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Mike Davis
Die Geburt der Dritten Welt
Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter
Klappentext
Aus dem Amerikanischen von Ingrid Scherf, Britta Grell und Jürgen Pelzer. Ende des 19. Jahrhunderts zerstörten Dürren ungeheuren Ausmaßes wiederholt die Ernährungsgrundlagen in den Teilen der Erde, die heute "Dritte Welt" genannt werden. Zwischen 1876 und 1879 sowie zwischen 1896 und 1900 starben in den im Allgemeinen als klimabedingt definierten Hungerskatastrophen und nachfolgenden Epidemien in Äthiopien, Indien, China und Brasilien zwischen dreißig und sechzig Millionen Menschen. Als unmittelbarer Auslöser dieser wenig beachteten, aber ungeheuerlichen Massenvernichtung wurden in der Wissenschaft bisher Wetterphänomene wie El Nino verantwortlich gemacht. Doch die Natur allein ist selten so tödlich. Mike Davis legt in seiner "Politischen Ökologie" des Hungers die Hintergründe zwischen Weltklima und Weltökonomie im imperialistischen Zeitalter frei, die zur "Geburt der Dritten Welt" führten und bis heute nachwirken.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.11.2004
Die Globalisierung ist keineswegs eine Entwicklung der jüngeren Zeit - dies wohl das Hauptargument von Mike Davis' neuestem Werk. Was er darin demonstriert, sind nämlich Phänomene, der sehr heutig anmuten, in Wahrheit aber aus der Hochblüte des britischen Imperialismus stammen. So berichtet Davis von millionenfachem Sterben, das der Umorientierung der regionalen indischen Wirtschaft auf den Weltmarkt geschuldet war: Die Wetterkatastrophe, die sich ereignete, traf Indien deshalb unvorbereitet, sämtliche Getreidelager waren ausgeräumt, die Lebensmittelvorräte für schnelles Geld verscherbelt. So weit, so beeindruckend als historische Rekonstruktion, meint der Rezensent Jürgen Zimmerer. Ob er Davis' Argument, dass dieser "Holocaust" von der Kolonialmacht England bewusst herbeigeführt worden sei, folgen kann und möchte, da ist er sich allerdings nicht so sicher.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2004
Kaum jemand hat je etwas von den drei großen Hungersnöten gehört, die zwischen 1876 und 1902 nahezu sechzig Millionen Menschen auf der südlichen Erdhalbkugel das Leben kostete. Dies beabsichtigt Mike Davis zu ändern, berichtet der Rezensent Wolfgang Uchatius, und er deckt dabei nicht nur diese "geheime Geschichte des 19. Jahrhunderts" auf, wie er es nennt, sondern auch ihre dreifache Ursache. Wobei der Begriff "Ursache" den Kern von Davis' Ausführungen nicht wirklich treffe, denn es gehe ihm um Schuld. Tatsächlich befinde sich unter den drei Faktoren, die für Davis zur Geburt der Dritten Welt geführt haben, nur ein einziger natürlichen Ursprungs: die periodisch wiederkehrende Naturkatastrophe El Nino. Diese allein, argumentiere Davis, hätte nicht zu einer Hungerkatastrophe ausgereicht, wenn nicht die Rücksichtslosigkeit der europäischen Kolonialherren und deren Glorifizierung des "freien Marktes" gewesen wären. In der Tat hätten diese, auch unter Einfluss der Selbstregulierungsdoktrin von Adam Smith, jegliche Hilfeleistung der eingeborenen Bevölkerung gegenüber, sei es in Form von Naturalien oder preisstabilisierenden Maßnahmen, unterlassen. Mit diesen drei Hungerkatastrophen, so Davis, habe - unwiderruflich und von den europäischen Kolonialmächten verschuldet - die Geburtstunde der Dritten Welt geläutet. Das geht dem Rezensenten dann doch ein wenig zu weit. Doch auch wenn man die drei Hungersnöte nicht allein für das gegenwärtige Ungleichgewicht in der Wohlstandsverteilung verantwortlich machen kann, so sein Fazit, hat Davis doch ein "großes Buch über ein vergessenes Unrecht" geschrieben.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 25.09.2004
Die Zusammenhänge, die der marxistisch orientierte Soziologe Mike Davis hier entfaltet, sind einigermaßen komplex, erstaunlicherweise haben sie aber viel mit dem Wetter zu tun. Eine Klimakatastrophe in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nämlich war, so seine These, der Auslöser für die "Geburt der Dritten Welt", das heißt Hungersnöte und weitflächige Verarmung in ganzen Kontinenten. Der Auslöser, aber nicht die Ursache. Die liegt sehr viel eher im Zusammenspiel von "integrierter Weltökonomie, der zugehörigen spätviktorianischen Freihandelsideologie und dem Imperialismus". Am Beispiel Indien wird es vorgeführt: Die liberalistische Kolonialideologie zerstörte alte Vorratsstrukturen, verweigerte jede Nothilfe von Staatsseite und lieferte die lokale Wirtschaft so dem Klima aus, das mit Unwettern und Hitze für Ernteausfälle sorgte. Dies nur eines der zahlreichen Beispiele - und en détail nachprüfbar, so Mark Terkessidis, sind sie nur für den Fachmann, nicht für den Rezensenten. Glaubwürdig aber findet der den Autor allemal. Alle Versuche, ihm bei seinem letzten, höchst umstrittenen Buch "Ökologie der Angst" Fehler nachzuweisen, seien nämlich gescheitert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.08.2004
Dieses Buch von Mike Davis hat, so erfahren wird von Rezensent Gottfried Oy, in den USA, aber auch in Frankreich und Italien eine rege Debatte ausgelöst. Die zentrale These von Davis lautet, wie Oy berichtet: Nicht mangelnder Fortschritt, sondern die Zerstörung "traditioneller Formen des Katastrophenschutzes" und der "ökologischen Vorsorge" im Namen des Fortschritts während des "imperialistischen Zeitalters" sei schuld gewesen am unvorstellbaren Ausmaß der Hungersnöte am Ende des 19. Jahrhunderts in diesen heute zum Teil zur "Dritten Welt" gezählten Weltregionen. Damit stelle Davis sich diametral der üblichen, von den meisten Wirtschaftshistorikern heute vertretenen Erklärung gegenüber, wonach die beginnende Industrialisierung sicher mehr Menschenleben hätte retten können, wenn sie dort zum damaligen Zeitpunkt schon weiter fortgeschritten gewesen wäre. Oy lobt, "auch wenn die Anklage des Imperialismus sicher nicht neu ist", so sei Davis' Analyse doch schlüssig und differenziert. "Kritikwürdig" war für der Rezensent einzig ein "romantisierender Bezug" dieses Buches auf die traditionelle Subsistenzwirtschaft - auch wenn Davis daraus wenigstens nicht auch noch vorschnell ein Rezept für heute ableite.
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