Die in der Geschichtswissenschaft vorherrschende These, der deutsche Sonderweg im 19. und 20. Jahrhundert sei im Fehlen einer demokratischen Denktradition begründet, lässt sich aufgrund dieser Untersuchung von Jürgen Riethmüller nicht länger aufrecht erhalten. Jürgen Riethmüller weist nach, dass schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Flugschriften, Geheimgesellschaften und Diskussionszirkeln Konzepte für eine auf den Grundsätzen der Volkssouveränität, der Gewaltenteilung und der individuellen Grundrechte beruhenden demokratischen Gesellschaft entwickelt wurden, die den Vergleich mit den französischen Revolutionsverfassungen nicht zu scheuen brauchen. Anhand zahlreicher und unterschiedlichster, oft geflissentlich ignorierter Quellentexte zeigt der Autor die in den Wirren der französischen Revolution und der nationalen Gegenbewegung unterbrochene originär deutsche Demokratietradition auf, deren Anfänge weit vor dem Vormärz lagen.
Hocherfreut berichtet der Rezensent Benedikt Erenz von den "Anfängen der Demokratie in Deutschland" des Autors Jürgen Riethmüller, einem Schüler des Historikers Axel Kuhn. Der hat in seiner Dissertation, zu der es auch eine "volksaufklärende Kurzfassung" gibt, wie Erenz lobend anmerkt, mit viel Temperament den theoretischen Beitrag "deutscher Selbstdenker" zur politischen Debatte der Aufklärung im Westen detailreich belegt. Fazit: Deutschland musste nicht erst im Westen ankommen, wie viele neuerdings anzunehmen scheinen, sondern die "politische Avantgarde" Affsprung, Bergk, Dori und andere waren schon früh und mit Enthusiasmus an dem Entwurf einer Republik beteiligt. Vorschläge Träume, Ansätze und eine gesamtdeutsche Verfassungs-Urkunde von 1799 werden offengelegt. Besonders gelungen und erhellend findet der Rezensent die Verdeutlichung der Gegensätzlichkeit demokratischer und liberaler Positionen des 18. Jahrhunderts und bemerkt dazu: "daran hat sich bis heute nichts geändert".
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