

Wilhelm Dichter
Rosenthals Vermächtnis. Roman
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2000
Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Wilek hat als verstecktes Kind in Galizien überlebt. Fast alle Freunde der Eltern sind jüdische Überlebende, die in der Partei und im Wirtschaftsapparat Karriere machen. Doch Wilek wird von den Bildern aus der Zeit der Verfolgung heimgesucht, von Erinnerungen an seinen umgekommenen Vater und an die ermordeten Verwandten. Herr Rosenthal, ein väterlicher Freund und Mentor, gibt ihm Plechanow und Majakowski zu lesen. Hätten die Bolschewiki Europa erobert - glaubt Wilek -, hätte es keinen Hitler gegeben. In der Schule wird er als «russischer Lakai» und «Kommunist» beschimpft. Um antisemitischen Attacken zu entgehen, wechselt er auf ein Elitegymnasium, wo zukünftige Funktionäre herangezogen werden. Seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sicherheit ist so groß, dass er die hellsichtigen Warnungen von Herrn Rosenthal in den Wind schlägt. Lakonisch und mit kühler Präzision beschreibt Wilhelm Dichter die Mechanismen der Angst und der Anpassung, die Hoffnungen und Irrwege einer jungen Nachkriegsgeneration in Osteuropa.