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zuletzt aktualisiert 18.03.2010, 20.18 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

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Sebastian Haffner

Das Leben der Fußgänger

Feuilletons 1933-1938

Cover: Das Leben der Fußgänger

Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN-10 3446204903
ISBN-13 9783446204904
Gebunden, 396 Seiten, 23,50 EUR

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Klappentext

Herausgegeben von Jürgen Peter Schmied. Der andere Haffner: Als junger Feuilletonist berichtete er über Leben und Lebensgefühl der dreißiger Jahre. Komische Glossen stehen neben Reiseskizzen, Kindheitserinnerungen und skeptischen Betrachtungen über moderne technische Errungenschaften. Und wer genau liest, wird immer wieder Hinweise finden auf Haffners sicheres Gespür für die Katastrophe, auf die Deutschland in diesen Jahren zusteuerte.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2004

Weder zur Literatur des Widerstandes noch überhaupt zur großen Literatur möchte Rezensent Hans Ulrich Gumprecht diese spät entdeckten Feuilletons Sebastian Haffners aus den Jahren 1933 bis 1938 zählen. Die Erklärung des Klappentextes, in dem Haffners Texte mit denen Alfred Kerrs oder Alfred Polgars auf ein Niveau gehoben werden, kontert er mit der freundlich-neutralen Formulierung: "Auch eine verspätete Entdeckung macht nicht jeden Text zu einem großen Text". Das Interessanteste an den Feuilletons ist für den Rezensenten, wie wenig Haffner darin auf die deutsche Politik jener Jahre eingeht. Stattdessen sieht er Haffner ein "Bild vom gepflegten Alltagsleben in der Metropole Berlin" entfalten, dessen Themen sich lange vor 1933 entfaltet hätten und deren Horizont Gumprecht als "eher konventionell" beschreibt. Gelegentlich gerät der Rezensent auch an die Grenzen seiner Geduld: etwa wenn Haffners "goldige Durschnittlichkeit" mit privaten Schilderungen die Peinlichkeitsschallmauer durchbricht. Insgesamt geben ihm diese Texte Einblicke in ein vom Nationalsozialismus ersticktes Biedermeier, das Gumprecht zufolge auf den Orkan der zwanziger Jahre gefolgt sei. Fazit: die Texte ohne Enttäuschung und Langeweile zu lesen, setze ein sehr differenziertes Interesse an der deutschen Geschichte voraus.

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.04.2004

Es hätte ein Buch der Fragen werden können, so der Rezensent Andrew James Johnston über Sebastian Haffners vorliegende Feuilletons aus den Jahren 1933 bis 1938. Denn Haffners Texte, die an der Oberfläche das Spiel der Normalität inmitten der Nazi-Herrschaft mitspielen, verlangen dem heutigen Leser gleich in doppelter Hinsicht die größtmögliche Aufmerksamkeit ab. Ihm fehlen, so der Rezensent, nicht nur die "Zeitbezüge", die eine nuanciertere Lektüre der Anspielungen ermöglichen würden, ihm fehlt auch die Hilfestellung des Herausgebers. Jürgen Peter Schmied, der Haffners Feuilletons bei seiner Promotionsrecherche entdeckte und als "hübsches" Bändchen herausgegeben hat, mache es dem Leser schwer sich darin zurechtzufinden: Die Feuilletons folgen keiner chronologischen Anordnung, sie seien in "betulich klingende Kategorien" gegliedert ("Wunder des Alltags", "Tücken der Technik", "Kurioses und Skurriles"), und ihr Erscheinungsort und -datum - die ja für den Deutlichkeitsgrad der Aussage entscheidend seien - werden erst im Anhang vermerkt. Auch die biografischen Anmerkungen im Anhang findet der Rezensent seltsam "wolkig". So verliere sich das "Abgründige" dieser "Preziosen". Haffners "reizvolle Plaudereien über Zigaretten und Telefone, fremde Scheidungssitten und Filmhelden" bleiben dadurch für den Rezensenten ebendies: Plaudereien, die keine Fragen nach Schein oder Sein der Normalität aufgeben.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.04.2004

"Als einen angenehmen Plauderer muss man sich diesen jungen Mann vorstellen", schreibt Jörg Plath über den frühen Sebastian Haffner. Er hat ihn eben erst kennen gelernt, und er findet ihn "wohlerzogen und originell", wenn auch nicht so hellsichtig, wie er ihm vom Klappentext vorgestellt wurde. Es geht um Haffners Feuilletons aus der Nazizeit - doch gab es denn da überhaupt Themen für einen liberalen, gebildeten Menschen, die kein Fall für die Zensur waren? Es gab sie, meint Plath: Äußerlichkeiten, Stilfragen, Alltagsgeschichten. Langweilig? Mitnichten, ruft der Rezensent; Haffner kehre seiner Zeit "demonstrativ den Rücken zu" und entzünde "hübsche bengalische Feuer" des Wortwitzes und der überraschenden These - ein Beleg, "wie viel Eleganz, Esprit und Weltläufigkeit es auch während der Nazizeit gab". Nur dunkle Vorahnungen hat Plath nicht gefunden, ebenso wenig übrigens die Beschäftigung mit dem Nummer-Eins-Thema des zeitgenössischen Feuilletons, der Großstadt. Der gelernte Jurist sei gezwungen gewesen, "elegant auf der Stelle zu treten, sich in Stilfragen zu üben und von Zeit zu Zeit das Rad neu zu erfinden. All das ist Sebastian Haffner in bewundernswertem und heute noch lesenswertem Maße gelungen." Nur schade, dass die Anmerkungen so dünn ausfallen, aus denen Plath aber immerhin erfahren hat, dass Haffner auch Modereportagen schrieb. Die hätte er zu gerne gelesen, sie sind aber leider nicht enthalten.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.04.2004

Volker Ullrich preist diese Sammlung von Texten für das Feuilleton, die Sebastian Haffner zwischen 1933 und 1938 für verschiedene Zeitungen schrieb, als "Entdeckung". Der Publizist, der erst im Jahr 2000 durch seine 1939 entstandene Autobiografie "Geschichte eines Deutschen" wieder weithin bekannt wurde, erweist sich in diesen Prosatexten als "Meister der kleinen Form", so der Rezensent begeistert. Zumeist findet Haffner in alltäglichen Beobachtungen seine Sujets, und er schreibt auch besonders gern über "menschliche Schwächen und Laster", dann aber stets mit einem "liebevollen Blick", bemerkt Ullrich. Er ist beeindruckt von der schieren Fülle der Themen, und besonders bemerkenswert erscheint ihm, dass es Haffner gelingt, jeglichen nationalsozialistischen Jargon aus seinen Texten herauszuhalten. Obwohl der Autor selbst seine Arbeiten für das Feuilleton als "harmloses, snobistisches Zeug" herunterspielte, entdeckt der Rezensent darin auch eine politische Dimension, die Haffners Ablehnung der Nazidiktatur andeutet. Den Herausgeber Jürgen Peter Schmied lobt Ullrich für die "geschickte" Auswahl und die "klugen" Kommentare. Schmied habe es mit dieser Publikation ermöglicht, schon in diesen frühen Arbeiten den "späteren großen politischen Journalisten" Haffner mit seinem Talent, auch dem "scheinbar Bedeutungslosen Bedeutung abzugewinnen", zu entdecken, schwärmt Ulrich. Die "wunderbaren kleinen, listigen Harmlosigkeiten" findet er einfach hinreißend und versichert, dass sie auch heutigen Lesern "großen Genuss" bereiten werden.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 27.03.2004

Sebastian Haffner war ein brillanter Feuilletonist der Weimarer Republik, bevor er zum politischen Analytiker wurde, als der er heute vornehmlich in Erinnerung ist. Dies festzustellen ermöglicht der jetzt veröffentlichte Band mit Haffners Feuilletons aus den Jahren 1933 bis 1938. Nicht die Abstraktion ist hier die Sache des Autors, sondern der Blick aufs Fragmentarische, der Blick des Flaneurs, der weniger zu Kulturkritk als zu genauer Beobachtung aufgelegt ist. In den für die "Vossische Zeitung", "Die Dame" und "Koralle" geschriebenen Texten erweist sich Haffner, so der Rezensent Martin Meyer, als "Detektiv des deutschen Alltagsgewissens", den aktuelle Phänomene wie der Verkehr, das Telefon, der Abreißkalender interessieren. Politisches wird dabei meist über die Bande gespielt, die Entspannung in den im englischen Exil entstandenen Texten ist allerdings, meint Meyer, kaum zu übersehen. Viele dieser Feuilletons, lobt der Rezensent in hohem Ton, lassen sich mit denen Alfred Polgars oder Franz Hessels vergleichen - und auch an Robert Walsers Texte fühlt er sich erinnert.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.03.2004

Hat nicht gerade erst Karl Schlögel die Historiker dazu aufgerufen, wieder mehr zu Fuß zu gehen, staunt Stephan Schlak. Mit Sebastian Haffner können wir einen Historiker als passionierten Fußgänger erleben, der in den 30er Jahren schon die modernen Asphalt-Sitten der Großstadt erkundete und in kleinen Feuilletons für "Die Dame" und andere Mode- und Unterhaltungsjournale festhielt, berichtet Schlak. Vor dem Hintergrund ihres Erscheinungsdatums, den Jahren 1933 - 1938, erstaune der unpolitische Charakter dieser Feuilletons, so Schlak und fragt: Musste man sich wirklich Gedanken machen, was nun männlicher sei, Kaffee oder Tee, während Hitler seine Eroberungszüge plante? Seines Erachtens sollte man den privaten Charakter dieser Notate heute programmatisch, das heißt politisch interpretieren, gerade das Verweigern der politischen Berichterstattung habe eine subversive Note. Indirekt werde der Einbruch des politischen Terrors in den Alltag damit durchaus geschildert, stellt Schlak fest und zitiert Haffner mit dem Satz, "mit der Zigarette zwischen den Fingern ist es unmöglich, den Übermenschen zu spielen". Nach all den heroischen Gestalten, die das 20. Jahrhundert verschlissen habe, Bürger, Arbeiter, Soldaten, sei der Fußgänger vielleicht die vorerst letzte "liberale heroische Figur", die uns geblieben sei, merkt Schlak ebenso erstaunt wie erleichtert zum Abschluss an.

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