Bücherschau der Woche
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Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.
Klappentext
Leonore sitzt im Bungalow der Grotewohl-Villa. Im ehemaligen Gästehaus des Schriftstellerverbandes der DDR haben "Freunde der DDR" hier, mitten in Pankow, gewohnt. Leonore, Ende vierzig und Journalistin aus Wien, ist nur beruflich in Berlin. Vor zwei Wochen ist ihre langjährige Liebe zu Ende gegangen, die immer komplizierter gewordene Geschichte mit Paul, der in München noch mit seiner Ex-Frau Traude zusammenlebt. In der bizarren Abgeschiedenheit des Bungalows ist Leonore mit sich, ihren Erinnerungen und Gefühlen, dem neuen Alleinsein konfrontiert - überlagert von den Phantasien von dem, was an diesem seltsamen Ort besprochen, verhandelt und angeordnet worden sein mag.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.10.2000
Alexander Honold liegt etwas daran, darauf hinzuweisen, dass das Buch - trotz des Schauplatzes, ein Literaturhaus - frei ist von autobiografischen Anflügen und sich auch an keiner Stelle `insiderisch` gibt. Die persönlichen Gedanken der Protagonistin stehen im Vordergrund, wobei der `lähmende Autismus des Ortes auf sie übergeht`, wie er feststellt. Es geht um Einsamkeit, persönliche Schadensbegrenzung, was nach Honolds Ansicht offenbar die stammelnde Sprache erklärt. Dem Rezensenten erscheint es, als `lohnten ihre (Leonores) Selbstgespräche der Mühe nicht mehr`. Gerade das Sprachliche hat es Honold offenbar besonders angetan. Ihm gefällt die `leise, figurennahe Sprachkunst` der Autorin, bei der auch Auslassungen eine bedeutende Rolle spielen. Auch die Ironie der Leonore und ihre präzisen Beobachtungen weiß er zu schätzen. Allerdings kann Honold es sich nicht verkneifen, am Ende der Rezension darauf hinzuweisen, dass es in Berlin keine Flughafen gibt namens `Berlin-Schönberg`.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.09.2000
Nach Meinung des Rezensenten Peter Böthig handelt es sich bei diesem Roman von Marlene Streeruwitz um "eine Geschichte des Scheiterns", die gleichzeitig "eine radikale Perspektive auf den Alltag von Frauen [?] entwickelt". Die Autorin zeichne die Gedanken einer Frau nach, die gerade von ihrem Freund verlassen wurde und - im Garten eines Pankower Literaturhauses sitzend - Bilanz zieht. Ihr Gedankenfluss lege eine ziemlich grundlegend zerstörte Gefühlswelt offen, für die Streeruwitz nach Ansicht des Rezensenten - jenseits von grammatikalischen Regeln - eine adäquate Sprache gefunden hat. Sie bleibt "mit großer Präzision nah an der Figur", auch wenn ihrer Sprache nicht immer leicht zu folgen ist, wie Böthig anmerkt. Dennoch: Die gewählte Sprache ist wichtig und hat "ihre Funktion als Indikator einer zerstörten Lebensganzheit". Für den Zustand der Protagonistin ist das etwas deprimierende Ambiente einer Villa im ehemaligen Osten eine passende Kulisse. Das hat bei einer Lesung in der Pankower Literaturwerkstatt zu negativen Publikumsreaktionen geführt, die Böthig aber als ungerechtfertigt ansieht. Für ihn ist lediglich der Buchtitel unglücklich gewählt, da dieser eine Ost-West Geschichte verspricht, wo doch aber "alle Reflexion in der Figur liegt".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 17.08.2000
Katharina Döbler nimmt die Erzählungen dreier Autorinnen zum Anlass, eine Lanze für das viel geschmähte Genre der Frauenliteratur zu brechen. Dem Kitschverdacht und dem Innerlichkeitsvorwurf sieht sie dabei auf ganz verschiedene Weise begegnet.
1) Maike Wetzel: "Hochzeiten"
Zu Maike Wetzels Roman bemerkt Döbler, dass die Autorin mit ihrer knappen, klaren Sprache, die auf unnötiges schmückendes Beiwerk verzichte, "Fragmente aus der Wirklichkeit" liefere. Dabei entstehen "Dialogfetzen im Originalton", die für Döbler einen hohen Grad an Authentizität haben. Ein wenig erinnert sie der lakonische Ton an Raymond Carver - allerdings gebe es bei Wetzel nur glatte Oberflächen, bei Carver dagegen "schwindelerregende Transparenz". Wetzels Sprache verliert ihre Klarheit nur dann, wenn sie Gefühle beschreibt, dann "rutschen und kippen die Texte ins Angestrengte", beobachtet Döbler.
2) Alissa Walser: "Die kleinere Hälfte der Welt"
Die Erzählungen von Alissa Walser seien dagegen mit Bedeutung aufgeladen. Döbler bewundert Walsers "außerordentliches Gespür für das sexuell Aufreizende, aber auch das Bedrohliche und Gemeine". Wenn Wetzel mit "achselzuckendem Zynismus" die Dinge nimmt, wie sie sind, beschreibe Walser die Entstehung dieser Haltung als "schmerzhaften Prozess". Besonders lobt Döbler auch die elegante Sprache, die das Derbe mit dem nur Angedeuteten gekonnt kombiniere.
3) Marlene Streeruwitz: "Majakowskiring"
Auch an dieser Erzählung lobt Döbler besonders die Sprache Streeruwitz`, die mit ihrer Rhythmisierung und Künstlichkeit bereits zum Markenzeichen der Autorin geworden sei. Dieser "irritierende Sprachduktus" ist für Döbler ein überzeugendes literarisches Verfahren. Das sich bei Liebesgeschichten immer einstellende Problem der Verkitschung löse die Autorin geschickt, indem sie den "Kitschverdacht offensiv in ihre Erzählung hineinzitiert".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.06.2000
Beatrice von Matt geht respektvoll mit der jüngsten Erzählung von Marlene Streeruwitz um. Sie schildert zunächst das Umfeld der Protagonistin und stößt dann zu deren zentralem Problem vor, das sich der Rezensentin zufolge als das Leiden aller Heldinnen der Streeruwitz-Romane herausstellt - starke Frauen mit einer unerklärlichen Sehnsucht nach Unterwerfung in der Liebe. Diesen Zwiespalt ihrer Figuren vermittele die Autorin ausschließlich über die Sprache, schreibt von Matt, über die Zerrissenheit der Sätze mit ihren abhanden gekommenen oder verschobenen Verben. Von Matt kommt zu der interessanten Feststellung, daß Streeruwitz in ihrem Monodram etwas vorführt, was ihr wie "der Schatten eines rauen Existenzialismus" vorkommt, als müßten Schriftstellerinnen die Vergeblichkeitsattitüde der 50er Jahre nachholen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.05.2000
Bitterer kann die Abrechnung mit einer zum Selbstzweck gewordenen weiblichen Sprachkritik nicht sein als in dieser SZ-Rezension. Die neue Erzählung von Marleene Streeruwitz spielt im postsozialistischen Berlin-Pankow des 1998, die Protagonistin ist eine geschiedene und kinderlose Journalistin aus Wien. Die "Suche nach Liebe" und das Gefangensein im "Frauenalltag" scheinen den Handlungsrahmen zu bilden. Rezensentin Beatrix Langner hält mit ihrer eindeutigen Meinung nicht hinterm Berg: Eher "lustlos" sei das "marode Projekt Sozialismus" als "Kulisse für den eigenen Jammer" stilisiert worden. Aber es ist vor allem die Sprache des Buches, die die Literaturkritikerin in Wallung bringt. Von einer "sich selbst verlassenen" Sprache ist die Rede, von einem Erzählen, das nur kleine Partikel von der Wirklichkeit "hereinlässt" . Ein "verstümmeltes Sprechen" als Abbild der "verstümmelten weiblichen Psyche" sei das. Die Weigerung, den Gesetzen des mimetischen Erzählens zu folgen gleiche, so Langner, einer "Kriegserklärung" an den Logozentrismus. Dieser Realitätsverzicht habe aber eine weltferne und hermetische Nabelschau zur Folge, die einer neuen Kolonisierung gleichkommt: der "Kolonisierung einer fremden Wirklichkeit" durch das verletzte weibliche Ich.
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