Die aktuelle Debatte zwischen der modernen Hirnforschung und der Philosophie konzentriert sich auf die Frage, ob so etwas wie ein freier Wille nach den Experimenten der Neurobiologen überhaupt noch gedacht werden könne. Auf dem Spiel steht dabei nicht weniger als das traditionelle Menschenbild mitsamt seinen theoretischen wie praktischen, ja sogar politischen Implikationen. Der amerikanische Philosoph John R. Searle hat sich in zwei an der Sorbonne gehaltenen Vorlesungen den Herausforderungen der Naturwissenschaft gestellt, die Argumente der Naturwissenschaftler aufgenommen und ihnen in luzider Weise geantwortet. Searles philosophische Antwort auf die Angriffe seitens der Hirnforschung ist der Versuch, philosophische Bedingungen dafür zu formulieren, dass wir überhaupt von Freiheit sprechen können.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 09.12.2004
Kann der Mensch, wie er will oder will er, was er muss? Gibt es sie, die tatsächliche Freiheit der Entscheidung oder ist alles Tun Produkt von Determinismen? Eine Antwort auf diese Fragen hätte sich Rezensent Martin Seel von John Searle erwartet, doch in dieser Hinsicht findet er dessen neues Buch unbefriedigend: Zwei Hypothesen "wendet Searle hin und her", beide erscheinen ihm gleich "unattraktiv" und so steht er am Ende mit "leeren Händen" da, klagt der Rezensent. Für Searle ist es unwahrscheinlich, dass Freiheitsgefühle durch bloße neuronale Mechanismen entstehen; ebenso wenig weiß er jedoch die Quanten-Physik als Erklärung sinnvoll anzuwenden - dem Kritiker bleibt letzterer Ansatz jedenfalls "schleierhaft". Seiner Ansicht nach scheitert Searle auf dem Weg zur finalen Erkenntnis über menschliche Entscheidungen, weil er sich "den Weg zu einer sinnvollen Antwort von Anfang an verstellt". Denn Searle glaube an das Gefühl der "Lücke", jenen Moment zwischen Überlegung und Entscheidung, in dem die Freiheit ins Spiel komme. Deren Existenz jedoch bezweifelt der Rezensent: "Ich für meinen Teil habe sie nie gespürt."
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 11.09.2004
Keineswegs überzeugt zeigt sich Rezensent Michael Hampe von John Searles Buch über das Gehirn und die Freiheit. Schon die großspurige Ankündigung des Professors für Philosophie des Geistes und Sprachphilosophie, das Geist-Körper-Problem endlich zu lösen, geht Hampe auf die Nerven. Searles Problemlösungsgedöns klingt für ihn vor allem "amerikanisch", ja "geradezu texanisch". Skeptisch schildert er Searles Ansicht der Willensfreiheit als neurobiologisches Phänomen sowie seine These, Bewusstsein sei ein "einheitliches Feld", das biologisch als eine Systemeigenschaft des neuronalen Apparats realisiert werde. Mit seinem Verweis auf die Evolutionstheorie und der Auffassung, Bewusstsein habe mit Eigenschaften des neuronalen Systems überhaupt und Entscheidungsfreiheit mit Quantenphysik zu tun, so Hampe, gebe Searle seinen Ausführungen einen gewissen naturwissenschaftlichen Anstrich. Gleichzeitig wolle er aber in einem "transzendentalen Argument" ein handelndes und begründendes "Selbst" erschließen. Hampe hält dem Autor vor, wichtige Fragen erst gar nicht zu stellen, seine Thesen kaum zu begründen und an keiner Stelle zu zeigen, wie er eigentlich die Quantenmechanik deute und was für ein Zusammenhang zwischen dem vermeintlichen Lückenbewusstsein und dieser physikalischen Theorie bestehe. "Selten war so wenig Argument und so viel Bluff in einem Buch von einem renommierten Autor der analytischen Tradition zu finden", resümiert der enttäuschte Rezensent. Searle habe "kein einziges Problem gelöst, sondern nur heiße Luft produziert."
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