Nach dem 2001 erschienenen Roman "Ein Frühling irrer Hoffnung" entwirft Schöfer in "Zwielicht" ein breites Panorama der siebziger Jahre, in deren Verlauf viele Reformanstöße der Achtundsechziger weiterentwickelt werden. Die lange verdunkelte Arbeitswelt und die Natur werden in Bürgerinitiativen, in der Arbeiterbewegung und in der Literatur neu entdeckt. Gleichzeitig rüstet der demokratische Staat, in Abwehr der militanten Herausforderung durch die Gewalttäter der RAF, seine Gesetze und polizeilichen Machtmittel auf und setzt sie mit wachsendem Nachdruck auch gegen die außerparlamentarische Bewegung ein. Schöfer schildert Menschen, die in dieser zwiespältigen Entwicklung der Gesellschaft als handelnde Demokraten ihren Weg suchen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 25.08.2004
Karlheinz Braun beschreibt die Qualität von Erasmus Schöfers Roman mit einem Wort, das in der Literaturkritik normalerweise nur noch in Gänsefüßchen auftaucht: mit seiner "Authentizität". Das passt zum längst ad acta gelegten Genre, das für dieses Buch und für die Tetralogie, deren zweiten Teil es darstellt, entstaubt werden muss: der engagierte Roman mit Klassenstandpunkt. Wenn "Zwielicht" daher auch wie ein "Fossil" wirken mag - einerlei! Denn, so Braun, der Wert des Romanes liegt in der archivarischen Fülle, mit dem er die linken Aktivitäten und die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik der 70er Jahre lebendig macht - im Vordergrund die sozialpolitischen Konflikte und die Arbeitskämpfe, im Hintergrund RAF und Radikalenerlass. Die Sonde durch diese historischen Konstellationen ist die Figur des Arbeiterjournalisten Kolenda, der Protokolle wiedergibt und - fiktive und reale - Personen auftreten lässt, der aber auch die Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit des Schreibens selbst lenkt. Der letzte Teil des Romans widmet sich dann auch der Werkkreis-Literatur, der Idee - lang ist's her - "mit schreibenden Arbeitern gemeinsam Literatur zu machen, die nützlich ist. Und unterhaltsam." Fazit: Ein vielstimmiges, detailliertes, sprachlich gelungenes Romandokument von Balzac'schen Ausmaßen.
Heribert Hoven hat sich von Erasmus Schöfer ein weiteres Stück durch die Geschichte der deutschen Linken von 1968 bis 1990 führen lassen und kann den zweiten Teil der literarischen Bildungsreise (der erste, "Ein Frühling irrer Hoffnung", erschien 2001) nur empfehlen. "Ganz unaufgeregt, aber vielstimmig lässt er die Erinnerung zu Wort kommen", lobt Hoven den Autor der auf vier Teile angelegten Romanchronik. Schöfer habe ein "Textarchiv der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen" gebaut, in dem wie bei Brecht "die politischen und vor allem ideologischen Positionen jener Jahre gegeneinander" antreten; außerdem widerstehe er der Versuchung nostalgischer Rückschau und könne so mit literarischen Mitteln "die Naivität einer Generation" erfassen, "die kompromisslos nur an sich selbst glaubte" - bis hin zum deutschen Herbst. Kurzum: ein gutes "Mittel gegen linke Melancholie".
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