Der übermäßige Genuss von Wein, Bier oder Met war auch im Mittelalter nicht selten Auslöser von Gewalttaten. Die enthemmende und aggressionsfördernde Wirkung von Alkohol stellt eine kriminalgeschichtliche Konstante dar. Dabei lassen sich prägnante historische Unterschiede in den Trinkgewohnheiten, der gesellschaftlichen Akzeptanz von Trunkenheit und der Bewertung von Rauschtaten beobachten. Das Buch von Reinhold Kaiser zeigt, wie im frühen Mittelalter die christlich-antike Weinkultur des Mittelmeerraumes mit den "weinlosen" Trinksitten der Barbaren zusammenstößt. Erst allmählich kommt es zu einer kulturellen Anpassung der barbarisch-heidnischen Gebräuche, insbesondere was das Trinken sozialer Gruppen angeht. Mit Hilfe ritueller Formen des Alkoholgenusses - Minne- und Caritastrinken, convivium (Gastmahl) und potatio (Trinkgelage) - versuchen Kirche, weltliche Obrigkeit und Genossenschaften der Gilden, die gewaltsamen Folgen individuellen und kollektiven Rausches einzudämmen. Wie die Geschichte der Gewalttaten lehrt, ist dies aber nur bedingt geglückt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.07.2003
Alkohol, so die These des Autors, macht gewalttätig und ist darum für etliche Ausbrüche von Gewalt in der Geschichte verantwortlich, erklärt Michael Borgolte. Dabei betrachte er unter dem anthropologischen Blickwinkel die Einführung und Ausbreitung des Weines im lateinischen Europa des Mittelalters. Für Kaiser hat der Alkohol eine "mitbestimmende Funktion im Ereignisablauf der Geschichte", meint Borgolte. Von "Schauder und Sorge" vor den Folgen des Alkoholgenusses getrieben, will er zeigen, dass es ohne Alkohol zu bestimmten Kampfgeschehnissen gar nicht erst gekommen wäre. Auch wenn der Rezensent Kaiser darin zustimmt, dass der Einfluss von Alkohol oft verharmlost wird, hält er manche seiner Schlüsse für etwas überzogen. So bezweifelt Borgolte, ob wirklich allein der Alkohol für Mord und Totschlag verantwortlich zu machen ist, wie Kaiser teilweise behauptet. Trotz "beachtlicher Einsichten" resultieren aus seinem Verzicht auf die sozialhistorische Sichtweise mitunter auch Fehlschlüsse, urteilt der Rezensent.
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