Jean-Philippe Toussaint

Sich lieben

Roman
Cover: Sich lieben
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783627001070
Gebunden, 153 Seiten, 19,80 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Bernd Schwibs. Ein Paar nimmt Abschied. Er, der namenlose Erzähler, der stets ein Fläschchen mit Salzsäure bei sich trägt, und die ewig weinende Marie, erfolgreiche Modeschöpferin, haben die Entscheidung getroffen, sich zu trennen. In einem Hotelzimmer in Tokyo lieben sie sich ein letztes Mal, auf eine heftige, animalische Weise. Jean-Philippe Toussaint beschreibt das Ende einer großen Liebe und die emotionalen Folgen dieser gewaltsamen "Entliebung".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.12.2003

Karl-Markus Gauß kann sich der Begeisterung seiner Kollegen über Jean-Philippe Toussaints Roman in keiner Weise anschließen. Er hält das Buch nicht für ein kleines Meisterwerk über die Liebe und den Abschiedsschmerz, sondern für einen "Triumph des Kitsches", in dem der Autor gewaltige Kulissen bemühe, um das Drama einer Trennung überzeugend zu gestalten. Gauß findet es ermüdend, dass der Roman aus lauter besten Szenen bestehen will, er hält den ersten Teil für "motivisch überladen", den zweiten für ein "überflüssiges Nachspiel" auf das "große Gefühlstheater" des ersten. Das Ganze kulminiere in einem "gewaltsamen Klamauk", in dem wie erwartet das eigentliche Spannungselement, das Fläschchen mit Salzsäure, zum Einsatz komme. Für Gauß ist Toussaint kein Meister der sparsamen Dramaturgie, als den ihn das deutsche Feuilleton feiere, sondern einer der "peinlichen Inszenierung".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.11.2003

Ganz hingerissen ist Ina Hartwig von Jean-Phillippe Toussaints neuem Roman, dem sie den Aufmacher der November-Literaturbeilage der FR widmet. Das Buch ist eine "Hommage an Tokio, die Mode und die Blumen des Bösen", schwärmt Hartwig und präzisiert: "Sich lieben" ist trotz des Titels keineswegs pornografisch, sondern vielmehr die minutiöse, "fast möchte man sagen liebevolle" Erzählung vom Ende der Liebe zwischen einem namenlosen Ich-Erzähler und der Pariser Modeschöpferin Marie. Abgesehen davon liefere Toussaint ein "leichthändiges, genaues" Porträt Japans. Besonders beeindruckt ist Hartwig von der qualitativen Dichte des Buches, der anspruchsvollen Erzähltechnik, der Anordnung der miteinander korrespondierenden Szenen sowie der Detailfreude und -genauigkeit bei Objekten oder Lichtverhältnissen. "Allein die Logik von Sehen und Nichtsehen in diesem Roman zu erforschen, wäre abendfüllend." Der Abschluss des Buches, wenn die Sprache in die Poesie abgleitet, beweist der Rezensentin endgültig, dass Toussaint ihr Lob voll und ganz verdient hat.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.11.2003

Die November-Literaturbeilage der "Zeit" widmet ihren Aufmacher einem schmalen Roman eines Autors, dessen andere schmale Romane "wie Fremdkörper im deutschen literarischen Gelände" erscheinen. Kein deutscher oder amerikanischer Autor würde so wie Jean-Philippe Toussaint über das Ende einer Liebe schreiben, mutmaßt Verena Auffermann und bezeichnet den belgischen Autor als Wiedergänger von Choderlos de Laclos, dessen sezierender Blick ihrer Meinung nach "genauso viel mit Etikette wie mit Aufklärung zu tun" hat. Sehr schön beschreibt Auffermann das irritierende Gefühl, das die elegant-schwermütigen Romane Toussaints beim Leser auslösen, eine Sehnsuchtsstimmung wie bei Marguerite Duras, meint sie, nur dass der Ton viel härter geraten sei, der Blick gnadenloser. Die alte Adelswelt werde von Designerlabels und -marotten abgelöst, dem Kerzenschimmer entsprächen Bremslichter und Neonreklamen, umreißt Auffermann den Toussaint'schen Kosmos, der in diesem Fall bis nach Tokio führt, wo das traurige und beinahe mörderische Ende einer Liebe stattfindet. Die Geschichte ist als solche einfach, schließt die Rezensentin, aber kunstvoll erzählt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.09.2003

Martin Krumbholz hält den neuen Roman des belgisch-französischen Autors Jean-Philippe Toussaint für seinen schönsten. Begeistert lässt er sich über Toussaints stilistisches Instrumentarium aus, das vor allem den beiläufigen, parenthetischen Stil pflegt - den Toussaint früher auch schon mal übertrieben habe, gesteht Krumbholz zu. Aber diesmal, schwingt sich der Rezensent emphatisch auf, beweise dieses Instrumentarium, wozu es tatsächlich tauge: nämlich nicht nur ein sinnliches, sondern auch ein intellektuelles Vergnügen zu sein. Die Toussaint eigene Ironie erzeuge eine ständige Doppeldeutigkeit, erklärt Krumbholz: dadurch erhalte der Text eine ganz besondere Musikalität, die quasi kontrapunktisch funktioniere. Was Toussaint als Liebes-Akt beschreibe, erläutert Krumbholz, erweise sich zugleich als Trennungs-Akt; wer sich trennen will, kann nicht loslassen, wer nicht loslassen kann, kann dennoch nicht lieben und so weiter; jede Tendenz erzeuge einen Gegentendenz, analysiert Krumbholz. Das Wesen der Liebe, lautet sein Schluss, scheint darin zu bestehen, dass sie sich nicht beenden lässt. Doch diese Einsicht käme ganz und gar unpathetisch daher, bekundet der Rezensent erleichtert.

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