Digitale Prints und Videos, DVDs und Websites: Wer heute ein Museum für zeitgenössische Kunst besucht, findet sich umgeben von kopierten Bildern. Die technische Reproduzierbarkeit hat eine Verfügbarkeit und Perfektion erreicht, die zu einer neuen Bestimmung des Verhältnisses zwischen dem Raum des Museums und seiner profanen Umgebung zwingt. Daher schlägt Boris Groys eine Topologie der Kunst vor: eine Theorie, nach der das räumliche Verhältnis zwischen Kunstwerk und Betrachter zur zentralen Unterscheidung zwischen der ästhetischen und alltäglichen Wahrnehmung von Bildern wird.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 27.09.2003
Das Museum, so die Ausgangsthese von Boris Groys, hat seine Funktion in der Gegenwart ein weiteres Mal verändert. War es, wie Groys' Gewährsmann Michel Foucault es dargestellt hat, bis zum 17. Jahrhundert in der Auswahl seiner Objekte "Ausdruck eines persönlichen Geschmacks", so präsentierte es sich in der Moderne als Ort einer universalistischen "Heterotopie", jenseits konkreter Zeit und subjektiver Vorlieben. Heute aber, so Groys, ist das Museum erneut der Schauplatz subjektiver Auswahl - und der Einsicht, dass die Diskussion über Kunst nur noch auf diesem Schauplatz stattfinden kann. Nicht mehr die Produktion des Werks, sondern seine Installation im Museum macht es zum Gegenstand von Theorie und Diskurs. Der Betrachter wird so, dem Konsum-Können des Künstlers nacheifernd, zum Künstler eigener Auswahl. Der Raum des Museums wird - als Raum, der Kritik als "Ressentiment" ermöglicht - zum letztmöglichen Ort der Kritik. Bernd Stiegler präsentiert in seiner Rezension Boris Groys' Thesen zurückhaltend - und zeigt sich einzig darüber wenig amüsiert, dass viele der Beispiele in den versammelten Aufsätzen bis in den Wortlaut hinein identisch beschrieben werden.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.09.2003
Eduard Beaucamp ist ganz angetan von diesem Buch und nennt es eine "eine wohlkomponierte Anthologie von achtzehn Aufsätzen, die in den letzten sechs Jahren als Beiträge für Kataloge und Zeitschriften oder als Vortragsmanuskripte entstanden sind." Vor allem aber ist er angetan von seinem Autor Boris Groys. Dieser "scharfsinnige Philosoph und Ästhetiker" sei von "idealistischen Träumen kuriert" und habe "einen geschärften Sinn für gesellschaftliche Veränderungen, für wechselnde Machtstrukturen und insbesondere für kulturelle Verformungsphänomene". Entsprechend zustimmend gibt Beaucamp dann wieder, wie Groys in diesem Band zum Beispiel behauptet, dass Foto und Film heute das gleiche Schicksal wie zuvor schon die Malerei ereile: Sie seien "ins Stadium ihrer Selbstreflexion, folglich ihrer Selbstauflösung getreten." Überhaupt habe, so referiert Beaucamp weiter, die Moderne Groys zufolge "der Kunst keineswegs zu mehr Freiheit und Bedeutung verholfen" sondern "sie entmündigt und entmachtet, ihre einst welterschaffenden und weltzerstörenden Rollen auf unablässige Selbstbespiegelung und die Verwertung fremder Angebote reduziert." Es wird also alles einfach immer schlechter, der "Mensch im Kapitalismus wird immer geldähnlicher", zitiert Beaucamp, und Künstler seien zu "Geldheiligen" mutiert - denn "Kunst ist, so weiß Groys, zuallererst Ware".
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