Als "Ethnologin in der Fabrik" erkundet die Autorin, wie die Menschen in ehemals "volkseigenen Betrieben" die Wende erlebten und wie sie rückblickend die Zeit der Planwirtschaft mit sozialistischem Wettbewerb und Parteikontrolle interpretieren. Dabei geht es um Strategien der Aneignung und Re-Interpretation, um Skepsis und Arrangement, vor allem jedoch um Mikromechanismen der Macht in den Alltagswelten, die es erlauben, die scheinbare Rationalität der gegensätzlichen Wirtschaftssysteme zu entschleiern.
Rezensent Ulrich Brieler findet Birgit Müllers "Entzauberung der Marktwirtschaft" einfach "umwerfend". Auf Grundlage dreier von 1990 bis 1993 in Ostberliner Betrieben vorgenommen Feldstudien entwerfe die Ethnologin eine "Bewusstseinsgeschichte der abhängig Beschäftigten", die den Wandel der Arbeitswelt in der Wahrnehmung der Produzenten vor und nach 1989 beleuchtet. Wie Brieler ausführt, liest sich das Buch über weite Teile wie eine Bestätigung von Heiner Müllers Bemerkung, der realsozialistische Mangel brauche den Menschen, im realkapitalistischen Überfluss sei er verzichtbar. Gerade wegen der Mängel der Planwirtschaft stand der Produzent im Mittelpunkt und konnte eine ganz eigene Vorstellung vom Wert der eigenen Arbeit bilden, hält Brieler fest. Damit machte die Wende Schluss, ein neues Arbeitssubjekt war gefragt. Heute sieht Brieler im Osten "neoliberale Ödnis" herrschen. Für die Erfahrungen, die Birgit Müller ausbreite, interessiere sich da niemand, die "lebendige Leiblichkeit" der Arbeitskraft besitze im öffentlichen Bewusstsein keinen Ort mehr. Umso verdienstvoller findet er es, dass Müllers Studie, eine "unzeitgemäße Arbeit", ihr eine Stimme gegeben hat.
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