Was bringt es, sich mit dem Marquis de Sade zu beschäftigen, nach dem der Sadismus benannt und dessen Werk als ekelerregend pornografisch verschrieen ist? Heinz-Günther Stobbe klärt in seinem Essay den Zusammenhang von moralischer Zügellosigkeit und Gewalt im Denken de Sades und zieht Verbindungslinien zur heutigen "Spaßkultur", die ihre Opfer bedenkenlos in Kauf nimmt für das Vergnügen, das sie im Überschreiten moralischer Grenzen, in Tabubruch und Schamlosigkeit sucht.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.07.2002
Am Anfang seiner Rezension zitiert Andreas Platthaus den katastrophal daneben gegangenen ersten Satz dieser Sade-Studie. So schlimm bleibt es aber nicht, die Kritik ist entschieden das, was man zwiespältig nennt. Dass der Theologe Stobbe den Marquis de Sade nämlich Ernst zu nehmen gewillt ist, dass er das "Dilemma" des Bösen in dessen Werk genau herausarbeitet, das will der Rezensent dem Autor durchaus zugute halten, ja, er hat sogar "großartige Passagen" entdeckt. Gar nicht gut gefällt ihm dagegen der Kulturpessimismus, der den Text grundiert und dazu führt, dass Stobbe die "postmoderne Spaßgesellschaft" mit Auschwitz und Gulag über einen Kamm zu scheren beinahe bereit scheint. Die Haltung zu de Sade bleibt, so der Vorwurf des Rezensenten, inkonsequent: "Mal ist er Unmensch, mal Gewährsmann".
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