama um die Festnahme von Wolfgang Grams in Bad Kleinen, sei "hochspannend", meint Mangold. Hein komme aber nie über die "Reproduktion von Entlastungsdiskursen" hinaus, mithin zu wenig für die notwendige "Erkenntnisskrupulösität" eines modernen Romans.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.02.2005
"Hier wird so bieder und betulich, so umständlich und eintönig erzählt, dass man trübsinnig darüber werden könnte", stöhnt Rezensent Hubert Spiegel über hölzerne Dialoge und steifbeinige Erzählschritte. "Aus jedem Satz rieselt Hoffmanns Gardinenstärke." Statt realistischer Detailgenauigkeit herrsche lebloser Pseudorealismus. Aber nicht nur das ärgert den Rezensenten an Christoph Heins Roman über einen "der brisantesten Fälle in der Geschichte der Bundesrepublik", die Umstände des Todes von RAF-Terrorist Wolfgang Grams in Bad Kleinem. Spiegel weist Hein in seinem Roman außerdem eine Anhäufung stilistischer Nachlässigkeiten nach. Die Geschichte sei aus der Sicht der Eltern des toten Terroristen erzählt, und vermutlich habe Hein so den Gefahren des Reißerischen entgehen wollen, die in dem Stoff lauern. Aus der Sicht des Rezensenten ist es Hein jedoch nicht gelungen, dem pensionierten Schuldirektor und seiner Frau das kleinste Fünkchen Leben einzuhauchen. Deshalb rührt ihn absolut gar nichts an ihrem Schicksal, und auch die aufgeworfenen Fragen von Recht und Moral sieht er keinerlei intellektuelle Funken schlagen.
Lesen Sie den Originalartikel bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.02.2005
Überhaupt nichts sei in Christoph Heins neuem Buch frei erfunden, grantelt Jens Jessen, in Wahrheit werde darin natürlich die "minutiös" recherchierte Geschichte des RAF-Terroristen Wolfgang Grams erzählt. Hein habe höchstens ein wenig hinzuerfunden, um einen Roman daraus zu basteln, dessen Grundthese lautet: Der Kampf der Terroristen war schmutzig, weil der Staat schmutzig war. Diese unmittelbare Botschaft wird für den Rezensenten nicht von der mindesten ästhetischen Anstrengung überhöht, vergeblich sucht er nach wenigstens einer kleinen Metapher, die von literarischem Ehrgeiz zeuge. Die dramaturgische Sorglosigkeit gipfelt für Jessen in der grammatikalischen, und er wird nicht müde, überflüssige und folgenlose Sätze zu zitieren: "Als er an der Tür klingelte, ließ Richard Zurek ihn ins Haus..." . Vielleicht habe Hein mit der einfachen Botschaft seines Buches, dass die BRD nicht der moralisch überlegene Staat war, als der er zu Wendezeiten bisweilen erschien, den in "postsozialistischer Depression" Versunkenen Trost spenden wollen. Dafür aber, findet Jessen, hätte der Autor nicht 271 betuliche Seiten vollschreiben müssen.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.02.2005
Äußerst kritisch verfährt Roman Bucheli mit Christoph Heins neuem Roman, der sich darin eines der letzten Kapitel des deutschen Terrorismus angenommen hat, nämlich des Todes des Terroristen Wolfgang Grams in Bad Kleinen. Verärgert konstatiert Bucheli, dass es im Vorspann heißt, alle Personen seien frei erfunden, obwohl sich Hein noch nicht mal die Mühe mache, Grams Biografie - der im Buch Oliver Zureck heißt - über die bekannten Fakten hinaus nachzurecherchieren oder fiktiv auszuschmücken und damit plastischer werden zu lassen. Weiter beklagt Bucheli die eindimensionale Perspektivik, die ganz von der Sicht der Eltern von Grams bestimmt werde. Was Hein in seinen früheren Romanen immer unternommen habe, nämlich die Parallelisierung von Sichtweisen, das Aufbrechen der Perspektiven unterlasse er in diesem Falle, so der Rezensent erstaunt, obwohl sich doch gerade der Fall Grams als widersprüchlich und letztlich ungelöst präsentiere. So verpasst Hein seines Erachtens die Chance, diese Facette der deutschen Wirklichkeit näher zu beleuchten, stattdessen verharmlose Hein und schramme im übrigen immer haarscharf am Kitsch vorbei, schließt Bucheli grimmig. "Weder in der Sache noch ästhetisch angemessen", lautet sein Urteil.
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 29.01.2005
Nun also ist auch der Schriftsteller Christoph Hein im Westen angekommen, stellt der Rezensent Martin Lüdke erst einmal fest. In seinem jüngsten Roman nämlich erzählt er eine durch und durch westdeutsche Geschichte. Stark angelehnt ist sie an den bis heute ungeklärten Fall des Todes des RAF-Terroristen Wolfgang Grams. Hat er in Bad Kleinen Selbstmord begangen, wurde er ermordet? Um die Klärung dieser Frage geht es Hein natürlich nicht - vielmehr um die von diesem realen Fall sich entfernende Geschichte eines Vaters, der Gerechtigkeit für seinen Sohn will, aber nicht bekommt. Eine Studie also über Recht und Gerechtigkeit, die Lüdke in die Nähe des von Kleist (nach einer wahren Geschichte) erzählten Falles des "Michael Kohlhaas" rückt. Mit dem einen Unterschied allerdings, dass der Vater zuletzt nicht zum "Märtyrer seines Rechtgefühls" wird, sondern zum "Repräsentanten unserer Zivilgesellschaft". (Seltsam, dass niemand ein Wort darüber verliert, dass Wolfgang Grams Vater Mitglied der Waffen-SS war). Dieser Roman, resümiert Martin Lüdke, ist ein "Lehrstück", aber eines, das uns sowohl "anrührt" als auch "angeht".
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.01.2005
Gerrit Bartels macht aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: Christoph Hein, die "ehrliche Haut", ist seiner Meinung nach literarisch gescheitert, weil er es zu gut meinte. Weil er in seiner Aufarbeitungsgeschichte um die RAF und die bundesrepublikanische Demokratie mehr um engagierte Argumentation bemüht ist, als um komplexe, glaubhafte Figuren. Die Handlung um das Ehepaar Zurek - den Eltern von Wolfgang Grams nachempfunden - zeigt die Entwicklung des Vaters, eines "treuen Staatsdieners", der nach dem Tod seines Sohnes (in Bad Kleinen) zum "skeptisch-enttäuschten und flammenden Gerechtigkeitskämpfer" wird, der in die Untiefen der staatlichen Ordnung blickt, die er als Lehrer seinen Schülern predigt. Der Vater gibt den Zweifeln Ausdruck, die Tochter ist in den "statisch-floskelhaften Streitgesprächen" dafür zuständig, die Seite des Staates einzunehmen, die Mutter steht nebenan am Herd. Der scharfe Kontrast von dundesdeutscher "Betulichkeit" und "Wirklichkeit" ist wohl beabsichtigt, meint Bartels, dennoch kann er Hein den Kitschvorwurf nicht ersparen. Insgesamt, so der Rezensent unwirsch, ist das alles "arg pathetisch, ehrpusselig und durchsichtig geraten".
Bestellen Sie dieses Buch bei buecher.de
Gebraucht finden bei abebooks
Mehr Bücher aus dem Themengebiet
Bücher von Lesern empfohlen
Alma Guillermoprieto: Havanna im Spiegel
Aus dem Spanischen und Englischen von Matthias Wolf. 1970 verließ die junge Mexikanerin Alma Guillermoprieto ...
Martina Rellin: Klar bin ich eine Ost-Frau!
Martina Rellin hat sich mit Frauen aus dem Osten darüber unterhalten, was sie wirklich bewegt, wie sie ihr ...
Archiv: Bücherschauen
Das Gegenglück, der Geist
09.02.2010: Großer Bahnhof für J.M. Coetzee: Zu seinem Siebzigsten preisen FAZ, FR, NZZ und SZ den neuen autobiografischen Roman "Sommer des Lebens" als "grandios", "raffiniert" und "wahrste, kühnste und unterhaltsamste Literatur". Sehr lieb ist der NZZ die Anti-Hysterie von Arno Geigers Eheroman "Alles über Sally". Die taz feiert Amir Hassan Cheheltans großartigen Roman "Teheran Revolutionsstraße". Mehr lesen
Archiv: Vorgeblättert
Christopher Isherwood: Löwen und Schatten
08.02.2010: Großartig erzählt Christopher Isherwood in "Löwen und Schatten" von seiner Schul- und Studienzeit in London und Cambridge in den zwanziger Jahren, von seinen ersten Schreibversuchen und seinen ersten Freunden und Liebhabern. Hier eine Leseprobe. Mehr lesen
Miljenko Jergovic: Freelander
01.02.2010: Karlo Adum heißt der Held in Miljenko Jergovics neuem Roman "Freelander". Er ist ein pensionierter Lehrer und begibt sich eher widerwillig auf eine Irrfahrt durch Kroatien nach Bosnien und Herzegowina. Zu einer Testamentseröffnung. Lesen Sie hier einen Auszug.
Mehr lesen
Alain Mabanckou: Black Bazar
25.01.2010: Alain Mabanckou erzählt in seinem Roman "Black Bazar" sehr selbstironisch von den Träumen afrikanischer Männer, die in Paris ihr Glück suchen. Und hin und wieder auch einen Rückschlag verschmerzen müssen. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen


Folgen Sie uns auf Twitter


