Bücher der Saison
Eine Auswahl der interessantesten, umstrittensten und meist besprochenen Bücher der Saison.
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Angela Krauß
Weggeküsst
Klappentext
"Weggeküsst" ist ein Buch über das Verlangen. Es erzählt von den hektischen Pendelbewegungen der Lust, von schier überqueller Fülle, die den Mangel kaum spürbar werden läßt, von artistischen Versuchen, Unfreiheit wie Freiheit zu beherrschen, und von der seltsamen Welt der Tiere im Zoo.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.05.2003
Erwartung und Realität gehen für den Rezensenten Navid Kermani bei diesem Buch weit auseinander. Den Roman findet er eigentlich "in der Anlage berückend", die Sprache "luftig, nicht beschwert mit unnützen Konstruktionen und falschen Bildern" und die Geschichte gar nicht so übel: Eine Frau läuft durch die Welt, mit dem Wunsch "verführt zu werden". Die Geschichte folgt ihren Stationen, sie folgt ihr in den Zoo ebenso wie in die Konditorei, aber bald geht dem Rezensenten auf, dass "die Erzählung die Lust zwar ständig im Munde führt, aber vor des Menschen tierische Gelüsten die Augen niederschlägt, sei es aus Ehrfurcht oder Scheu". Kermani wähnt das Versprechen dieses Buches gebrochen, daher die Enttäuschung. Angenehm zu lesen ist es trotzdem.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 14.11.2002
Andreas Nentwich zeichnet in seiner Besprechung die Stationen nach, durch die sich die "heute 52-jährige Chemnitzerin, die seit 1981 als freie Autorin in Leipzig lebt", hindurchgeschrieben hat: zunächst die Zeit von "Mauern und Stacheldraht", dann die Reise nach Westen, und schließlich dieses Buch, das, wie Nentwich findet, den drohenden "Identitätsverlust" seit der Wende deutlich anzeigt. Die "Sehnsucht" nach Verzauberung, die "Neugier" auf alles, was anders ist, geheimnisvoll und unerreichbar, muss wieder neu erobert werden, wo die Menschen schon bei der ersten morgendlichen Begegnung mit "Stadt- und Warenwelt", so zitiert Nentwich die Autorin, "weggeküsst" werden. Das "Verlangen" muss sich neue Räume suchen, - und findet es hier im Blick auf die Tiere im Zoo. Erst dort wird die "Intensität" des eigenen Lebens wieder "erweckt", wenn man nämlich, schreibt Nentwich, "Fremde fremd sein lässt", so wie die Protagonistin, alter Ego der Autorin, es hier wieder kann. Der Rezensent vergleicht den Krauß'schen Blick auf die Welt mit dem des Novalis', und schließt, dass dieser seiner "späten Nachfahrin die blaue Blume nicht verweigert hätte".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.11.2002
Ein wenig zwiespältig wirkt Angela Krauß' Erzählung "Weggeküsst" auf Rezensentin Meike Fessmann. Die hohe "energetische Spannung" des Textes erzeugt bei ihr ein Schwindeln. Doch eigentlich handelt es sich bei dem Text ihres Erachtens um einen Essay in "literarischer Prosa". Krauß versuche am Beispiel ihrer Erzählerin jenen Geisteszustand zu ergründen, der für den Menschen des Kommunikationszeitalters typisch sei: "die manisch depressive Dauererregtheit eines an Nerven und Sinnen überreizten Wesens." Das gelingt ihr nach Ansicht des Rezensentin nur bedingt. Wer den mit Theoriebruchstücken über Kommunikationsnetzte durchsetzten Text auch analytisch folge, bleibe am Ende unbefriedigt. Nichtsdestoweniger räumt Fessmann ein, "dass Angela Krauß mit diesem Buch ihren Ruf als Seismographin der Gegenwart bestätigt hat".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002
Als Prosadichtung bezeichnet Rezensent Jörg Magenau dieses schmale Buch, das er mit Gewinn, aber möglicherweise nicht durchgehend mit Vergnügen gelesen hat. Es gibt kein Handlungsgerüst, schreibt er, alles Ereignishafte sei durch Wahrnehmung ersetzt. Im Mittelpunkt stehe eine Konditorei, die Magenau als "Mittelpunkt der Ich-Welt" bezeichnet, die sich um die Erzählerin strukturiert, die seit Jahren schon regelmäßiger Gast an diesem Ort ist. Auch gebe es keine Chronologie. Große Zeitschneide sei lediglich das Jahr 1989, welches alles in ein Vorher und ein Nachher teile. Das vorliegende Buch wird vom Rezensenten in die Reihe der Selbstversuche einsortiert, die Angela Krauß nach der Wende geschrieben hat, und in denen sie sich, Magenau zufolge, mit den Veränderungen der Wahrnehmung der Dingwelt befasste, die nach 1989 zur Warenwelt geworden war. Nun mache sie mit "Weggeküßt" den Versuch, eine Ordnung wiederherzustellen, ohne damit die Welt zu verändern. Die Autorin ersetz in ihren Prosaminiaturen "Erzählen durch Aufzählen", schreibt der Rezensent, dessen Ausführungen darauf schließen lassen, das ihn dies Verfahren zwar poetologisch überzeugt hat, doch dessen Leseerlebnis sich wohl gelegentlich etwas zäh gestaltete.
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