Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Klappentext
Am Anfang hängt in einem abgetakelten Bahnhofsviertel ein Mann kopfüber von einem Klettergerüst. Sein Name ist Abel Nema, und man sagt ihm nach, ein Genie zu sein. Doch was nützt das, wenn sich einmal ein Leben derart verändert hat, daß sich nichts und niemand mehr am richtigen Ort befindet - am allerwenigsten man selbst. Zuerst verschwindet der Vater spurlos, dann, nachdem Abel ihm seine Liebe erklärt hat, der Jugendfreund, und schließlich bricht in seinem Heimatland auch noch ein Bürgerkrieg aus - seitdem sitzt er im Westen fest. Immer wieder nimmt er Anlauf, Herr über sein Schicksal zu werden, versucht sich als Lehrer und als Landstreicher, und am Schluss sogar als Ehemann. Er wird, und nicht nur einmal, geliebt, dennoch: Eines Tages ist der talentierte Mensch, der ich bin, einfach verzweifelt.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 06.10.2004
Hymnisch preist Jörg Magenau Terezia Moras Roman "Alle Tage". Er rühmt die Sprachkunst der Autorin, die im Jahre 2000 den Bachmannpreis gewonnen hat. Und auch die Hauptfigur ihres Romans, Abel Nema, der an seiner Unberührbarkeit zugrunde geht, brenne sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Mora erzählt die Geschichte eines Menschen, der den Weg zu den Menschen nicht findet - der zehn Sprachen fehlerfrei beherrscht, aber doch mit niemandem reden kann; der von allen Frauen begehrt wird, und doch zur Liebe nicht in der Lage ist; der sich Alkohol literweise zuführt, dem aber die Erfahrung des Rausches fremd ist. Ein Verlorener, der einst aus Jugoslawien davonging - und in der deutschen Stadt "B." nie ankam. Ein geborener Fremdling. Der Rezensent vergleicht diesen antiheroischen Helden mit Franz Biberkopf und Gesine Cresspahl - und die literarische Verwandtschaft, in die er damit "Alle Tage" rückt, drückt deutlich seine Wertschätzung aus.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004
Eine Besprechung - ach was: eine Feier - voller Superlative und vorsichtshalber noch einem Vergleich, doch der hatte sich wohl aufgedrängt: Terezia Moras erster Roman, schreibt Rezensent Michael Adrian, stellt sich selber in einen Zusammenhang mit Ingeborg Bachmanns "Malina" und erweist sich als ebenbürtig. Sein Protagonist Abel Nema ist jemand, der in eine Stadt gespült wurde, die wohl deutsch ist, aus einem Land, das wohl Jugoslawien war, ein Fremder sich selbst und anderen, nirgends zu Hause und selber unbehaust. Was ihn mal ausmachte, ist verlorengegangen durch den Verrat eines Geliebten, zerfallen mit der Heimat. Dass sein Leben im Exil rein äußerlich funktioniert, dass er sich als Sprachgenie erweist, es ist dem Rezensenten zufolge keine Rettung - die Sprache stopfe nur die innere Leere an wie Zeitungen, Nema beherrsche sie perfekt, akzentfrei, auch frei von Persönlichkeit. Deshalb, so Adrian, ist seine Geschichte die eines Untergangs, deshalb hängt er am Anfang und Ende kopfüber von einem Klettergerüst. Ein "strahlend intelligenter, souverän konstruierter Großstadtroman", schreibt Adrian, "voller Gewalt und vergeblicher Liebe" - denn Nema wird geliebt, auch wenn es ihm nicht hilft - und alles in allem "einer der ambitioniertesten und eigensinnigsten, (...) der komplexesten und schönsten deutschsprachigen Romane der jüngsten Zeit."
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004
Ein "völlig stilsicherer, formal beglückend ambitionierter und vor Witz funkelnder Text" - so feiert Tilman Spreckelsen dieses großangelegte Panorama um den zehnsprachigen Abel Nema. Der Rezensent fühlt sich reich belohnt für die Aufmerksamkeit, die seine Lektüre ihm abverlangt hat. Von einem virtuos geknüpftes Netz findet er unterschiedliche Themen und aufeinander bezogene Episoden getragen: die Situation von Migranten und die Notwendigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen, die Rolle der Sprache in diesem Prozess und schließlich eine "bezaubernd bittere" Liebesgeschichte. Terezia Mora beherrsche "jeden Tonfall ihrer sehr unterschiedlichen Figuren aufs Glaubwürdigste", verbinde "sprachliche Präzision mit dem Willen zur Eleganz" und verliere trotz zahlreicher ausschweifender Exkurse "die Fäden keinen Moment aus der Hand".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.10.2004
Im Vergleich zu ihrem ersten Erzählband "Seltsame Materie" hat Terezia Mora laut Paul Jandl nun einen "ungleich lebendigeren" Debütroman vorgelegt. Es geht um Abel Nema, einen jungen Mann, der vermutlich aus Jugoslawien geflohen ist, nun in Berlin lebt, Sprachen wie nebenbei lernt und als Übersetzer arbeitet. Die Figur ist symbolisch aufgeladen, die Anspielungen an die Heilige Schrift zahlreich, so Jandl: "Ein biblischer Abel und ein mönchischer Abälard." Eine durchgängige Geschichte hat Jandl nicht erkannt. Mora legt zwar "mit versierter Eleganz" Fährten aus, die aber so wahllos scheinen wie Abel Nemas Streifzüge durch ein dunkles Berlin. Nema ist ein "Heiliger", bekräftigt Jandl, und er hält dieses "unverkrampfte Verhältnis zum Magischen", das die Schriftsteller aus dem Osten auszeichne, für sehr angenehm. Ein "düster schillerndes Buch, poetisch und gelehrt", lobt er. Trotz aller Symbolik auch ein politischer Roman mit einem Flüchtling vom Balkan, dem als fremder "Barbar" in Deutschland alles fremd erscheine. Und das erzählt von einer Autorin, die, so Bucheli, "die große Kunst ungerührter Lakonie" beherrscht.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.09.2004
Eine "große Leistung" nennt Verena Auffermann diesen Roman der aus Ungarn stammenden und seit 15 Jahren in Berlin lebenden Terezia Mora. Diese war bisher durch einen mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichneten Erzählband und die Übersetzung von Peter Esterhazys "Harmonia Caelestis" hervorgetreten. Ihr Debütroman, dieses "gottlos-gottvolle Buch" über das Leben Abel Nemas, der, vom geliebten Abiturienten Ilja abgewiesen, Ungarn verlässt, zehn Sprachen lernt und als Übersetzer arbeitet, ist ein Buch über die "Liebe und die Liebe zur Sprache", erklärt die Rezensentin. Die Autorin spielt ironisch mit der "Rolle des Schriftstellers", wechselt rasant die Erzählperspektiven, setzt "Trauerfarben und filmische Schatten" ein und zitiert ausgiebig aus Filmen, Büchern, Gedichten, schreibt die beeindruckte Rezensentin, die sich durch den unrettbar einsamen Abel Nema an Melvilles Protagonisten Bartleby erinnert fühlt. Sie rühmt die "kühne und kunstvoll rücksichtslose" Erzählweise der Autorin und findet diese "exzeptionelle literarische Expedition" in das Leben eines "heimatlosen, staatenlosen, hoch begabten und nutzlosen" Flüchtlings außerordentlich lesenswert.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 02.09.2004
"So eigenartig es klingt: Die deutschsprachige Gegenwarts-Literatur junger Ungarinnen hat, nach Zsuzsa Banks ganz anders geartetem, melancholischem Romanerstling 'Der Schwimmer', mit der exzessiven Roman-Wucherung 'Alle Tage' schon ihr zweites Hauptwerk erhalten", jubelt Hans-Peter Kunisch über Terezia Moras Debütroman. Im Mittelpunkt der Handlung steht der seltsame Abel Nema, in dessen bewegter Lebensgeschichte sich die ganze Hysterie dieser von "existentieller Nervosität" geprägten Zeit widerspiegelt, erklärt der Rezensent. Dies wird seiner Ansicht nach auch in den stilistischen Besonderheiten dieses Romans deutlich, der von Reihungen, sehr "direkten Dialogen" und einem rasanten Erzähltempo geprägt ist. Mora schafft eine "Atmosphäre der Unruhe", die in ihrer sprachlichen Intensität "lyrische" Qualitäten entwickelt, schwärmt Kunisch. Auch wenn er die ausufernden Geschichtchen manchmal etwas zu obskur findet, preist er den Roman insgesamt als einen "großen, der literarischen Moderne" gleichermaßen wie der "gesellschaftlichen Gegenwart verpflichteten Roman". Dass Mora dabei auch politische Themen aufgreift, ohne dabei den Eindruck zu erwecken, ein Pflichtprogramm abzuarbeiten, streicht der Rezensent auch noch lobend heraus. "Der Osten lässt sich nicht schlucken. Indem er Literatur Ernst nimmt, gibt er dem Westen einen Stoß", resümiert Kunisch die segensreiche Wirkung ungarischer Schriftstellerinnen im Allgemeinen und Terezia Moras im Besonderen.
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19.08.2010: Die argentinische Journalistin Maria Sonia Cristoff bereist Patagonien und berichtet von den Menschen, die es dorthin verschlagen hat, in diese gottverlassenen Landschaften am anderen Ende der Welt. Lesen Sie hier einen Auszug aus: "Patagonische Gespenster". Mehr lesen





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