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zuletzt aktualisiert 20.03.2010, 13.13 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Klaus Theweleit

Tor zur Welt

Fußball als Realitätsmodell

Cover: Tor zur Welt

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2004
ISBN-10 346203393X
ISBN-13 9783462033939
Taschenbuch, 233 Seiten, 8,90 EUR

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Klappentext

Und welche Mannschaft bist du? Im kalten Deutschland des Wirtschaftswunders ist das Flüchtlingskind Klaus Theweleit der Hamburger SV. Er spielt mit einem Fußball aus Schweinsblase, erfindet stets neue Zählweisen beim Kick gegen die Wand und führt Listen mit imaginären Tabellen. So entsteht ein Modell des In-der-Welt-Seins, das ein Leben lang nicht mehr verloren geht. Später hat Theweleit es auf Pop, Film, Literatur und Wissenschaft übertragen, doch hier erzählt er seine Kindergeschichte als komplett am Magneten Fußball ausgerichtet. Dabei entstand ein erstes Ordnungssystem und öffnete sich ein Tor zur Welt. Später hat Theweleit das Spiel zu lesen gelernt und behandelt es nun wie einen Text. Er untersucht die Spiele der letzten Weltmeisterschaft nach ihren übersehenen und doch entscheidenden Wendepunkten. Theweleit fahndet zudem nach den Grundlagen des modernen Fußballs und stößt dabei auf die Kinderspiele, die heute digital sind und für ein ganz neues Verständnis von Raum sorgen.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 15.06.2004

Recht anregend findet Lothar Müller das neue Buch von Klaus Theweleit. "Tor zur Welt" sei ein Beispiel für die in der letzten Zeit grassierende Fußballpublizistik. Wo diese ihren Grund hat, darüber habe sich auch Theweleit seine Gedanken gemacht. Demnach "hätten nach dem Wegfall der politischen Utopien gewissermaßen unbeschäftigte theoretische Energien ihre Zuflucht beim Fußball gefunden". Aus Theweleit, so Müller, spricht "eine durchaus intakte Utopie. Ihr Name ist: Holland." Denn der Schwerpunkt von Theweleits Buch liegt auf Hollands Fußballsystem. Anschließend an David Winners Buch über den niederländischen Fußball "Brilliant Orange" beschäftige Theweleit sich mit dem "Raumgefühl", dabei gelehrt ausschweifend bis hin zur Malerei von Vermeer und Mondrian. Überhaupt stelle Theweleit erhellende Anschlüsse her - ob er nun den Typus des "Kloppers" und seine "deutschen Tugenden" mit dem "verstockten, maulenden, immer noch antisemitischen und rechthaberischen Nachkriegsdeutschen" in Beziehung setzt oder aus dem Oranje-Team um Johan Cruyff politische Lehren zieht: "Flache Hierarchien und Teamgeist statt autoritäre Lenker, egalitäres Kurzpassspiel statt klassischem Mittelfeldregisseur, Anschluss an die Popkultur", so der Rezensent resümierend, "das ist Theweleits Utopie sowohl des holländischen Fußballs wie der deutschen Studentenbewegung der späten 60er Jahre."

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.06.2004

Ein "aus tiefster Fanbrust angestimmtes Loblied auf die welterschließende Kraft des Fußballs" sieht Andreas Rosenfelder in Klaus Theweleits Buch "Tor zur Welt". Zwar blende Theweleit, dessen eigene Fußballerkarriere durch ein böses Faul früh gestoppt wurde, den "martialischen Untergrund" des Spiels nicht aus. Doch gegen die Anwendung der Blutgrätsche setze er auf modernen, ästhetischen Fußball, der sich durch ballorientiertes Spiel, der Abwendung vom Zweikampf und spielerischem Soldatentum auszeichnet. Dabei gehe es ihm nicht um eine sportwissenschaftliche Rehabilitierung von Anmut und Würde, weiß der Rezensent, sondern um die "geschickte Bespielung des Fußballfelds als sozialer Matrix" - schließlich stelle der Rasen die vielleicht letzte Projektionsfläche für utopisches Denken dar. Erfrischend findet Rosenfelder denn auch Theweleits Gedankenexperimente zur Verbesserung des Spiels, etwa die Einführung einer neuen Abseitsregel. Für besonders aufschlussreich hält er Theweleits Untersuchung der geheimen Wendepunkte eines Spiels, die er in Einzelbildanalysen der WM 2002 vornimmt.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.06.2004

Eigentlich hatte Silvia Henke erwartet, dass der Autor der "Männerphantasien" das "System Fußball ideologiekritisch durchlöchert und (...) den Kampfsport als Militärersatz ausweisen würde" und so weiter - aber nichts da. "Theweleit kickt schwärmerisch einen Fussballessay ins Regal", steht in der Unterzeile, und tatsächlich hat Henke einen enthusiastischen Klaus Theweleit erlebt, der Fußball hoch leben lässt, weil er nicht nur "in seiner Verkoppelung von Körpergefühl und technischer Übertragung verlebendigend wirkte und wirkt", sondern auch: zivilisatorisch. "Weil er primär Spielraum und nicht Kampfzone ist, wird Fußball (...) bei Theweleit zum Modell für eine offene Gesellschaft", und um das zu belegen, erzähle er Pausenhofgeschichten und Weltmeisterschaftsgeschichten, denke über Beckenbauer und Netzer nach und fabuliere über Stil und Ästhetik. Theweleits eigener Stil übrigens, findet die Rezensentin, sei hier nicht ganz so elegant wie die Pässe, über die er schwärmt, aber das nur am Rand. Ist Fußball also ein Tor zur Welt? Ja, meint die Rezensentin - mit einer Einschränkung: ein "männliches Tor zur Welt".

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.06.2004

Helmut Böttiger sichtet in einem knappen Überblick die Fußballbücher der Saison, kann aber größtenteils nichts Erfreuliches entdecken. Auch das Buch von Klaus Theweleit "Das Tor zur Welt", dem er sich nur wenig eingehender widmet, kann ihn nicht nachhaltig begeistern. Er attestiert dem Autor zwar, mitunter "durchaus witzig" zu sein, stellt aber bedauernd fest, dass er dennoch "keinen Humor" besitzt. Böttiger findet es ziemlich "verbissen", dass Theweleit unentwegt darauf pocht, dass es im Fußballspiel wie im richtigen Leben jetzt ums "Kurzpassspiel" geht. Außerdem moniert der Rezensent, Theweleit kümmere sich in seinem Buch nicht um die "wirklich interessanten Fragen". Dann hätte er sich nämlich beispielsweise mit dem Umstand beschäftigen müssen, warum die deutsche Fußball-Elf während der Weltmeisterschaft 2002 zwar alle schlecht gespielten Partien gewonnen, ausgerechnet das "großartig" bestrittene Endspiel gegen die schlechteren Brasilianer dagegen verloren hat. Die Untersuchung dieser "existenziellen" Frage erscheint dem unzufriedenen Rezensenten sehr viel interessanter als die "Power-Point-Essayistik", die der Autor biete.

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