Bücherschau der Woche
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Klappentext
Sten Nadolny schildert den Siegeszug der modernen Presse, dazu Triumphe und Tragödien aus hundert Jahren deutscher Wirtschafts- und Demokratiegeschichte. Im Mittelpunkt des Romans aber stehen Aufstieg, Glanz und Untergang der jüdischen Verlegerfamilie Ullstein. Sie schufen den ersten modernen Medienkonzern der Welt - bis die Nazis das Unternehmen zerschlugen und die Familie ins Exil trieben.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.12.2003
Zu seinem Familienporträt der Ullstein-Dynastie hat Sten Nadolny "gründliche Forschungsarbeit" geleistet und ausufernd recherchiert, schreibt Maike Albath durchaus anerkennend. Doch vermutet sie, dass das zutage gebrachte Konglomerat aus Fakten und Anekdoten, Familiengeschichte und Fiktion den Autor irgendwann mehr gelähmt habe, als dass es ihm förderlich gewesen wäre. Denn mit zunehmender Seitenzahl weiche Nadolny mehr und mehr von seinem gewohnten, geschätzten Stil ab, den Albath als "farbenfroh, lebhaft und ein wenig altmodisch" charakterisiert, und wirkt in seiner "erzählerischen Imagination" und seiner "Souveränität" eingeengt. Solange sich Nadolny noch auf den Zeitungsgründer und Dynastie-Begründer Leopold konzentriere, laufen "sämtliche Handlungsstränge" auf diesen zu, erklärt die Rezensentin, doch mit den folgenden mannigfachen Verzweigungen und unzähligen Einzelschicksalen, denen oftmals eigene Kapitel gewidmet sind, "bricht das Gebilde auseinander". So moniert die Rezensentin, dass über diese "Multiplikation der Lebensgeschichten" das Individuelle gravierend an Bedeutung verloren hat, ja dass es der Geschichte an einem "zentralen Konflikt" mangelt, der die Erzählstrenge gebündelt hätte.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003
Sten Nadolnys Idee, aus der Geschichte des Verlagsimperiums der Familie Ullstein einen "Sachroman" zu machen, ist eine "kluge Idee", meint die Rezensentin Petra Kipphoff. Dabei handelt es sich jedoch eher um ein zweischneidiges Kompliment. Stets schaffe Nadolny im Erzählfluss "gegenläufige Bewegungen", unterbreche etwa die "Familiengeschichte" mit kursiv gedruckten zeitgeschichtlichen Einlagen und mit "kleinen Porträts der Hauptprotagonisten", all dies in geschickter Vermischung von "Authentischem" und "Imaginiertem". Diese leicht sprunghafte Erzählweise mache es dem Leser nicht immer einfach, und oft müsse im "fünfseitigen Stammbaum" nachgeschlagen werden, um die Orientierung wiederzufinden. Am schönsten findet Kipphoff demnach auch Nadolnys "Solo-Auftritte im Hause Ullstein", womit anscheinend Erzählepisoden gemeint sind, in denen sich Nadolny ohne große Rücksicht auf Fakten erzählerisch austoben kann: eine "ganztägige Geburtstagsfeier", ein "Taschengeldgespräch zwischen Vater und Sohn" oder auch ein "Kindertraum". Gerade in der für den Berliner Nadolny so typischen "animierten Nüchternheit" hat die Rezensentin eine gewisse Wahlverwandtschaft mit den Ullsteins entdeckt. Dieselbe Nüchternheit, die Rudolf Ullstein sagen lässt: "Ürjendwann jeht allet", und die Nadolny, auf die Frage, wieviel im Roman "erfunden" sei, antworten lässt: "Alles wahrheitsgemäß".
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.10.2003
Richtig glücklich wird Jörg Magenau nicht mit diesem Roman über die Verleger-Familie Ullstein. Die Erzählung komme einfach nicht in die Gänge, bemängelt Magenau, es fehlt an Dramaturgie - "so bestimmt die Quellenlage das Romangeschehen". Der Autor arbeitet sich nach Meinung des Rezensenten etwas zu brav an der Faktenlage ab, man erfährt wenig über die möglichen Motivationen der einzelnen Familienmitglieder. Von denen gibt es nach Magenaus Meinung sowieso mehr, als der Roman dramaturgisch verkraften kann: "Allzu große Fruchtbarkeit ist der Tod des Familienromans", so sein lakonischer Kommentar. Aber vielleicht liegt das Problem auch eher an Nadolnys Schreibstil als an dem ausufernden Familienstammbaum der Ullsteins. Der Autor "schreibt so nüchtern und so dröge wie ein Buchhalter", konstatiert Magenaus wenig schmeichelhaft. Mit einer den Rezensenten überraschenden Pointe kann Nadolny aber trotzdem aufwarten: "Die Familie ist auf Dauer kein geeignetes Modell, um einen kapitalistischen Konzern zu führen."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003
Zu seinem hundertsten Geburtstag hat sich der Ullstein-Verlag nicht lumpen lassen und mit Sten Nadolny einen waschechten Romancier als Geschichtsschreiber bestellt, staunt Gustav Seibt. Keine schlechte Wahl, meint er, weil Nadolny nicht nur ein ausgewiesener Autor, sondern auch studierter Historiker ist, ein Schüler Thomas Nipperdeys, verrät Seibt. Nadolnys "Ullsteinroman" ist also in jeder Hinsicht ein anspruchsvoller Gesellschaftsroman, so wie es sich der Verlag auch mal auf die Fahnen geschrieben und mit Autoren wie Erich Maria Remarque oder Vicki Baum in die Tat umgesetzt hatte, schmunzelt Seibt. Die historische Fundierung ist dem Roman auch auf jeder Seite anzumerken, lobt unser Rezensent: zahlreiche Zeittafeln und Kurzbiografien brächten Klarheit in die Fülle des Stoffs, der Technikgeschichte, Bismarck-Zeit, Ersten Weltkrieg, Aufstieg des Antisemitismus bis hin zu Hitlers Machtergreifung unter einen Hut bringen muss. Die Fülle des Materials ist dennoch ein Problem, meint Seibt, denn Nadolny habe sich für die Form des Familienromans entschieden: für einen solchen transportiere der Roman zuviel Informationen, werde unübersichtlich, lasse die Figuren sich nicht richtig entfalten. Der historisch Interessierte aber, als welcher Seibt sich sieht, hätte gerne ein doppelt so dickes Buch mit vielen Abbildungen und Fußnoten in Kauf genommen.
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