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zuletzt aktualisiert 15.03.2010, 09.14 Uhr

Bücher der Saison

Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

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Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Karl Corino

Robert Musil

Eine Biografie

Cover: Robert Musil

Rowohlt Verlag, Reinbek 2003
ISBN-10 3498008919
ISBN-13 9783498008918
Gebunden, 2026 Seiten, 78,00 EUR

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Klappentext

Als Ingenieur, studierter Philosoph und Experimentalpsychologe war Musil einer der gebildetsten und vielseitigsten Autoren seiner Epoche. Die zentrale Idee seines Werk, nämlich die einer Synthese von Genauigkeit und Seele, hat in unserer Zeit anGültigkeit offenbar nicht verloren. Robert Musil suchte diese Synthese - gegen die Schwächen seiner eigenen leib-seelischen Konstitution - mit schier unmenschlicher Geduld. Karl Corino legt ein weiteres Ergebnis seiner jahrzehntelangen Recherchen vor: eine fundamentale, bahnbrechende Biografie des großen österreichischen Autors.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.12.2003

Schlichtweg als Meisterwerk feiert Klaus Harpprecht Karl Corinos mächtige Musil-Biografie. 2000 Seiten stark ist die Arbeit, und wenn man dem Rezensenten glauben mag, dann ist keine Seite zuviel. Ausdrücklich lobt Harpprecht diesen Mut zur Ausführlichkeit, denn der gelernte Germanist und einstige Journalist Corino weiß ihn mit der Kraft zur Erzählung zu verbinden - beides unverzichtbar, um der vielschichtigen, auch schwierigen Person Musil mit den neun Charakteren auch nur einigermaßen gerecht zu werden. Dabei entwerfe Corino nicht nur ein vielschichtiges Bild von Musil und seiner Epoche, versichert Harpprecht, sondern unterhält auch noch! Und bei all dem gebe Corino weder der deutschen Verehrungssucht noch der Schmähsucht nach, sondern zeige Musil auf all seinen verzweigten Lebenslinien und in all seinen quälenden Widersprüchen: als "kleinmütig-engbrüstiges Genie", das "in der tragischen und banalen Not des Exils zugrunde geht".

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.12.2003

Formal durchdacht und materiell souverän, also schlechthin "großartig" findet Rezensent Joachim Kalka Karl Corinos Musil-Biografie. Diesem Urteil kann offensichtlich weder die unerbittliche Länge des Buches ("1450 Seiten Biografie, dazu vierhundert Seiten Fußnoten, prall vollgestopft mit Nachweisen, Exkursen und Spekulationen, 'Zeittafel und Itinerar', Bibliografie und ein Register, dessen 'Z' auf Seite 2023 erreicht wird") noch dessen "entschiedene Trockenheit" etwas anhaben. Corino schildert den Informationen des Rezensenten zufolge Robert Musils Leben "als unauffällige, stockende Karriere vor dem breiten Bild der Epoche", zwischen Wien und Berlin. Dabei zeigt dem Rezensenten das ruhige, gleichmäßige Tempo des Erzählflusses nicht nur "panoramatisch die Lebenswelt des Dargestellten", sondern auch das "Quälende, Stockende, Hilflose" daran. Außerdem findet Kalka durch die monumentale Form dieser Biografie auch das bedeutende Romanfragment "Der Mann ohne Eigenschaften" sinnfällig abgebildet. Kalka hebt besonders Corinos Exkurse und geschickt an Schlüsselpunkten der Biografie eingefügte, scharf konturierte Porträts der "Freunde, Gegner und Mäzene" Musils hervor. Insgesamt fasziniert ihn, wie Corino, statt Schneisen ins biografische und literarische Dickicht zu schlagen, unerschütterlich dieses Dickicht kartografierte.

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.11.2003

Heribert Kuhn zollt Karl Corino Respekt. In jahrzehntelanger Recherchearbeit habe dieser sich Musil genähert, um mit dieser Biografie schließlich die Ergebnisse seiner "Recherchierkunst" zu präsentieren. Corino stütze sich gemäß eines "empiristischen Genauigkeitsethos" ganz auf die überprüfbaren Fakten und habe damit einen "Mahlstrom historischer Groß-, Klein- und Kleinstereignisse epischen Ausmaßes" geschaffen. Corinos oft "detektivischer Entschlüsselungsdrang" habe zumindest zwei neue Erkenntnisse zur Folge gehabt. Zum einen kläre er in schlüssiger Weise die Rolle von Herma Dietz und Valerie Hilpert in Musils Leben und Schreiben, zum anderen beschreibe Corino an Hand einer unerhörten Materialfülle das allmähliche rätselhafte Abgleiten des Schriftstellers in die Theorie, für das er ein "Nichtlebenwollen" verantwortlich macht. Als "bedeutsam" und etwas befremdlich mutet den Rezensenten die bewusste Nichtbeachtung einiger bahnbrechender Vorarbeiten an, und das bei einem der "(jüngeren) Gründerväter der Musil-Forschung".

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.11.2003

Wenig war bisher über das Leben von Robert Musil bekannt - nach der Veröffentlichung von Karl Corinos biografischem "Monumentalschmöker" hat sich das schlagartig geändert. Mehr als der Autor in dreißig Jahren obsessiven Forscherfleißes herausgefunden hat, dürfte auch in Zukunft nicht in Erfahrung zu bringen sein, meint der Rezensent Oliver Pfohlmann. Vor allem weil Corino nichts auslasse, schon gar nicht die Schattenseiten des von ihm verehrten Autors. Die unangenehmen Folgen seiner frühen Syphilis-Erkrankung würden ebenso ausführlich beschrieben wie Musils völlig ungebremste Ausbeutung des Lebens von Freunden für sein literarisches Werk. Vorgestellt werden, so Pfohlmann, die Vorbilder von Walter und Clarisse (der Freund Gustav Donath war über seine Literarisierung so empört, dass er nicht einmal mit Corino sprechen wollte), aber auch das Leben des "realen" Lustmörders Moosbrugger, Christian Voigt. Auch für deren Geschichten nehme sich der Biograf Zeit und Raum - kein Wunder, meint unser Rezensent, dass Corino für Musils vor allem nach der Heirat nicht mehr sehr ereignisreiches Leben nicht weniger als 1400 Seiten benötigt. Der Rezensent jedoch beklagt sich keineswegs. Die einzige leicht tadelnde Anmerkung gilt der Entschlossenheit, mit der Corino Musils literarische Texte als Auskünfte über sein Leben begreift.

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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.11.2003

In nichts, stellt Franz Haas staunend und bewundernd fest, steht diese Biografie ihrem Gegenstand nach: jedenfalls, was die Besessenheit angeht, mit der hier ein Projekt verfolgt wird. Seit 36 Jahren nämlich ist Karl Corino Musil verfallen - hat gelesen, gesammelt, recherchiert und nun, auf nicht weniger als 2.000 Seiten mit 1.000 Literaturangaben, sein magnum opus veröffentlicht, die Biografie des vielleicht bedeutendsten Literaten deutscher Zunge des 20. Jahrhunderts. Wenig, stellt der Rezensent fest, wird danach noch kommen können, so umfassend sei Corino den Spuren Musils und den Spuren derer, die irgendwie mit Musil in Kontakt gekommen sind, gefolgt, "bis in die letzten Faltenwürfe und Ausläufer der beschriebenen Existenz". Es entsteht, so Haas, wie nebenbei ein detailversessenes "Epochengemälde", bei dem es allerdings gelegentlich auch dem glühendsten und neugierigsten Verehrer Musils zu viel werde: wenn man 14 Seiten etwa über die Hintergründe nicht gerade zentraler Figuren des Werks serviert bekomme. Sonst aber nur Lob: für die Ungeschminktheit, mit der Corino die weniger angenehmen Seiten Musils schildere, auch für die ohne allen Germanistenjargon daherkommende stilistische Brillanz. Viele Freunde, so Haas eher nebenbei, wird sich Corino unter Germanisten ohnehin nicht machen, zu unbekümmert setze er Leben und Werk in den Biografien realer und fiktiver Figuren hier gleich. Den Rezensenten freilich stört's nicht.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003

Müssen Lebensbeschreibungen so gewaltig sein, fragt der Rezensent Christoph Bartmann angesichts Karl Corinos monumentaler Musil-Biografie. Schließlich komme das Buch "nach Inkubationszeit und Länge" Musils "Mann ohne Eigenschaften" verdächtig nahe. Damit liege nun, auf ganzen 2026 Seiten, das "Ergebnis" von mehr als 35 Jahren Forschung vor, in ungeahnter Gründlichkeit. Nicht nur, dass Corino "alles" über Musil wissen wolle, er wolle es auch mitteilen. Für den verblüfften Rezensenten besteht tatsächlich kein Zweifel an Corinos "konkurrenzlosem Wissen": Alle Texte "von und über Musil" und auch die Zeugnisse der meisten "relevanten Personen aus Musils Lebenskreis" sind abgegrast und ausgewertet worden. Und doch, und darauf besteht der Rezensent, handelt es sich dabei auf keinen Fall um eine "öde Material-Halde", sondern um ein "unendlich interessantes, meistens elegant geschriebenes" Monument der "Lesefreude". In 45 Kapiteln entstehe Musil als jemand, der "mit einem Genauigkeitsgen gesegnet oder geschlagen" sei, der dabei aber aufgrund seines tiefen "Misstrauens" auch diejenigen Menschen "verprellte", die ihm "Gutes wollten". Dieses Porträt eines Mannes, dem "auf Erden schwer zu helfen" war, sollte man unbedingt lesen, so Bartmanns Fazit.

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