Bücherschau der Woche
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Literaturbeilagen
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Klappentext
Mit 79 zum Teil farbigen Abbildungen. Die Idee, dass Schädel und Gehirne außerordentlicher Persönlichkeiten besondere Eigenschaften aufweisen, reicht bis ins 18. Jahrhundert zurück. Genie, Kriminalität und Geisteskrankheit - das war die Trias, deren anatomische, anthropologische und physiognomische Untersuchung eine Grundlage für die Kenntnis des Menschen bilden sollte. Was zunächst als kauzige Schädelbetrachtung begann, wurde alsbald zu einem ambitionierten wissenschaftlichen Programm ausgeweitet. Hagners Leitthese lautet, dass die Gehirne bedeutender Gelehrter, Wissenschaftler und Künstler nicht nur wissenschaftliche, sondern stets auch kulturelle Objekte gewesen sind. Im Umgang mit ihnen kommt immer wieder eine säkularisierte Praxis der Erinnerungskultur zum Ausdruck, die für das Verständnis der Mentalität bedeutender Persönlichkeiten in der Moderne von großer Bedeutung ist.
Anhand zahlreicher, vielfach unbekannter Beispiele wird gezeigt, dass die Erforschung außerordentlicher Gehirne von der Kraniologie, Hirnwägung, Lokalisationslehre und Ausmessung der Hirnwindungen über die Cytoarchitektonik bis zum aktuellen Neuroimaging reicht. Dabei sind geniale Gehirne stets in besonderen historischen und wissenschaftlichen Konstellationen bedeutsam geworden: in der Genieverehrung um 1800, in den Debatten um die kulturelle und soziale Bedeutung der Naturwissenschaften nach der 1848er Revolutionszeit, in den Diskussionen um die Natur des Genies im Fin de Siecle, in der politisch hektischen Situation der späten Weimarer Republik und der ersten Jahre des Nationalsozialismus und schließlich in den Brave Neuro Worlds unserer Zeit. Dabei zeigt Hagner, dass die neurophilosophische Grundidee - eine Eins-zu-eins-Korrespondenz zwischen Gehirn- und geistigen Zuständen - für Gelehrte vor 200 Jahren bereits genauso faszinierend gewesen ist wie für Hirnforscher unserer Tage.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.01.2005
Als "kluges und facettenreiches" Buch würdigt Rezensent Kersten Knipp diese Studie zur "Geschichte der Elitegehirnforschung", die der in Zürich an der ETH lehrende Wissenschaftshistoriker Michael Hagner vorgelegt hat. Knipp zeichnet dem Autor folgend die Entwicklung der Hirnforschung von der allmähliche Herausbildung dieser Forschung seit dem frühen 17. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert nach. Er betont, dass Hagner die Gehirnforschung immer auch als "kulturelle Praxis" versteht, die der jeweiligen Zeit unterworfen ist. Hagner betrachte das Gehirn als "symbolisch kontaminiertes Organ", "dessen komplexe Semantik nicht nur den Geisteswissenschaften Deutungsaufgaben mit auf den Weg gibt, sondern von Anfang an auch die Logik seiner naturwissenschaftlichen Erforschung bestimmte." Mit diesem Ansatz könne er auch den Kult um die genialen Gehirne, wie die von Einstein oder Gauss, erklären. Knipp hebt hervor, dass sich Hagner nicht über die teilweise absurden Thesen früherer Zeiten zum Gehirn lustig macht, weil er weiß, dass die Arbeit des Gehirns auch heute bestenfalls im Ansatz verstanden ist.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.11.2004
Damit, dass man das Genie im Hirn verortet, ist noch nicht viel erkannt, meint Rezensent Eberhard Ortland. Zum einen sei es ja - zu Lebzeiten - nicht eben einfach, ins Hirn hineinzusehen. Und wie das Genie da hinein oder darin zustande kommt, darauf eine Antwort zu finden, sei alles andere als einfach. Michael Hagner untersucht in seiner Studie die Versuche der Wissenschaft, diese Antwort zu entdecken. Geniehirne wurden im Laufe der Jahrhunderte "abgetastet, vermessen, gesammelt" und in Scheiben geschnitten, immer auf der Suche nach der "Natur des Geistes". Diese Natur, dies nun Hagners entschiedene These und Erkenntnis, ist als wissenschaftliche Vorannahme immer schon eines kulturellen Geistes Kind. Und um diese kulturellen Geister geht es in seiner wissenschaftsgeschichtlichen Untersuchung. Sie hören öfter auf so unschöne Namen wie "Rassismus, Sexismus und Eugenik". Sehr schön aber findet es der Rezensent, dass Hagner in seiner "materialreich dokumentierten und blitzgescheiten Studie" auf die "Denunziation der Neurowissenschaften" verzichtet, dafür aber den "Blick für die historischen Konstellationen" schärft.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004
Oft wird das wissenschaftliche Interesse am Gehirn als Novum des letzten Jahrzehnts verkauft. Daher, lobt Rezensent Bernd Stiegler, besteht Michael Hagners Verdienst unter anderem darin, den aktuellen Debatten um die Interaktion von Gehirn und Bewusstein ihre Geschichte zurückzugeben. Tatsächlich sei das Gehirn ein - wie es Hagner ausdrücke - "symbolisch kontaminiertes Organ", bei dem sich Interessen epistemologischer, politischer und diskursiver Natur die Hand geben, wie auch die Geschichte der Erforschung von sogenannten "Elitegehirnen" (von Pascal über Lenin und Einstein bis hin zu Ulrike Meinhof) zeige. Zwar hätte Hagner, wie der Rezensent findet, den eklatanten politischen Aspekten dieser "säkularisierten Praxis der Erinnerungskultur" durchaus etwas entschlossener nachgehen können, doch er leistet Wichtiges mit seiner (von der Beschäftigung mit dem Schädel bis hin zur Metapher des Computers reichenden) Geschichte der Gehirnforschung, indem er nämlich "die Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart" deutlich macht und damit letztlich den derzeitigen Gehirnfetischismus kritisch relativiert, so unser durchaus zufriedener Rezensent.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004
Früher ging man davon aus, die Form eines Schädels, beziehungsweise die Anatomie eines Hirns verrieten etwas über den Charakter des Menschen. Also suchte man eifrig Schädel als Belege für diese Spekulation, bis man irgendwann dahinter kam, dass die Größe oder das Gewicht eines Schädels beispielsweise nichts mit der Intelligenz der Person zu tun hat. So hat sich eine selbst ernannte Wissenschaft, die Phrenologie, selbst korrigiert, staunt Rezensent Ulrich Kühne, der sich von Michael Hagners Studie zur Geschichte der Hirnforschung sehr angetan zeigt. Hagner hat vorzügliche Quellenarbeit geleistet, lobt Kühne, er behalte auch stets im Blick, dass der Geniefetischismus, der den exzessiven Schädelforschungen seinerzeit zugrunde lag, stets von einem fragwürdigen Rassismus und Biologismus begleitet war. Laut Kühne befürchtet Hagner durch die moderne "Cyber-Phrenologie" eine Renaissance der alten Ideen, dass sich Charaktereigenschaften physiologisch manifestieren. Ob er damit den gesamten Forschungszweig diskreditiert sieht, bleibt bei Hagner unklar, schreibt Kühne. Seines Erachtens sollte man auch nicht in die gegenteilige Behauptung verfallen, Charaktereigenschaften könnten sich auf keinen Fall physiologisch niederschlagen - dies fände unser Rezensent ebenso spekulativ.
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