Bücherschau der Woche
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Aus dem Archiv
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- Fallende Blätter: Zur Lage des Feuilletons heute
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Klappentext
Aus dem Polnischen von Martin Pollack. Wilek hat als verstecktes Kind in Galizien überlebt. Fast alle Freunde der Eltern sind jüdische Überlebende, die in der Partei und im Wirtschaftsapparat Karriere machen. Doch Wilek wird von den Bildern aus der Zeit der Verfolgung heimgesucht, von Erinnerungen an seinen umgekommenen Vater und an die ermordeten Verwandten. Herr Rosenthal, ein väterlicher Freund und Mentor, gibt ihm Plechanow und Majakowski zu lesen. Hätten die Bolschewiki Europa erobert - glaubt Wilek -, hätte es keinen Hitler gegeben. In der Schule wird er als «russischer Lakai» und «Kommunist» beschimpft. Um antisemitischen Attacken zu entgehen, wechselt er auf ein Elitegymnasium, wo zukünftige Funktionäre herangezogen werden. Seine Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Sicherheit ist so groß, dass er die hellsichtigen Warnungen von Herrn Rosenthal in den Wind schlägt. Lakonisch und mit kühler Präzision beschreibt Wilhelm Dichter die Mechanismen der Angst und der Anpassung, die Hoffnungen und Irrwege einer jungen Nachkriegsgeneration in Osteuropa.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.10.2000
Irgendwann hat es Wilhelm Dichter in Polen nicht mehr ausgehalten, und er ist in die USA ausgewandert, erzählt Felicitas von Lovenberg. Nachhaltig irritiert hatte ihn, der die deutsche Besatzung im Versteck überlebt hatte, der anhaltende Antisemitismus im sozialistischen Polen. Dieser Antisemitismus, sagt die Rezensentin, ist auch in Dichters zweitem, autobiografischen Roman (der an sein Debut `Das Pferd Gottes` anschließt) überall spürbar, so sehr sich auch der Protagonist zunächst bemüht, der sozialistischen Ideologie gegenüber aufgeschlossen zu sein. Dichter evoziere in kleinen, immer nur kurz beleuchteten Szenen, die so beiläufig geschildert würden, dass man sie glatt übersehen könne, eine Jugend im Sozialismus `zwischen klassischer Bildung und politischer Ideologie`. Dabei wird Dichter nie sentimental, meint Lovenberg, oder kitschig. Im Gegenteil, man müsse schon sehr genau zwischen den Zeilen lesen und behutsam die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammentragen, so dezent sei der Autor vorgegangen, der Lovenberg sinnigerweise wie jemand vorkommt, der eigentlich gar kein Buch schreiben wollte.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 17.10.2000
Ausführlich und liebevoll schreibt Karl-Markus Gauss über diesen Roman Dichters, der gewissermaßen die Fortführung seines ersten Buches "Das Pferd Gottes" ist. Der junge Überlebende Willek bewegt sich als Jude und Jungkommunist, also als weiterhin heimlich Verachteter und gleichzeitig "auf prekäre Weise privilegiert", in der Welt des polnischen Nachkriegs. Umgeben ist er fast ausschließlich, so Gauss, von denen, die überlebt haben; ihre Erfahrung und wie sie die Gegenwart sehen, bilden die festen Koordinaten seines Lebens. Zu korrektiven Erlebnissen, die der Brüchigkeit seiner Erfahrung entsprechen, werden ausgerechnet der Lateinunterricht, in dem er literarische Parallelen zum Warschauer Ghettoaufstand findet, und die Liebe zu einer jungen Katholikin, die sich für ihn nicht nur erotisch interessiert. "Herr Rosenthal" meint in ihm einen "autoritären Funktionär" und stalinistischen Gläubigen heranzuziehen, "aber Willek wird nicht die Idee, sondern das Leben selbst haben wollen`" schreibt Gauss.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.10.2000
Ohne viel Verstellung hat der polnische Schriftsteller hier die Fortsetzung seines ersten "Lebensromans" "Das Pferd Gottes" vorgelegt, schreibt Agnes Hüfner. Es geht um den Oberschüler Willek, der das Vermächtnis Rosenthals, nämlich die Programmatik eines kämpfenden Sozialismus zu seiner eigenen zu machen, verweigert oder doch gern verweigern will. Seine Kindheit hat ihn schon gelehrt, dass er so den Widersprüchen und Anwürfen, beispielsweise als Jude "Lakai der Russen" zu sein, doch nicht entkommen wird. Es würde sie nicht wundern, so die Rezensentin, wenn Dichter in einem dritten Buch die Geschichte, die unverstellt seine eigene ist, fortführt bis zur 1967 erfolgten Auswanderung aus Polen. Zwar hat Goethe solch ein Unternehmen, also Dichtung und Wahrheit in eins zu setzen, einmal als "immer bedenklich" charakterisiert, schreibt Hüfner; aber die Geschichte selbst hat dafür gesorgt, dass persönliche Erinnerungen im Kanon unserer Literatur einen neuen Stellenwert bekommen haben. Zu Sprache, Übersetzung, Stil oder Lesbarkeit erfährt man außer durch ein die Besprechung abschließendes Zitat weiter nichts.
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