Aus dem Tschechischen von Michael Stavaric. Der fiktive Erzähler bewegt sich in "Europeana" stets außerhalb der europäischen Geschichte. Seine Gegenwart bleibt auf die Sprache selbst beschränkt, die er mit leisem Spott und gesundem Zynismus garniert. Dafür wählt Patrik Ourednik zwei thematische Ebenen: Auf der ersten berichtet er über die entsetzliche Brutalität von Kriegen und Revolutionen, über die Kollaboration von Wissenschaft und Technik mit dem Bösen, über die medialen Verfälschungen, den Wahnsinn von Utopien und Hysterien der Menschheit. Die zweite Ebene beschäftigt sich mit intellektuellen Theorien, die der Autor jeglichen spekulativen Zaubers entledigt und dem Leser in ihren Grundzügen offen legt. Aus der Verkettung beider Ebenen entsteht eine düstere Groteske. So kann man "Europeana" auch als Versuch einer Reinigung der gemeinsamen Erinnerung verstehen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.07.2003
Äußerst fasziniert und dabei sehr begeistert ist Karl Markus Gauß von Patrik Ouredniks schmalem Buch, das eine Chronik des 20. Jahrhunderts in Europa darstellen will. Was an die Art der mittelalterlichen Chronisten erinnert, die verschiedensten Ereignisse und Fakten mit dem schlichten Wörtchen "und" nebeneinander zu stellen, entpuppt sich für den Rezensenten als Möglichkeit, den "Wahnwitz der Epoche" überzeugend darzustellen. Denn Ourednik überschneide diese mittelalterliche Manier gekonnt mit den "Macken neuer Bescheidwissenschaftler". Von der Entwicklung neuer Waffentechnologien springt der Autor zur kulturellen Bedeutung des Kaugummis, auf sprachkritische Definitionen zu Positivismus oder Avantgarde folgen die Erfindung des perforierten Klopapiers oder Wandlungen in der filmischen Präsentation des Sexualakts. Deutlich wird für Gauß dabei, dass das 20. Jahrhundert in Europa vor allem "Orgien der Gewalt" hervorgebracht hat, und so überkommt ihn während der amüsierten Lektüre auch des öfteren das "Gruseln". Ein "originelles Büchlein", lobt der Rezensent, das "so witzig wie unerbittlich" ist.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 26.04.2003
Der mit "upj" zeichnende Rezensent stellt zunächst den Autor als einen tschechischen Dissidenten vor, der in den Westen emigrierte und heute in Frankreich die Lieratur seines Landes lehrt. In seinem Buch scheint er tatsächlich die Geschichte Europas zu erzählen, allerdings in literarischer Absicht, in einem "detachierten Stil", bei dem sich der Rezensent trotz des ernsten Inhalts offensichtlich amüsieren musste. Ourednik ermittelt etwa, dass die Leichen der amerikanischen Soldaten, die in der Normandie fielen aneinandergereiht "eine Strecke von 38 Kilometern" ergeben. Hier verbinde sich "sich die Tragödie eines Jahrhunderts mit der Ironie der erfolgreich gescheiterten Existenz", schließt "upj." seine anerikennende Kurzkritik.
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