Bücher der Saison
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Klappentext
Aus dem Französischen von Gerda Kurz und Siglinde Summerer. Mit einem Nachwort von Kurt Flasch. War Rabelais ein Spötter oder ein tiefgründiger Philosoph, der mit seiner Kritik und seinem Unglauben seiner Zeit weit vorauseilte? Inwieweit dieser gebildete Mönch, Arzt, Historiker und Schriftsteller seine eigene Epoche und die Vorstellungswelt der Renaissance spiegelt, beantwortet Lucien Febvre mit seiner "Mentalitäten-Geschichte". Im Lauf der Darstellung begegnet der Leser einer Vielzahl von Persönlichkeiten, unter anderem Luther und Erasmus von Rotterdam. Der Autor zeichnet hinter diesen Porträts das geistig-moralische Profil einer ganzen Epoche.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2002
Nach sechzig Jahren liegt Lucien Febvres "Klassiker" über Rabelais endlich in einer deutschen Übersetzung vor! Für Rezensent Gerrit Walther Grund genug zur Freude und Begeisterung. Bedauerlich findet er nur, dass noch immer keine vernünftige Übersetzung von Rabelais' "Gargantua" vorliegt: "Wie", fragt er mit Blick auf Febvres Monographie, "soll man den Lesehunger stillen, den dieses hinreißende Stück Gelehrsamkeit auf das Original weckt?" Und das, obwohl das Thema von Febvres Werk heute niemanden erregen dürfte. Als Febvre 1925 mit seinen Recherchen begann, war eine kontroverse Diskussion über die Frage im Gange, ob Rabelais Atheist war oder nicht. Wie Walther ausführt, durchbrach Febvre diese Alternative, indem er die ideologische Frage in eine wissenschaftliche umformte: Konnte Rabelais überhaupt Atheist sein? So konnte Febvres zeigen, dass selbst wenn Rabelais Atheist hätte sein wollen, es ihm doch nicht gelungen wäre, da seine Zeit keine sprachlichen und gedanklichen Formen kannte, die es ihm erlaubt hätten, eine solche Haltung zu begründen, fasst Walther die zentrale These von Febvre zusammen. Obwohl die Thesen von Febvres Werk seit seinem Erscheinen von vielen großen Wissenschaftlern weitergedacht wurden, hat es für Walther "nichts von seiner inspirierenden Vitalität verloren."
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.07.2002
Dieser Text zählt zu den Klassikern der französischen "Annales"-Schule, die Geschichte als Regional-, Sozial- und Mentalitätsgeschichte versteht. Auf Französisch ist er bereits während der deutschen Okkupation erschienen, berichtet Thomas Maissen, was ein Hinweis darauf sein könnte, warum die Forschungen der "Annales"-Historiker nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland ignoriert wurden. Nach über 60 Jahren erscheint dieser Text erstmals auf deutsch - in einer vorzüglichen Übersetzung, sagt Maissen. Der Text führt weit über eine Rabelais-Biografie hinaus, meint er, da es Febvre um eine Historisierung der Person des Schriftstellers und seines kulturellen Kontextes ging. So entstand eine Studie über die Geisteswelt der Renaissance. Febvre ging es darum, erklärt Maissen, den religiösen Diskurs jener Zeit zu verstehen: Welche Arten von Gewissheiten konnten die Menschen damals erlangen? In diesem Zusammenhang verteidige Febvre Rabelais strikt gegen den von Philologen erhobenen Vorwurf, Rabelais sei Atheist gewesen. Eine Fehlinterpretation nach Maissen, da man mit dem Begriff "Atheist" im Reformationszeitalter für alle Andersdenkenden oder "konfessionellen Gegner" schnell bei der Hand war. Das Register ist leider unvollständig, teilt Maissen noch mit, aber dafür biete das Nachwort von Kurt Flasch eine Entschädigung.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.07.2002
Nicht weniger als sechzig Jahre hat es gedauert, bis dieses Epoche machende Werk in deutscher Übersetzung erscheint, stellt der Rezensent Heinz Schlaffer kritisch fest. Dieses Buch über Francois Rabelais war nicht weniger als eines der Gründungswerke der vielleicht wichtigsten Historiker-Schule des vergangenen Jahrhunderts, der Gruppe um die französische Zeitschrift Annales. Lucien Febvre bemüht sich darin um den Nachweis, dass Rabelais - entgegen moderner Tendenzen - nicht aus seinem mentalitätsgeschichtlichen Umfeld zu lösen ist. Das Problem des (Rabelais später unterstellten) Unglaubens im 16. Jahrhundert besteht darin, so Febvre, dass er im christlichen Abendland bis Descartes ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sei. Auch wenn der Nachwort-Autor Kurt Flasch an der These vom radikalen Bruch der Weltanschauungen - von Schlaffer zitierte - Zweifel äußert: der Rezensent schwärmt von diesem Buch, preist es als "intellektuelles und sprachliches Vergnügen" und ist entzückt von der ungewohnt "heiteren Form", in der die "unbegrenzte" Gelehrsamkeit hier auftritt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.06.2002
Endlich! 60 Jahre musste der Rezensent warten, stellvertretend für alle Leser natürlich, auf die deutsche Ausgabe von Febvres Beschäftigung mit dem Atheismus im 16. Jahrhundert. Dabei ist das Buch so unterhaltsam, so amüsant wie gelehrt, um genau zu sein. Einen "Meister der Darstellung" nennt Thomas Meyer den Autor, der leis nörgelnd beginnt, um sich schließlich zur großen Abhandlung aufzuschwingen über den Unglauben im zu Zeiten Rabelais'. Und wie! Mitnichten im Stile knochentrockener Philologie, vielmehr als "Feuerwerk an Ideen, Reflexionen, Bildern". Und wie stehts jetzt mit dem Unglauben - war er möglich? War er nicht, soviel ist sicher, wenn Meyer auch auf die Probleme der Febvreschen Geschichtsschreibung hinzuweisen nicht vergisst. Darüber ist in Kurt Flaschs "lebendigen Nachwort" zu lesen. Davor aber erwartet den Leser "ein unvergleichliches Lesevergnügen".
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.05.2002
Endlich hat es Lucien Febvres Werk über den Glauben und sein Gegenteil im 16. Jahrhundert ins Deutsche geschafft, jubelt Rezensent Friedrich Niewöhner. Im Hinblick auf die aktuellen Diskussionen in der Forschung erscheint Niewöhner Febvres Arbeit - obgleich die Forschung in einigen Punkten heute weiter ist- auch heute, nach sechzig Jahren "hochaktuell". Wie Niewöhner ausführt, geht es Febvres vor allem darum, "den Unterschied zwischen den Jahrhunderten verstehbar zu machen, um so dieser fernen Zeit gerecht zu werden". Febvres große Leistung erblickt Niewöhner darin, den Atheismus der Renaissance als "modernen Mythos" entlarvt zu haben, und gezeigt zu haben, dass der Rabelais vorgeworfene Atheismus letztlich "bloße denunziatorische Rhetorik" war. Niewöhner hebt hervor, dass Febvres Ausführungen - obwohl von "stupender Gelehrsamkeit" - "spannend und gut geschrieben" sind und die Lektüre ein Vergnügen ist. In diesem Zusammenhang dankt Niewöhner ausdrücklich Gerda Kurz und Siglinde Summerer für ihre sehr gute Übersetzung und ihre klugen Ergänzungen von Febvres Anmerkungen. Lobend erwähnt Niewöhner auch das Nachwort, in dem Kurt Flasch die Entstehungsgeschichte des Buches erzählt, neuere Forschungsliteratur zu Rabelais kurz bespricht und auch auf neueste Arbeiten zum Problem des Atheismus in der Frühneuzeit verweist. Niewöhner hält fest, dass das Werk von Febvre zu den Standardwerken der Renaissance-Forschung zählt. Ab jetzt gibt es keine Entschuldigung mehr: "Wer es noch nicht auf Französisch kennt, muss es nun lesen".
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