Perlentaucher - Das Kulturmagazin

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zuletzt aktualisiert 11.02.2012, 14.01 Uhr

Bücherschau der Woche

Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.

Literaturbeilagen

All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.

Aus dem Archiv

Links

Kommentierte Linkliste zu internationalen Zeitungen, Zeitschriften und Verlagen.

Gerd Koenen

Vesper, Ensslin, Baader

Urszenen des deutschen Terrorismus

Cover: Vesper, Ensslin, Baader

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2003
ISBN-10 3462033131
ISBN-13 9783462033137
Gebunden, 256 Seiten, 22,90 EUR

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Klappentext

"Vesper, Ensslin, Baader" ist eine biographische Erzählung, die sich auf unbekannte persönliche Dokumente der Akteure stützen kann. Gerd Koenen liefert damit nicht nur einen Schlüssel zum 'Roten Jahrzehnt' der 68er-Revolte, sondern zur Geschichte Nachkriegsdeutschlands insgesamt. Gudrun Ensslin und Andreas Baader waren so etwas wie das Urpaar des deutschen Terrorismus, die Frankfurter Kaufhausbrandstiftung von 1968 der Urakt. Beide verließen ihre Lebensgefährten und ihre Kinder, um sich aufeinen Pfad zu begeben, der zwei Jahre später zur Gründung der RAF führen sollte. Unter welchen inneren Konflikten das geschah, erschließt sich erst aus persönlichen Zeugnissen und Berichten.

Leseprobe beim Perlentaucher

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.11.2003

Gerd Koenens "fesselndes Buch" über die "Urszenen des deutschen Terrorismus" hat Rezensent Uwe Justus Wenzel recht beeindruckt. Koenen zeige am Beispiel Vespers, Ensslins und Baaders, dass sich die Generation der Rebellierenden, die sich von der nazistisch kontaminierten Elterngeneration abzunabeln versuchte, in ihrem Kampf gegen Kapitalismus, Imperialismus und Zionismus auf die mörderischen Methoden der "Nazieltern" zurückgriff. Dafür habe Koenen nicht nur Bekennerschreiben und Prozessakten, sondern auch Briefwechsel und Aufzeichnungen von Beteiligten sowie Vespers Romanfragment "Die Reise" ausgewertet. Wenzel hebt hervor, dass Koenen eine ganze Reihe von "Urszenen" des deutschen Terrorismus ausfindig mache, nicht aber eine einzelne Szene, "aus der alles 'schlüssig' hervorginge". Das spricht nach Ansicht Wenzels für Koenen: "Sie wäre der Mythos, an dem Gerd Koenen, wie nahe er der 'Aura' seiner Figuren auch gekommen sein mag, nicht gewebt hat."

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.10.2003

Rezensent Gottfried Oy kann Gerd Koenens bereits vielgelobten Buch nicht viel abgewinnen, dieser "psychoanalytisch angeleiteten Dreiecksbiografie von Bernward Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Baader". Der Rezensent stört sich vor allem daran, dass Koenen Vespers "konfusen" Romanessay "Die Reise" als beispielhaft für die ebenso verrückte Politik der RAF" nimmt. "Eine vermeintliche oder tatsächliche Verrücktheit Einzelner wird hier zum 'Wahn der Zeit' addiert", schimpft der Rezensent, während zentrale Akteure wie der Staat und seine Organe, die Linke und die Selbstzeugnisse der RAF nicht berücksichtigt würden. Auch die Charakterisierungen Baaders ("männliche Bienenkönigin") und Ensslins ("Medea der Revolution") sind für den Rezensenten bloße Klischees aus der patriarchalen Mottenkiste. Schließlich kreidet Oy dem Autor bestimmte Formulierungen wie "Selbstermächtigung zum Terror" an, die sprachlich auf eine Gleichsetzung der RAF mit dem Nationalsozialismus hinausliefen.

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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.10.2003

Rezensent Fritz J. Raddatz zeigt sich außerordentlich angetan von Gerd Koenens "aufwühlenden Entdeckungen" über die Ursprünge der RAF-Terroristen. Zwar sind die Geschichten von Vesper, Ensslin und Baader in den wesentlichen Zügen bekannt. Doch Koenen gelingt es zur Freude von Raddatz, "das Geflecht von Motiven, emotionalen Abhängigkeiten und Hassverwurzelungen aufzudecken". Was Koenen dabei an "faschistoid-antisemitischen Humus" ans Licht bringt, hält Raddatz schlicht für "erschreckend". Etwa, dass Vesper und Ensslin noch 1963 eine Gesamtausgabe der Werke von Vespers Vater, des Nazidichters Will Vesper, herausgaben. Eines der "großen Verdienste" von Koenens Buch sieht er dann auch darin, dass es "bis zur Schmerzgrenze deutlich die verkrusteten Morastlinien" zeige, an denen sich die bewegten, die wenig später die Menschheit befreien wollten. Dabei erweist sich Koenen nach Raddatz' Einschätzung nicht nur als "genau recherchierender Historiker", sondern auch als "packender Erzähler". Abschließend räsoniert Raddatz, der aus seinem Abscheu für die RAF-Terroristen keinen Hehl macht, noch ein wenig über die "Sympathisantenszene". Unmissverständlich stellt er klar, dass er, der nach einem Artikel in der Zeit im Oktober 1978 als "Sympathisant Raddatz" tituliert wurde, nie irgendwelche Sympathien für den Terror der RAF gehabt habe.

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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.10.2003

"Das ist die große Erzählung", begeistert sich Stefan Reinecke für das Buch des "Exmaoisten und erprobten Kritikers der 68er-Linken" Gerd Koenen über Bernward Vesper, Gudrun Ensslin und Andreas Bader: "Nachträgliche Großraum-Interpretationen" finden sich nur wohldosiert, "spektakuläre, neue Thesen" gar nicht. Der Blick bleibe frei auf die unbekannten Seiten der "ikonisch gewordenen Figuren" der RAF, so der Rezensent, die er "kleiner, individueller, menschlicher" zeichne. Distanziert wie mitfühlend demaskiere der Autor die "fest ins kollektive Gedächtnis gefrästen Bilder" seiner "unglücklichen Helden", wie Reinecke schreibt. So steht wirklich etwas Neues in diesem Buch, versichert der Rezensent, was er vor allem auf diverses privates Briefmaterial zurückführt, das Koenen durch Verwandte Ensslins und Vespers "offenherzig zur Verfügung" gestellt wurde.

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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003

Nicht weniger als die "überzeugendste Darstellung des Strangs von 1968, der in den Mord und Selbstmord führte", sieht der beeindruckte Rezensent Anselm Doering-Manteuffel in Gerd Koenens Urszenen des deutschen Terrorismus. In den Augen des Rezensenten geht Koenen gekonnt und fesselnd der Lebensgeschichte des Bernward Vesper nach, dem einstigen Gefährten Gudrun Ensslins, bevor diese sich an Andreas Baader hängte. Ganz hervorragend herausgearbeitet findet der Rezensent dabei die "aberwitzige ideologische Haltung" der künftigen Terroristen. So probten etwa Vesper und Ensslin von Anfang an eine radikal antibürgerliche Lebensform, arbeiteten aber gleichzeitig daran, Vespers Vater, einen Nazi-Dichter, literarisch zu rehabilitieren. Auch die Dynamik in der Beziehung zwischen Ensslin und Baader sieht der Rezensent überzeugend dargestellt, nämlich als ein Resultat aus Ensslins Hingabe, Baaders planlosem Tatendrang und der gemeinsamen Fixierung auf die ideologischen Ziele. Mit dem Buch, so das Resümee des Rezensenten, sei der Blick freigegeben auf eine Tragödie, "in der einzelne Personen und die deutsche Gesellschaft ineinander verkrallt, mit ihrer Vergangenheit kämpften, ohne eine Vorstellung davon zu haben, wie die Zukunft aussehen soll".

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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.09.2003

Eine "glänzende" und "erregende" Darstellung, schwärmt Lorenz Jäger von diesem Buch, dass die Anfänge der RAF aus dem "Schicksalsdrama zwischen den Generationen" anstatt aus der politischen Theorie heraus erzählt. Dass Autor Gerd Koenen als Ausgangspunkt die Geschichte "zweier Dichter", nämlich die des den Nazis zugeneigten Will Vesper und seines Sohnes Bernward Vesper, der mit Gudrun Ensslin verlobt war, gewählt hat, findet unser Rezensent sehr aufschlussreich für dieses Kapitel der Bundesrepublik. Dabei klingen, wie Jäger einräumt, die Geschichten, die Koenen ausgegraben hat, fast zu unglaublich, um wahr zu sein: beispielsweise das Unternehmen von Bernward Vesper und Gudrun Ensslin, die Schriften Will Vespers zu publizieren. Dem Autor ist es gelungen, "die Sonde in die deutsche Mentalitätsgeschichte" noch etwas tiefer zu führen, preist der begeisterte Rezensent, der davon überzeugt ist, dass dieses Buch in absehbarer Zeit nicht übertroffen werden kann.

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