Vorworte

Leseprobe zu "Aliens & Anorexie" von Chris Kraus

Über Bücher, die kommen.
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In meinem Küchenschrank steht eine Dose "Hausmannssuppe 'Fiesta'" von Campbell. Ich öffne die Dose und sehe mir den Inhalt genau an. In der Dose befinden sich rechteckige weiße Würfel, die ursprünglich Kartoffeln, Erbsen und Karotten gewesen sein müssen und jetzt von einer gummiartigen Brühe zusammengehalten werden. Das Gemüse sieht nicht so aus, als habe es jemals in der Erde gesteckt. Unmöglich, etwas zu essen, von dem ich mir nicht einmal ausmalen kann, woher es kommt. Und dennoch existiert irgendwo im Hintergrund meines Magens, meiner Brust oder meines Kopfes dieses heftige Verlangen nach ... Nährstoffen. Was wenn die Campbell-Suppe sich plötzlich in hausgemachten Gazpacho verwandelt? Ich kann mir nicht sicher sein ... Gazpacho ist nicht ideal, weil die einzigen Tomaten, die in Südkalifornien verkauft werden, dickhäutige, quadratische, in Zellophan gewickelte Objekte sind. Ich brauche etwas zu essen, lehne das alles jedoch noch auf der zellularsten Ebene ab. Ich spüre es in meinen Zellen: Ich verhungere. Der Alltag verwandelt sich in einen absoluten Horror, sobald man die Mahlzeiten infrage zu stellen beginnt -

Die Psychoanalytikerin Johanna Tauber glaubt, dass Anorexie um das zweite Lebensjahr herum beginnt. Immer wieder versucht das prä-anorektische Baby erfolglos, ein Bild ihrer selbst zu erschaffen, das sich von dem ihrer Mutter unterscheidet. Jungen verfallen normalerweise nicht der Anorexie, und wenn sie es doch tun, dann deshalb, weil ihre Mütter so sehr verführerisch und kontrollierend sind. In der Kleinkind-Analyse bedeutet Mutter gleich Essen. Deshalb besteht der einzige Weg, eine Erwachsenenidentität zu erlangen, darin, jedwede Nahrungsaufnahme zu verweigern ... (Auf dem Weg zum Selbst)

Feministische Analysen der Anorexie zielen auf die Probleme ab, denen sich Mädchen ausgesetzt sehen, sobald sie die Pubertät erreichen. Maud Ellmann in The Hunger Artists: "Durch den Akt des Essens errichtet das Ich sein eigenes Reich." Nancy Chodorow in Das Erbe der Mütter: "Weil die Mutter-Tochter-Beziehung so flüssig und prä-ödipal bleibt, scheitert die Tochter daran, einen Selbstsinn zu entwickeln, der sich von dem der Mutter unterschiede." Deshalb isst sie nicht mehr. Den polemischsten feministischen Analysen der Anorexie nervosa gilt sie als das letzte Gefecht eines heranwachsenden Mädchens gegen die gesellschaftliche Rolle der Frau und gegen das, was es "bedeutet", eine Frau zu sein. Perverserweise basiert all diese Literatur auf der unerschütterlichen Überzeugung, dass die Formierung einer gender-spezifischen Identität nach wie vor das vornehmlich animierende Ziel des Werdens einer Person ist, wenn es sich bei dieser Person um ein Mädchen handelt.

Susie Orbach glaubt, dass anorektische Mädchen das Leben ihrer Mutter mit Schrecken betrachten. Sie hungern sich lieber zu Tode, um ein weibliches Leben zu vermeiden, ein Leben also, das inhaltsleer und kompromittiert und in seiner Entwicklung gehemmt ist. Orbach schreibt in Hungerstreik: "Anorexie ist eine Ablehnung der weiblichen Rolle, eines Lebens im Dienste an den Bedürfnissen anderer." Mara Selvini Palazzoli, eine der am häufigsten zitierten Spezialistinnen in diesem Bereich, äußert sich eindeutiger: "Die Anorektikerin sehnt sich danach, jene Aspekte des weiblichen Körpers zu reduzieren, die potenzielle Probleme darstellen könnten."

A. H. Crisp äußert sich sogar noch schärfer urteilend: "Die Anorexie ist verknüpft mit einer grundsätzlichen Vermeidung psychosexueller Reife." (Anorexia Nervosa)

Doch tatsächlich sind es Psychotherapeutinnen und gesundende Anorektikerinnen, die sich als Leitwölfinnen hervorgetan haben, was die Konkretisierung des anorektischen Mädchens als alberne solipsistische Hündin angeht: Marlene Boskind-White, Bulimarexia: "Anorektikerinnen liegt unverhältnismäßig daran, anderen und insbesondere Männern zu Gefallen zu sein, ein Verlass auf andere, um ihr Selbstwertgefühl zu validieren. Sie haben ihr Leben darauf verwandt, die feminine Rolle zu verwirklichen." Anorektikerinnen "hungern nach Aufmerksamkeit", sonst nichts (Cherry O'Neill, Starving for Attention), und "als Gruppe sind sie manipulativ und hinterhältig" (Hilde Bruch, The Golden Cage).

Niemand kommt auf den Gedanken, dass der Akt des Essens auch einfach mehr oder weniger nur das sein könnte, was er ist. Bestenfalls wird die Anorektikerin von einem infantilen Kampf um die Trennung von ihrer Mutter blockiert. Schlimmstenfalls weicht sie auf passiv aggressive Weise dem "weiblichen" Zustand und der "weiblichen" Rolle aus. Wie auch immer, all diese Lesarten leugnen die Möglichkeit einer psychischen, intellektuellen Gleichung zwischen dem Essen einer Kultur und der sozialen Ordnung insgesamt. Anorexie ist eine Krankheit, von der Mädchen betroffen sind, und es ist dennoch unmöglich, sich Mädchen vorzustellen, die aus sich heraustreten und durch die Kultur hindurch handeln. All diese Texte basieren auf der Überzeugung, dass ein ausgeglichener, exakt definierter Selbstsinn das einzig angemessene weibliche Ziel ist.

Interessanterweise kommt das Judentum der Konzeption einer unpersönlichen Anorexie am nächsten, und zwar durch den orthodoxen Glauben an das Befolgen der Mitzwa. Essen wird gesegnet, bevor es verzehrt wird. Die Segnung ist eine Affirmation, dass das Essen nur dann gut ist oder sogar heilig, wenn es einen Menschen zu guten Taten antreibt.

"Wie alle Mystiker sagt uns Simone Weil, dass es allein durch die Zerstörung des Ich möglich wird, voll und ganz und deshalb wahrhaftig an die Liebe zu glauben und an die Existenz der Welt außerhalb unserer selbst", schreibt ihr Biograf Richard Rees. "Eine häufige Kritik an Simone Weil in Frankreich ist, dass sie eine Masochistin gewesen sei, die den Schmerz und das Leid als höchste Werte verherrliche. Das ist Unfug."

Solange die Anorexie ausschließlich in Verbindung mit den Gefühlen gelesen wird, die das Subjekt für den eigenen Körper empfindet, lässt sie sich nicht als aktiver, ontologischer Zustand begreifen. Weil es meistens Mädchen sind, die ihr verfallen, ist die Anorexie unauflöslich mit dem Narzissmus verknüpft. Doch Mädchen eignen sich nicht zu guten Monstern. Ihre narzisstische körperliche Krankheit ist so fragil, so unsicher, und es mangelt ihr so sehr an einem Zentrum, dass sich ihr Hungertod einzig und allein als geröcheltes Flehen nach Mitleid und Aufmerksamkeit erkennen lässt. Sieben Jahrzehnte später ist die Anorektikerin kein bisschen glaubwürdiger als Pierre Janets erbärmliche Patientin. Weibliches Handeln ist immer Interpretationssache. Wir sagen nicht, was wir meinen. Es ist unvorstellbar, dass das weibliche Subjekt auch ganz einfach einmal versuchen könnte, aus seinem Körper hinauszutreten, weil nämlich Gender das Einzige ist, was sich an einem weiblichen Leben noch immer nicht reduzieren lässt.

Ihr ganzes Leben lang litt Simone Weil geradezu körperlich an dem Zerfall der Schönheit. "Ohne Gerechtigkeit und ohne die aus ihr entstehende Harmonie des Lebens gibt es keine Schönheit." Weil begriff, dass der Krieg die Sterbeglocke nicht nur der Nazi-Opfer war, sondern auch des gesamten Gewebes des ländlichen Bauernlebens. "Die Kunst hat augenblicklich keine Zukunft", schrieb sie 1943, "weil alle Kunst gemeinschaftlich ist und es kein gemeinschaftliches Leben mehr gibt." Schönheit ist eine ganz bestimmte Eigenschaft der Aufmerksamkeit. Es ist die Harmonie aus dem Zufall und dem Guten. Jean Baudrillards ausdruckslose Zelebration der Kommunikationsekstase um dreißig Jahre vorwegnehmend, schrieb Weil in Schwerkraft und Gnade:

Der Zusammenhang zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten verfällt; der fortwährende Austausch der Zeichen untereinander vervielfältigt sich durch sich selbst und um seiner selbst willen. Und die wachsende Komplikation fordert wiederum Zeichen für Zeichen ... [W]ir haben alle Poesie des Universums verloren. [...] Geld, Mechanisierung, Algebra. Die drei Ungeheuer der gegenwärtigen Zivilisation. Völlige Analogie.

Algebra und Geld sind wesensmäßig nivellierende Faktoren[.]

Die Schönheit mag aus der Landschaft völlig verschwinden, doch in der Kunst wird sie gettoisiert. HaLLO und WILLkommen zu PaciFic Bells automatisierter Hotline. Ist es Zufall, dass die Kritiker unserer Zeit besessen davon sind, die "Schönheit" als den höchsten Wert eines Kunstwerks festzulegen?

Aus meinem LA-Tagebuch -

Los Angeles, irgendwann in den späten Neunzigern -

Je mehr man übers Essen nachdenkt, desto unmöglicher wird es zu essen.

Als ich letzten Sommer bei meiner Freundin Sabina wohnte, verlor ich zehn Kilo und wog weniger als 45 Kilo. Ich stand in ihrer Küche herum, betrachtete tagelang all die Speisen in ihren Küchenschränken. Die Anorexie ist ein gewaltsames Brechen der Begehrenskette. Weißer Reis, brauner Reis, Pfannkuchenmischung. Rote Bohnen und Granola. Will ich irgendetwas davon wirklich? Nein. Wie auch die Kunst lassen sich Sabinas Vorräte auf vielerlei Art und Weise lesen. Das Essen hier ist gesund und wird auf attraktive Weise präsentiert, und dennoch spüre ich, dass es sich aus rein visuellen Gründen hier befindet und nicht deshalb, um konsumiert zu werden. Sechs Wochen lang hungerte ich, ich konnte spüren, wie sich meine Zellen zusammenzogen. Hungern wird zu Panik. Meine größte Hoffnung ist, das perfekte Essen zu finden: ein frisch gepflücktes Blatt von rotem Blattsalat oder in der Saison gewachsenem Kopfsalat, leicht mit hausgemachter Vinaigrette angemacht. Ein einzelnes Krabbenbein, serviert mit geklärter Butter in einem dreckigen Ufercafé neben einer Wohnwagensiedlung in Maryland nahe der Bucht. Tischdecken aus Öltuch, trashige Jukebox, frische Seebriese.

Ist dir schon einmal aufgefallen, dass Essen etwas äußerst Soziales ist? Man muss so oft daran denken, bevor man überhaupt isst. Die Ursprünge des Essens, die Sozialpolitik seiner Produktion. Seine Präsentation. Die Anwesenheit oder Abwesenheit wahren Glücks. Wurden diese Speisen auf ihrer Reise zum Tisch von jemandem bearbeitet, der sie verstand oder sich Mühe gab? Kein einziger dieser Umstände darf auch nur das kleinste bisschen befremden, wenn eine Mahlzeit gut schmecken soll. Essen ist ein Produkt der Kultur, und das Zynische dessen macht mich ganz krank.

Die gesamte Geschichte der Völlerei ist eine Geschichte der Utopie. Gurkenbrote, gebuttert, in Dreiecke geschnitten und die Krusten entfernt. Als ich jung war, erfand mein Vater häufig Märchen, um mir beim Essen zu helfen. Erdbeerkuchen aus Mürbeteig im Juni, die Feuchtigkeit des Frühlings ließ sich auf dem üppigen Laubwerk nieder, Frauen in Blumenkleidern, knackig und nicht zu süß mit frischer Schlagsahne. Zitronenschnitten und mit Honig eingemachte Birnen. Wermut. Die Namen der Farben. Als ich noch in New York City lebte, verließ ich Manhattan einmal sieben Jahre lang nicht. Aufgrund meiner Unterernährung bekam ich leicht blaue Flecken und blieb deshalb zumeist in meiner Wohnung, las Bücher und starrte in den Luftschacht und träumte vom Essen. Am späten Nachmittag spielten Kinder Kickball, die aufgerissenen Hinterhöfe, das duftende Abendessen, das überall in dem Block gekocht wurde. "Es wird spät!" Pökelfleisch und Kohl. Sich an die Kindheit anderer erinnern, nicht die eigene. Essen ist jedoch ein entkörperlichter Signifikant, weshalb fast immer etwas fehlt. Fast immer stimmt etwas an dem Bild nicht. (Wenn ich nicht essen kann, dann deshalb nicht, weil ich mich vollkommen alleine fühle.)

Essen infrage zu stellen bedeutet, alles infrage zu stellen.

Essen infrage zu stellen bedeutet, die Unmöglichkeit eines "Zuhauses" infrage zu stellen.

Weil als die anorektische Philosophin ... Obwohl auch Friedrich Nietzsche an wahnsinnigen Kopfschmerzen litt, wird Die fröhliche Wissenschaft nie als Philosophie der Kopfschmerzen gelesen. Weils Schriften hingegen gelten zumeist als biografische Schlüssel zu ihrem Leben. Aus Kenneth Rexroths Rezension von Weils Notizbüchern aus dem Jahr 1957 für Nation lässt sich nur schwer erschließen, ob er nun das Buch oder Weil selbst rezensiert, oder gar das gesamte Phänomen anorektischer Mädchen. Wie dem auch sei, er mochte sie nicht. Er hält ihr Leben für "ausgemachten Unfug [...], eine kranke Abart gequälter Frivolität". Weil war "beinahe die vollkommen typische, leidenschaftliche, evolutionäre, intellektuelle Frau - eine zerbrechlichere, neurotischere Rosa Luxemburg", die sich "ihre Revolution aus den Eingeweiden gezogen hat". Rexroth findet die Schuld für Weils unheiliges Narrentum dort, wo sie hingehört: bei zwei Männern, den katholischen Theologen Vater Perrin und Gustave Thibon, die sie beide ernst nahmen. Wenn sie doch nur, so malt Rexroth sich aus, "einen einfachen Gemeindepfarrer aufgesucht hätte, der zu ihr gesagt hätte: 'Komm, komm, mein Kind, was du wirklich brauchst, ist eine Taufe, du musst die Zehn Gebote befolgen, [...] die Religion vergessen, ein bisschen Fleisch auf die Knochen kriegen und dir einen Mann besorgen.'"

Du musst mal wieder richtig gut gefickt werden. Das ist, was du brauchst, sagte er zu mir.

In Holy Anorexia will der Forscher Rudolph Bell die Herrlichkeit der mittelalterlichen weiblichen Heiligen zu sich herunterziehen. Er tut dies, indem er sie mit Teenage-Mädchen unserer Zeit gleichsetzt, die er schlicht für erbärmlich und lächerlich hält. St. Katharina, St. Theresia und Hildegard von Bingen sind allesamt im Grund dieselbe Person und solipsistische Gören. Das kollektive transhistorische Sie, die heilige Anorektikerin, "tritt aus seiner verängstigten, verunsicherten übersinnlichen Welt hervor, um zu einer Verfechterin der spirituellen Perfektion zu werden [...]. Es ist ihr Wille, Gottes Willen zu befolgen, und sie behauptet, dass sie allein nur Gottes Willen kenne." Die heilige Anorektikerin ist eine manipulative Hexe; sie "befehligt den Krieg gegen ihren Körper und leidet deshalb enorm unter einer jeden Niederlage, ob es sich dabei nun um etwas zu essen handelt, das sie herunterschlingt, oder um eine verstörende Geißelung durch nackte Teufel und wilde Bestien. Dann beginnt sich die heilige Radikale" - genau wie das neuerdings schlanke Teenagermädchen - "mit unterschiedlichem Erfolg siegreich zu fühlen".

Und genau wie Hexen oder Autorinnen, Denkerinnen, Künstlerinnen, die andere Namen verwenden, wenn sie ihre Erfahrungen aufzeichnen, sind heilige Anorektikerinnen nicht einfach nur Menschen, von denen man sich abgrenzen muss: Sie müssen verachtet werden.

Sollte es nicht möglich sein, den Körper zu verlassen? Ist es bereits falsch, dies überhaupt nur zu versuchen? Hungrig und trotzdem von allem Essen abgestoßen, schreibt Weil: "Es ist der große Schmerz des Menschen, der mit der Kindheit beginnt und bis zum Tode währt, dass Schauen und Essen zwei verschiedene Tätigkeiten sind. Die ewige Seligkeit ist ein Zustand, in dem Schauen Essen ist."

Der Außerirdische befindet sich in meinen Augen. Er flutet meine Augen. Er penetriert mich vollkommen, jedes einzelne bisschen meiner Augen. Er ist in meinen Augen, breitet sich bis in mein Gehirn aus. Oh Gott, er ist in meinem Kopf. Er lässt mich Dinge in meinem Körper fühlen, die ich nicht fühle. Er lässt mich Gefühle fühlen, sexuelle Gefühle. Und er ist dort. Er ist überall. Mein Körper verändert sich. -

David Jacobs, 1988, Interview mit einem von Außerirdischen Entführten

Aus meinem LA-Tagebuch -

Los Angeles, irgendwann in den späten Neunzigern -

Mein Herz und Magen drehen sich um, während ich bei Say Cheese auf dem Hyperion Boulevard in der endlosen Schlange am Stand für Gourmet-Mahlzeiten zum Mitnehmen stehe. Das ist jetzt schon der dritte ganze Tag, an dem ich nichts gegessen habe ... Ich starre durch dicke Glasplatten hindurch auf Terrinen mit Babyerbsen in Mayonnaise. Zehn Dollar pro Viertelpfund, sie sind in Dosen eingemacht. Kleine Stücke ausländischen Käses, ausgestellt wie auch viele traurige andere Sorten auf dem obersten Regal. Englischer Stilton, Camembert. Aus den Körpern eingekerkerter Tiere heraus und in dieses klimatisierte Fach hinein, es ist offenkundig, dass diese Speisen niemals mit Liebe oder Verständnis angefasst wurden. Die pummelige Frau vor mir in der Schlange scheint überzeugt zu sein, dass es sich um gutes Essen handelt. Sie schwelgt in dem Moment, als sie ihre Wahl dem Laden-Mädchen vorträgt, obwohl sich das Mädchen langweilt und eigentlich kaum zuhört. Ich hatte gehofft, mich zum Essen überlisten zu können, indem ich die auserlesendsten Speisen überhaupt bestelle, doch jetzt stößt mich dieser Laden einfach nur ab. Say Cheese, Say Choose. Sie wickelt die Namen von Speisen um ihre Zunge, erfreut über ihre passable Aussprache. Warum hasse ich das alles nur so sehr? Das Essen hier ist so ungemein überteuert, dass es nicht einmal mehr nach Essen riecht, es riecht nach Geldscheinen und Münzen und Plastik.

Mit freundlicher Genehmigung des Verlags Matthes und Seitz