Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Klappentext
Undine Gruenter erzählt vom Meer und den Sommergästen, von den Hotels und denen, die dort ihre Ferien verbringen, aber auch von jenen, die in den verlassenen Orten bleiben, wenn der Trubel der Hochsaison vorbei ist und im Herbst nur die immer gleichen Dauergäste bleiben. So war es in der Belle Epoque, und so ist es heute noch: Wer im Sommer von Paris ans Meer will, der fährt an die bretonische oder normannische Küste. Doch die Zeiten und die Moden ändern sich, und der Glanz der großen Zeiten von Flaubert bis Proust ist verblasst auf den Promenaden und den Stränden, unter den Markisen der Cafes und in den Gärten der Ferienvillen.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.03.2003
Rückhaltlos begeistert ist die Rezensentin Andrea Köhler von Undine Gruenters Erzählungen, die den französischen Badeort Trouville zum Brennpunkt der Melancholie und zum "imaginären Ort" werden lassen, der so nur "in den Köpfen der Sommergäste" existiert. Denn Sommergäste, so die Rezensentin, gehören eigentlich einer andren, schon vergangenen Epoche an, und sie spüren dieses "Zuspätsein", zermürben sich zwischen Stillstand, Öde und Sehnsucht. Und so sind für die Rezensentin auch Gruenters Erzählungen: sie sind "Geschichten im Stadium der Latenz", "Erotik im Wartestand, Etüden der Einsamkeit". Und alle spielen sie mit dem "Sekundenbruchteil, in dem die altvertraute Wirklichkeit aus den Angeln gehoben wird" und man gehe durch den Spiegel. Der Leser erkenne sich selbst als Sommergast wieder, "als Besucher der kurzen Saison, die man gemeinhin das Leben nennt". In Gruenters Geschichten gehen "Sinnlichkeit und Melancholie, Kunstfertigkeit und ästhetischer Eigensinn" eine Balance ein, "die selten ist in der deutschen Literatur".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.03.2003
Rezensent Joseph Hanimann kniet nieder vor diesem "wunderbaren Band", dessen Grundklang ihm erschien, als hätte "eine Wiedergängerin des jungen Marcel Proust im Pastiche-Kleid der Belle-Epoque" dem Fin de Siecle zum neuen Jahrhundert ein Denkmal gesetzt. Für ihre Erzählungen habe die Autorin "einen eigenen narrativen Erzählstatus" erfunden, der nach Ansicht des Rezensenten in früheren Zeiten Anspruch auf eine literarische Schule hätte erheben können. Immer neue Geschichten sieht er surreal den sehr realen Orten entsteigen. Als narrative Ursituation beschreibt er "jene schillernde Zeitbewegung, die das Neue sogleich ins Gewesene zurückfallen lässt". Aus diesem Zeitflimmern heraus erlebt er "quer durch die Texte" sich eine fantastische Realität entfalten, in einer "äußersten Präzision des Detailblicks" sich die Dinge phantastisch trüben. Eine "dinghaft überbordende Sehwelt" begeistert den Rezensenten in diesen 15 Geschichten, die für ihn Lücken der Rätselhaftigkeit in die Alltagsbanalität reißen. Vielfach steigen bei ihm Bildassoziationen auf - "irgendwo zwischen Magritte, Pierre Klossowski und Leonor Fini". Mitunter sieht der Rezensent die Geschichten sogar zum bitteren Sarkasmus neigen, zur verträumten Dunsthaftigkeit allerdings nie. Es ist der "Nachglanz von beflügelnder Trauer und sanfter Heiterkeit", die ihn gefangen nimmt, eine "Glücksahnung ohne Zielrichtung", eine "Wehmut ohne Weh".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.03.2003
Die unglaubliche Souveränität, die Undine Gruenter in diesen letzten 15 Erzählungen erreicht hat, übertrifft nach Ansicht von Rezensentin Dorothea Dieckmann noch die "Meisterschaft von Ingeborg Bachmanns letzten heiter-bitteren Erzählungen". Noch weiter sei der literarische Spielraum, den Gruenter in ihnen mit tänzerischer Freiheit abmesse. In der letzten Erzählung des Bandes sieht die euphorisierte Rezensentin die im Oktober 2002 verstorbene Autorin sogar "mit genussvoller Eleganz und komischer Melancholie" den ästhetischen Bogen von de Laclos bis Nathalie Sarraute spannen. Doch großartig findet Dieckmann alle Erzählungen, die in der Nebensaison in einem französischen Badeort spielen. Sie spricht von "Kameraschwenks oder stills", die Architektur und Interieurs voyeuristisch aufzeichneten, "auf der Grenze zwischen Intimität und Exhibition". Sie hört die Stimmen des Personals dieser Erzählungen "so nah und lebendig, dass man ihren Atem am Ohr spürt". In ihrem fast zeitungsseitenlangen Text lässt die Rezensentin das gesamte Gruentersche Werk noch einmal Revue passieren und konstatiert mit jedem neuen Werk einen "Gewinn an Leichtigkeit".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.03.2003
Lothar Müller eröffnet seine Besprechung mit einer Anekdote, von der wir nicht erfahren, ob sie im nachgelassenen Erzählungsband der 2002 verstorbenen Autorin Erwähnung findet. Im Jahr 1870 hatte der Maler Claude Monet den Sommer im Seebad Trouville in der Normandie verbracht und eine Strandgesellschaft im Bild verewigt. Restauratoren haben nun herausbekommen, dass der Wind Sand auf den Pinsel geweht haben muss und Monet auf diese Weise tatsächlich ein Stück Strand mit auf das Strandbild gebracht hat. Dieses "beiläufig Hineingewehte" empfindet Müller als absolut charakteristisch für diese späten Erzählungen Gruenters, denen die sonst typischen Allegorien und Verrätselungen der Autorin abhanden gekommen seien. Obwohl die Zeichen der Zeit eindeutig auf das Jahr 2000 verweisen, wie Müller berichtet, scheint die Zeit stillgelegt, verlangsamt; Gruenter inspiziere die Interieurs dieses alten Seebads, mit seinen Villen und Hotels, beschreibe Lebensausschnitte, schildere Episoden, denen das Dramatische, Abschließende fehle. Diese Erzählungen seien nicht zu Ende, wenn sie aufhören, meint Müller, sie zögen sich nur dezent aus dem Leben der Figuren zurück. Für ihn ist das große Kunst, wie ein Bild von Monet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.03.2003
In Ina Hartwig hat Undine Gruenter einen treuen Fan gefunden. Hartwig kann bei den fünfzehn Geschichten rund um den Badeort Trouville und seine Menschen keine einzige finden, in der sich das Deutsche der Wahlpariserin Gruenter einmal nicht vortrefflich mit ihrem französischen Geist verbindet. Die Autorin schaffe es bei der Spurensuche der Belle Epoque immer, das "Gleichgewicht zwischen Desillusionierung und Beschwörung" zu meistern. Die labyrinthische Konstruktion der einzelnen Erzählungen erinnert die Rezensentin an Gruenters Roman "Das Versteck des Minotaurus", die vorliegenden Erzählungen kommen aber weniger "beflissentlich" daher und konzentrieren sich auf das kleine Detail, nicht die große Geste, beteuert Hartwig. Stilistisch ordnet sie Undine Gruenter zwischen Nathalie Sarraute und Michel Leiris, Flaubert und Bataille ein. Schmeichelnde, nach der Meinung Hartwigs aber gerechtfertigte Vergleiche. Dementsprechend begeistert liest sich auch ihr Resümee: "Ein schwebendes, biegsames, ungemein vokabelreiches Buch, filigran und anspielungsreich."
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