Das Buch liefert eine neuartige Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Im Sinne einer Gesamtgeschichte der gelesenen Literatur beschreibt es nicht nur die Höhenkammliteratur der Bildungseliten, sondern auch die Repräsentationsliteratur der Führungsschichten, die Unterhaltungsliteratur der Mittelschichten sowie die Kompensationsliteratur der Deklassierten. Jede dieser vier Literaturen hat ihre eigenen Funktionen und ihre eigene Entwicklungsdynamik. Von den herkömmlichen Formen der Literaturgeschichtsschreibung unterscheidet sich diese Literaturgeschichte durch die konsequente Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes der Kultursoziologie, der Leserforschung und der Medienwirkungsanalyse.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.09.2004
Magnus Klaue hat an Jost Schneiders "Sozialgeschichte des Lebens" viel auszusetzen. Schneider glaube, die Grenzen der Epochen und Disziplinen ignorieren zu können, moniert Klaue, und ersetze den angeblich vorbelasteten Epochenbegriff durch den viel allgemeineren Terminus "Zeitalter", was beispielsweise das gesamte Mittelalter zu einer "Episode" degradiere und die Brüche nivelliere. Schneider scheut, bringt Klaue seine Kritik auf den Punkt, jede Systematik und weigere sich zugunsten einer vermeintlichen Wertfreiheit, das 20. Jahrhundert mit einem schichten- und klassenspezifischen Vokabular zu analysieren. Aber die allgemeine Kategorie "Zeitalter" vermag laut Klaue gerade mal einer hierarchisierten Ständegesellschaft gerecht werden, aber zur Beschreibung und Analyse der modernen Gesellschaft reiche sie hinten und vorne nicht. Schichten verwandelten sich einfach in Milieus, was zu einer unguten Mischung von Ökonomie und Lifestyle führe. Es gelte doch gerade die Widersprüche zu erforschen: Warum interessierten sich heute Bildungseliten für Comics und warum werde ein Bildungskanon gerade jetzt populär, fragt Klaue. Dafür müsste Schneider den literarischen Transfer zwischen den Schichten herausarbeiten, statt unterschiedliche Milieus aufzuzählen. So biete Schneiders additiver Ansatz leider bloß das, resümiert Klaue, was er nicht sein wollte: einen reinen Überblick.
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