Bücherschau der Woche
Hatten Sie in den letzten Tagen keine Zeit, die Zeitung zu lesen oder bei uns vorbeizuschauen ? Macht nichts, denn hier können Sie unsere Rezensionsnotizen der letzten sechs Erscheinungstage nach Zeitung oder Themen sortiert abfragen.
Literaturbeilagen
All unsere Notizen zu den Buchkritiken in den Literaturbeilagen von FAZ, FR, NZZ, SZ, taz und Zeit.
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Aus dem Archiv
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Klappentext
Aus dem Chinesischen von Peter Weber-Schäfer. Gerüchte besagen, dass in einer entlegenen Provinz Chinas dekadente Parteikader, die nach der Wirtschaftswende zu Reichtum gekommen sind, kleine Kinder nach allen Regeln der Kochkunst zubereiten lassen. Sonderermittler Ding Gou'er wird in die "Schnapsstadt" entsandt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Doch kaum hat Ding den Fall aufgegriffen, sieht er sich konfrontiert mit einer wahnhaften Welt, die von Aberglaube und Korruption, von Anmaßung und Gier beherrscht wird.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.04.2003
"Das ist kein gemütlicher Wochenendschmöker, sondern eine Zumutung in vielerlei Hinsicht, ein starkes Stück chinesischer Gegenwartsliteratur", heizt Christiane Hammer in ihrer Besprechung gleich mächtig an. Und legt nach: Man habe sich Mo Yans Roman als ausufernde Phantasie, als zynische und verzweifelte, experimentell erzählte und brillant gestrickte Farce voll bizarrer Motive vorzustellen. Das zentrale Motiv: Kannibalismus. Mo Yan, schreibt die beeindruckte Rezensentin, übersetzt den Sinnspruch von der Revolution, die ihre Kinder frisst, in Seminare zur Zubereitung von Säuglingen. Kein Wunder, meint sie, dass die chinesischen Zensoren solcherart Kommentar zur politischen Gegenwart nicht durchgehen ließen. Außerdem seien da noch: ein Krimiplot, der Auftritt des Autors als Figur und "ein ganzer Kosmos aus inhaltlich verwobenen Parallelerzählungen". Mo Yan halte die Zügel fest in der Hand - ein überaus virtuoser, wortgewaltiger und anstrengender Autor, lobt unsere Rezensentin.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.03.2003
Von der Form dieses Romans lässt sich Meike Fessmann nicht aus der Fassung bringen, wie sie zunächst betont, denn was dieser chinesische Roman da an Spielen mit der Figur des Autors, an erzählten Bewusstseinsströmen und magischem Realismus aufbietet, kennt sie von Sterne, Joyce und Marquez. Trotzdem ist sie hingerissen von dem Roman, der bereits 1992 auf Chinesisch erschien, denn sie entdeckt in der Geschichte um einen Ermittler, der in der Stadt Jiuguo untersuchen soll, ob dort tatsächlich Kinder verspeist werden, zwischen "Altbekanntem" eben auch das "erschütternd Andere". Dies mache den "Reiz" des Buches aus, betont die begeisterte Rezensentin, die insbesondere von einer LKW-Fahrerin beglückt ist, die sich in einen "Geschlechterkampf" erster Güte mit dem Protagonisten begibt, der dem "Klassenkampf" in nichts nachsteht, wie Fessmann schwärmt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2002
Rezensent Niklas Bender zeigt sich begeistert von Mo Yans "großartigem", im Original bereits 1992 erschienenen Roman "Die Schnapsstadt", in dem der Autor ein kritisches Porträt des gegenwärtigen China zeichnet. Im Zentrum des Romans steht der Verdacht, die Parteikader einer Provinzstadt äßen saftige "Fleischkinder", berichtet Bender. Neben dieser Kriminalgeschichte findet sich ein Briefwechsel zwischen dem Romanautor und einem ehrgeizigen Doktoranden, der Schriftsteller werden möchte. Diese selbstreflexive Verschachtelung in der Tradition der westlichen Moderne ist für Bender nicht Selbstzweck, sondern eine "Ingredienz", wie die dämonischen Gestalten und andere Anleihen bei chinesischen Märchen oder die Verbindung von Realität und Motiven des Wunderbaren, die aus dem "magische Realismus" Lateinamerikas bekannt sind. Hinzu kommen Phrasen und Bilder aus dem Wortschatz der Ideologie sowie kulturelle Referenzen, die dem westlichen Leser fremd bleiben müssen, erklärt Bender. Daraus entstehe Erstaunliches: "Eine wahre Enzyklopädie der alltäglichen und literarischen Formen und Sprachen", so Bender, "wird hier verbraut zu einem fulminanten Kosmos, der seine Bestandteile in einem Prozess der kreativen Gärung und Destillation veredelt." Und so hofft Bender, dass diesem Roman hierzulande der verdiente Erfolg vergönnt sein möge, und dass die nächste Übersetzung nicht wieder zehn Jahre braucht.
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