Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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Zygmunt Bauman
Flüchtige Moderne
Klappentext
Aus dem Englischen von Reinhard Kreissl. Die in der Französischen Revolution erhobene Forderung nach "Verdampfung aller Stände" sollte dazu führen, daß neue Stabilitäten geschaffen werden. Nach über zweihundert Jahren des Kampfes um Freiheit und Emanzipation müssen wir einsehen, dass eine Kluft zwischen dem befreiten Individuum de jure und seinen Einflussmöglichkeiten de facto entstanden ist. Zygmunt Bauman entwirft das Bild einer Moderne, die sich durch exterritorial und mobil gewordene Machtstrukturen auszeichnet. Das Individuum ist zwar in die Freiheit entlassen, muss das soziale Gewebe jedoch in Heimarbeit selbst herstellen. Es gibt kein Schaltzentrum der Macht mehr, die Strukturen sind flüchtig, die Freiheit beliebig.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.10.2003
"Jubiläumstauglich" ist dieses Buch von Zygmunt Bauman, findet Michael Schefczyk, und meint damit zweierlei: Baumans sicheren Stand in der durch den gemeinten Jubilar, die Edition Suhrkamp, repräsentierten Tradition "der an emanzipatorischen Idealen orientierten Gesellschaftstheorie", aber auch eine gewisse Betulichkeit der Argumentation, der - typisch "Zeitdiagnostik" - eigentlich ein "analytischer Rahmen" fehle, während sie sich zu sehr auf "schön-bissige Formulierungen" verlasse. Es geht, fasst Schefczyk zusammen, um die Möglichkeit, oder besser: die Unmöglichkeit individueller Freiheit in den gegenwärtigen Zeiten der "flüchtigen Moderne", die sich im Gegensatz zu ihrem Vorgänger, der "schweren Moderne", durch den Wegfall von Ordnungen auszeichne - das Individuum sei zwar de iure emanzipierter denn je, doch de facto weniger als zuvor, weil die öffentlichen Ordnungen, innerhalb derer es sich - als Bürger - entfalten könnte, nicht mehr vorhanden seien: "Emanzipation wird zum Privatprojekt innerhalb einer permissiven Kultur erklärt, aber eben dadurch - so die Grundthese des Buches - vereitelt." Symptome der "flüchtigen Moderne" seien nach Bauman Bekenntnisshows, Fitnesskult, auf Flexibilität beruhende Ökonomie. Vertraut kritisch, meint Schefczyk durchaus wohlwollend, gibt aber zu bedenken, dass Baumans Diagnose lediglich für die hochentwickelten Länder gelte - und Moderne sei doch wohl auch anderswo.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.10.2003
Seit nunmehr fünfzehn Jahren, erklärt Rezensent Frank Böckelmann, arbeitet der Soziologieprofessor Zygmunt Bauman an einem Gesamtwerk, das die Auswirkungen der Moderne auf Gesellschaft und Individuum ergründen soll. Das stetig anwachsende Werk aus "Geistesblitzen und Zeitdiagnosen", die in Zettelkästen geordnet werden, erfährt jedes Jahr, so der Rezensent weiter, einen provisorischen Abschluss in Form einer Veröffentlichung. Trotz einiger Deutungsschwierigkeiten beim Lesen, wenn etwa unklar bleibe, ob der Autor den diagnostizierten Sachverhalt beklagt oder gutheißt, lohne sich die Lektüre immer, denn Bauman besitze "die Gabe, die Dinge distanziert und anschaulich zugleich und stets lakonisch auf den Punkt zu bringen". In "Flüchtige Moderne" nehme der notorische "Selbsterreger" Bauman die "postmoderne Sehnsucht nach 'Gemeinschaft' " zum Anlass, um die Frage nach Individualität und dem Umgang mit Freiheit zu stellen. Angesichts des bedrohlichen Lebens "des formal freigesetzten und gesamtverantwortlichen Individuums in der 'leichten', 'diffusen' und 'flüssigen' Moderne", so Baumans Diagnose, stürze das Individuum in den Abgrund der Haltlosigkeit, werde es "haltlos" in der Gegenwart. Doch dann geschieht das, so Böckelmann, was "Erstleser" von Zygmunt Bauman verwirren mag: Hat er einmal die "Ausweglosigkeit" diagnostiziert, wird der Diagnostiker "erst richtig munter". Denn "wie bei Adorno" stimuliere bei Bauman der "Bankrott" die Hoffnung. Den Rezensenten stört nicht so sehr, dass Bauman nun gerade das "für nahezu unmöglich Erklärte" fordert, nämlich "die Überwindung des Abgrunds zwischen den Individuen de jure und den Aussichten auf eine Individualität de facto, die Verfügung über wahre Mittel zur Selbstbestimmung", sondern die "fixe Idee", dass "aus dem Dilemma der Wahlfreiheit eben dieselbe herausführen soll".
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 16.08.2003
Der Rezensent mit dem Kürzel "upj" ist ausgesprochen einverstanden mit dieser Analyse des polnischen Soziologen Zygmunt Bauman, obwohl diese ganz schön kulturpessimistisch daherkomme und reichlich "Schwarzgalliges" enthält. Es geht darum, dass der Mensch in der Spätmoderne allen gesellschaftlichen Halt verloren hat. Das macht das Leben jeden Tag aufs Neue ungeheuer anstrengend, denn "flüssig geworden ist alles, was uns Umgibt". Diesen Prozess beschreibt Bauman nach Ansicht des Rezensenten mit "Redlichkeit und Sprachmacht". Mutig findet "upj" Baumans Arbeit auch noch: "Er beschreibt, worum wir alle wissen, was wir aber kaum je auf solch ungeschönte Begriffe zu bringen wagen."
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Uangenehm plausibel
11.02.2012: FAZ und taz sind höchst unterschiedlicher Auffassung über Christian Krachts neuen Roman "Imperium": Die eine erfreut sich an Krachts "prunkend exquisiter" Sprache, die andere meint: Pauschalreiseprosa. Die NZZ ist erschüttert von Drago Jancars Roman "Nordlicht". Der FR graust es in Benjamin Steins neuem Roman "Replay". Die SZ ist zwiespältig bei Zeruya Shalev. Die taz pisst außerdem mit Vergnügen in den Wind. Mehr lesen
Archiv: Vorgeblättert
Joan Didion: Blaue Stunden
09.02.2012: In "Blaue Stunden" erinnert sich die amerikanische Autorin Joan Didion an ihre Tochter, daran, wie es war, sie aufwachsen zu sehen und Abschied zu nehmen, als sie mit 39 Jahren starb. Es ist eine persönliche Bilanz über Erinnerung und Alter. Lesen Sie hier einen Auszug. Mehr lesen
Maria Sonia Cristoff: Unbehaust
06.02.2012: Würden sich die Tiere an das erinnern, was der Mensch ihnen zumutet, wären wir (die Menschen) vom Aussterben bedroht. Lesen Sie hier einen Auszug aus Maria Sonia Cristoffs Geschichten zur unwahrscheinlichen Beziehung von Mensch und Tier: "Unbehaust. Was Menschen mit Tieren machen". Mehr lesen
Lisa Kränzler: Export A
02.02.2012: Um Love and Tears geht es im Roman von Lisa Kränzler, in dem sie von Lisa erzählt, einer 16-jährigen Austauschschülerin in Kanada, hin- und hergerissen zwischen Gehorsam und Ausbruch. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Erstlingsroman "Export A". Mehr lesen







