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Boris Barth
Dolchstoßlegenden und politische Desintegration
Das Trauma der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg 1914-1933. Habil.
Klappentext
Der Erste Weltkrieg endete mit einer eindeutigen Niederlage der Mittelmächte, und im Herbst 1918 kapitulierte das Deutsche Reich in einer aussichtslosen Situation. Die Einsicht in die Gesamtlage war aber aus strukturellen und mentalen Gründen großen Teilen der deutschen Bevölkerung verschlossen. Schon vor der Kapitulation entstanden unterschiedliche Verschwörungstheorien, die nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages einen erheblichen weiteren Aufschwung nahmen. Wie gehen Gesellschaften mit einer Niederlage in einem industriellen totalen Krieg um? Boris Barth untersucht die Denkblockaden, Wahrnehmungsmuster und die Perzeptionen der Niederlage, die zusätzlich durch die deutschen Revolutions- und Bürgerkriegserfahrungen der unmittelbaren Nachkriegszeit deformiert wurden. Er analysiert, wie gesellschaftlich maßgebliche soziale Gruppen im Deutschen Reich die Niederlage verarbeiteten, welche Lehren, Schlussfolgerungen und politisch handlungsleitende Konsequenzen sie aus ihren Erkenntnissen zogen.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.12.2003
Boris Barths materialreiche und detaillierte Untersuchung über die Frage, warum die Dolchstoßlegende zum plausibelsten Erklärungsmuster für die militärische Niederlage werden konnte, hat Rezensent Michael Salewski insgesamt überzeugt. Barth zeige, dass die frei erfunden Legenden eines antimilitaristischen "Dolchstoßes" aus dem Umfeld von USPD, Spartakus und Kommunisten, die von deren rechtsradikalen Feinden als blanke Wahrheit und "Beweis" für den "Dolchstoß" aufgenommen wurden, nur eine Facette des Dolchstoßsyndroms bildeten. In seinem "oft erschöpfend detailverliebten und fußnotenübersäten Buch" zeige Barth auch, dass die wilhelminische Gesellschaft schon während des Krieges all jene Symptome der politischen Desintegration entwickelt hatte, "die sie gegen Ende des Krieges zerfallen ließ, weil der Krieg verloren war". Barth hebe zudem das Versagen der militärische Führungselite, der Kirchen und des Bildungsbürgertums vor den Herausforderungen des sich radikalisierenden Krieges hervor. Auch wenn sich Salewski mit Barth in der historischen Tragweite der Dolchstoßlegende einig ist, zeigt er sich mit zwei Punkten in dessen Darstellung nicht einverstanden. Zum einen mit Barths Behauptung, dass der Zweite Weltkrieg in vielerlei Hinsicht nur eine "radikalisierte und auf die Spitze getriebene Neuauflage" des Ersten gewesen sei. Zum anderen mit Barths These, dass die Weimarer Republik nie eine Chance besessen habe. "Das in diesem Buch verarbeitete Quellenmaterial", resümiert der Rezensent, "widerlegt solche Thesen von selbst."
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