Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
Literaturbeilagen
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Klappentext
Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Im letzten Kapitel seines neuen, monumentalen Romans berichtet Amos Oz vom Selbstmord von Fania Klausner, seiner Mutter, im Januar des Jahres 1952. Er ist zu diesem Zeitpunkt zwölf Jahre alt. Die möglichen Gründe für diesen Akt der Verzweiflung sucht Amos Oz, der Erzähler, aufzuhellen durch eine Vergegenwärtigung der Geschichte seiner Familie, die sich zu einem Panorama des Lebens osteuropäischer Juden, der Situation der Einwanderer in Palästina und in einem immer gefährdeten Staat ausweitet. Der Roman setzt ein im Jerusalem der vierziger Jahre, dem Fluchtpunkt all jener, denen es gelungen ist, den Pogromen und den Nationalsozialisten zu entkommen, und die entschlossen sind, sich nie wieder demütigen zu lassen. Ihre Geschichte, die alle menschlichen und politischen Triebkräfte zwischen Liebe und Finsternis geprägt haben, stellt Amos Oz mal traurig, mal ironisch, mal heiter, mal bitter vor Augen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 05.03.2005
Zunehmend treibt Amos Oz in seinen Romanen die Verquickung von Autobiografie und Fiktion ins Ununterscheidbare voran, stellt die Rezensentin Stefana Sabin erst einmal fest. Dieser umfangreiche Text nennt sich Roman, erzählt aber in großen Teilen die Geschichte der Familie des Autors. Rekonstruiert werden die Lebensläufe von Eltern, Großeltern, Freunde aus der askenasischen Intelligenz. Es geht um die Jahre, die Oz im Kibbuz verbracht hat, um seinen Werdegang als Schriftsteller und in "großen Zeitkurven" auch um die Verhältnisse zwischen Israelis und Palästinensern. Selbst als Autor dieses Buches hat der Verfasser im Buch noch seinen Auftritt. Keineswegs erfahre man dieses postmoderne Vorgehen bei der Lektüre jedoch als störend, so die Rezensentin. Das Ergebnis ist vielmehr eine "fast barocke "Üppigkeit", das Buch erweist sich in seiner "kunstvollen Mischung aus historischer Rekonstruktion, autobiografischem Diskurs, kulturpolitischer Analyse, psychologischer Charakterdarstellung und anekdotischem Erzählen" als "großer erzählerischer Entwurf".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004
Tief beeindruckt und verzaubert zeigt sich die Rezensentin Martina Meister von Amos Oz' "Opus Magnum der Erinnerung", das sich auf fast 800 Seiten entfaltet. Fünfzig Jahre nach dem Selbstmord der Mutter, den Oz bislang mit Schweigen belegt habe, blicke Oz zurück und rekonstruiere die Geschichte seiner Familie. Dabei, so die Rezensentin, beharrt Oz jedoch auf der Bezeichnung "Roman", denn er begreife das Auffinden der eigenen Kindheit immer auch als ihr Erfinden. Dies erscheint auch der Rezensentin insofern glaubhaft, als Oz mit diesem "autobiografischen Meisterwerk" nicht nur eine "Selbstrettung" vollführt, sondern sich auch als das Kind erfindet, "das seiner Mutter das Leben rettet". Doch das Buch ist nicht nur von autobiografischem Interesse, wie die Rezensentin betont, es stelle auch ein "einmaliges Dokument der Geburtsstunden des Staates Israel" dar und zeige Israels "ganz eigenen Generationskonflikt" auf, zwischen der Generation der Diasporajuden, "die ihre Heimat verloren haben, aber letztlich nie angekommen sind in Israel", und ihren dort geborenen Kindern. Und so klingt durch dieses Buch nicht zuletzt der "Basso Continuo" einer "enttäuschten Liebe", der Liebe der europäischen Juden zu Europa, so die Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.10.2004
Sehr selten, schreibt Felicitas von Lovenberg, begegnet man einem Buch, vor dem man "nicht nur als Leser, sondern auch als Charakter bestehen möchte". Die "Geschichte von Liebe und Finsternis" sei ein solches, denn zu seinem hohen, seinem herausragenden literarischen Wert komme noch ein anderer, so seltener, "dass man einige hundert Seiten braucht, um zu begreifen, was es ist: Anstand." Amos Oz, so Lovenberg, glaubt an die Güte der Menschen und daran, dass die Dunkelheit ihrer Existenz und das Furchtbare, das sie einander antun, nicht gewollt sind - dass sie passieren, so wie die Ehe seiner Eltern eine Tragödie wurde, obwohl beide einander gut sein wollten. Und weil das so ist, kann Oz vom Kampf zwischen Juden und Arabern und der Zerstörung immer neuer Hoffnungen erzählen, von der bedrückenden Atmosphäre des Lebens in Jerusalem im Jahr 1939, von der Traurigkeit und dem Selbstmord der Mutter und kann bei alldem trotzdem Großherzigkeit und Menschenfreundlichkeit und Liebe zur Literatur zum Ausdruck bringen. Lovenberg sieht hier auch einen großen Erzähler am Werk: einen, der weiß, welche Zeit die Dinge brauchen, um sich ihren Weg zum Leser zu bahnen, der die Tonfälle all der Figuren in unser Ohr flüstert, als wären wir dabei, der das Bedrückende in "Beschreibungen von zarter Komik" einschlagen und aus Details die Atmosphäre einer vergangenen Zeit komponieren kann. Ein "erhellenderes, klügeres, vielschichtigeres Buch über Israel, über Familien und das, was Menschen zusammenhält und was sie trennt, kann man niemandem empfehlen", schreibt die Rezensentin. Und dazu gibt es noch das beste Lob, dass man einer Übersetzerin oder einem Übersetzer - hier ist es Ruth Achlama - wünschen kann: Man vergesse, "dass dieses Buch nicht auf deutsch geschrieben wurde".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2004
In den höchsten Tönen schwärmt Rezensent Karl-Markus Gauß von diesem Roman. Der Roman, über dessen Reichtum an "Themen, Motiven, Stoffen" der Rezensent nur staunen kann, ist das "persönlichste Buch" des israelischen Autors, der darin von seiner Kindheit, der tragischen Ehe seiner Eltern und vom Selbstmord seiner Mutter schreibt, teilt Gauß mit. Dazu ist es aber auch noch ein "Stadtroman" von Jerusalem, dessen Wohnviertel in größter "atmosphärischer" Dichte evoziert werden, wie auch eine Geschichte der Einwanderer und des Landes, so der Rezensent weiter. Weil die Darstellungen so "pointenreich, spannend und immer wieder auch witzig" sind, bemerkt der Leser gar nicht, dass er dabei an einem "Grundkurs in mitteleuropäischer und hebräischer Geschichte" teilnimmt, preist der begeisterte Rezensent. Allerdings spricht Gauß auch eine Warnung aus: Wer die Lektüre von über 700 Seiten aufnimmt, wird den Roman so bald nicht aus der Hand legen können. Da hilft nur "krank melden oder nächtens lesen", rät Gauß, der dieses Buch ohne jede Einschränkung empfiehlt.
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