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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.08.2000
In einer Doppelrezension bespricht Andrea Köhler zwei Debüt-Romane deutscher Autoren. Beide weisen ihrer Ansicht nach zwar auf den ersten Blick wenig Gemeinsamkeiten auf. Dennoch: In qualitativer Hinsicht siedelt die Rezensentin beide weit höher an, als sie dies den meisten anderen Romanen junger deutscher Autoren zugestehen würde.
1) David Wagner: "Meine nachtblaue Hose" (Fest Verlag)
Zwar ist Köhler der Ansicht, das der Vergleich mit Marcel Proust, den ein Kollege angeführt hat, etwas übertrieben ist. Dennoch kann sie Wagner durchaus handwerkliche Qualitäten zugestehen. Der Roman ist ein "Buch der Absenzen", erfährt der Leser. Überall ist Leere. Die Mutter des pubertierenden Protagonisten hat sich nach England abgesetzt, der Vater führt lieber pausenlos Monologe als mit seinem Sohn zu sprechen, und selbst in der Glotze herrscht die gleiche Langeweile wie überall sonst in der Beamten-Reihenhaus-Siedlung. Und der Protagonist hat, so Köhler, selbst unter Absenzen zu leiden: Es gibt einen nur schwer überbrückbaren Abstand zwischen ihm und der realen Welt. Der Versuch, eine Hose anzuziehen, nimmt mehr Raum ein als der im Fernsehen verkündetet Fall der Mauer, stellt die Rezensentin fest. Ein ?großes Egal schwebe über allem: Scheidung der Eltern, Trennung von der Freundin. Und doch unterscheidet sich Wagner von seinen jungen Schriftsteller-Kollegen, so Köhler: nämlich durch den "Blues des Verlusts", der in diesem Buch spürbar ist.
2) Susanne Riedel: "Kains Töchter" (Rowohlt Verlag)
Köhler zeigt sich äußerst beeindruckt von diesem Buch und bescheinigt ihm gar eine "alttestamentarische Wucht" (wobei sie nach dem Duden eigentlich von "alttestamentlicher Wucht sprechen müsste). Zwar scheint sie es ziemlich riskant zu finden, gleich mit den ganz großen Themen ("Mord, Inzest, Eifersucht, Wahnsinn und Schuld") zum Debüt anzutreten. Letztlich hat Riedel dies ihrer Meinung nach jedoch hervorragend gemeistert. Köhler begründet dies primär mit zwei Aspekten: da ist zum einen die Sprache, zum anderen die ungewöhnliche Perspektive, denn es bleibt - wie die Rezensentin anmerkt - bis zum Ende des Buchs unklar, ob die Ereignisse wirklich stattgefunden haben oder sich lediglich im Kopf der Erzählerin abgespielt haben.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.04.2000
"Fast perfekt" findet Gustav Seibt den Debütroman Wagners, vielleicht sogar zu perfekt. Die geschliffene Sprache und die sorgsame Komposition der Geschichte hätten manchmal etwas zu Regelhaftes, Symmetrisches, um noch zu überraschen. Trotzdem lobt er enthusiastisch den "großen Kunstverstand" des Autors und ist begeistert von der klangschönen Sprache und der Wirklichkeitsnähe des Textes. Für hervorhebenswert erachtet es Seibt, dass Wagner Geschichte nicht ausblende, wie viele zeitgenössische junge Autoren. Hin und wieder allerdings wären seine Überlegungen etwas altklug, "um nicht das eine oder andere ungläubige Kichern zu provozieren".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 22.03.2000
Lohnend, aber "mitunter anstrengend zu lesen" findet Susanne Balthasar den Erstling von David Wagner. Thema: eine Kindheit in Westdeutschland, wo sich "das wirkliche Leben zwischen Polstergarnitur und Einbauküche" verklemmt hat. Dagegen sei die DDR nachgerade exotisch. Und die Liebe erst recht, in der sich die Sehnsucht nach dem Leben ihren Ausdruck sucht. Die Rezensentin führt durch Geschichte und Roman, geht milde mit seinen Schwächen um, schließlich ist der Autor noch jung. Manchmal gerät sie über die "akribische Beobachtungsgabe" David Wagners auch in sanfte Euphorie, leider ohne damit anzustecken.
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