Vorgeblättert

Leseprobe zum Buch von Jung Chang, Jon Halliday: Mao. Teil 3

21.09.2005.
Seite 668 bis 677

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Die Große Säuberung
(1966-1967, 72-73 Jahre)


Ende Mai 1966 richtete Mao eine neue Behörde ein, die so genannte "Kleine Gruppe für die Kulturrevolution im Zentralkomitee", die bei der Säuberung helfen sollte. Madame Mao leitete die Behörde für ihn, zusammen mit Maos ehemaligem Sekretär Chen Bo-da, der nominell der Direktor war, und dem Säuberungsexperten Kang Sheng als "Berater".(1) Das Büro bildete zusammen mit Lin Biao und Chou En-lai Maos neuesten engsten Führungszirkel.
Unter der neuen Kamarilla erreichte der Mao-Kult einen Höhepunkt. Maos Gesicht beherrschte die Titelseite der Volkszeitung , in der auch täglich eine Kolumne mit Zitaten von ihm erschien. Bald schon gab es Mao-Abzeichen, insgesamt wurden davon 4,8 Milliarden hergestellt.(2) Von Maos Ausgewählten Werken - und von Mao-Porträts (1,2 Milliarden) - wurden mehr Exemplare gedruckt, als China Einwohner hatte.(3) Im Sommer 1966 wurde auch das kleine rote Buch mit den Worten des Vorsitzenden Mao Tse-tung verteilt. Jeder Chinese musste es stets bei sich tragen und bei allen öffentlichen Anlässen schwenken, die Zitate darin mussten täglich wiederholt werden.
Im Juni erhöhte Mao den Druck auf die Gesellschaft. Als sein erstes Terrorinstrument wählte er Jugendliche an Schulen und Universitäten aus, dem natürlichen Nährboden für Aktivisten. Die Schüler und Studenten wurden angewiesen, ihre Lehrer und die für ihre Erziehung Verantwortlichen zu attackieren, weil sie ihnen "bürgerliche Ideen" in den Kopf gesetzt hätten - und sie mit Prüfungen gequält hatten, die nun abgeschafft wurden. Die Botschaft wurde in übergroßen Lettern als Schlagzeile der Volkszeitung verkündet, lautstark im Radio deklamiert und von Lautsprechern verbreitet, die an jeder Ecke hingen. Damit entstand eine Atmosphäre, die je nachdem die Menschen aufstachelte oder vor Schreck erstarren ließ. Lehrer und Verwaltungsbeamte aus dem Erziehungswesen wurden als die ersten Opfer auserkoren, weil sie Kultur vermittelten und weil sie direkt vor Ort waren, sodass man sie ganz bequem dem jugendlichen Mob vorwerfen konnte.
Den Jugendlichen wurde gesagt, sie hätten die Aufgabe, Mao zu "beschützen", allerdings informierte man sie nicht, wie ihre Lehrer dem Großen Steuermann schaden konnten oder welche Gefahren ihm drohten. Dennoch reagierten viele begeistert. Politische Beteiligung war unter Mao bislang niemandem erlaubt gewesen, und im Land gab es zahllose frustrierte Aktivisten, denen die in anderen Gesellschaften üblichen Betätigungsmöglichkeiten versagt waren und die nicht einmal dasitzen und diskutieren durften. Nun bot sich auf einmal eine Möglichkeit zur Mitwirkung, und das war für alle, die sich für Politik interessierten, eine ungeheuer aufregende Aussicht. Die jungen Leute begannen mit der Bildung von Gruppen.
Am 2. Juni hängte eine Gruppe Jugendlicher aus einer Mittelschule in Peking ein Plakat auf, das sie mit dem zündenden Namen "Rote Garden" unterzeichneten, um zu demonstrieren, dass sie Mao beschützen wollten. Auf dem Plakat wimmelte es von Parolen wie "Weg mit den blöden 'menschlichen Gefühlen'!" oder "Wir werden brutal sein!", "Wir werden euch {Maos Feinde} zu Boden werfen und auf euch herumtrampeln!".(4) Die Saat der Gewalt, die Mao gesät hatte, war reif für die Ernte. Jetzt konnte er die Gewaltbereitschaft unter den aufgehetzten Jugendlichen ausnutzen, dem formbarsten und brutalsten Element einer Gesellschaft.
Um sicherzustellen, dass die Schüler uneingeschränkt für die Erfüllung seiner Wünsche zur Verfügung standen, ließ Mao am 13. Juni die Schulen schließen.(5) "Jetzt wird der Unterricht eingestellt", sagte er, und die jungen Leute "erhalten Essen. Mit Essen haben sie Energie, und sie wollen Aufruhr. Was sollen sie sonst tun außer Krawall machen?"(6) Innerhalb weniger Tage kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen. Am 18. Juni wurden Lehrer und Parteikader an der Universität Peking reihenweise vor die Menge gezerrt, ihre Gesichter wurden geschwärzt, und man setzte ihnen Eselsmützen auf. Sie mussten sich hinknien, manche wurden verprügelt, die Frauen wurden sexuell belästigt.(7) Ähnliche Vorfälle gab es in ganz China, begleitet von einer Welle von Selbstmorden.

Mao hatte die Hauptstadt Ende November verlassen, sobald er die Säuberung in Gang gesetzt hatte, und dirigierte die Attacken nun aus der Provinz. Peking war nicht mehr sicher: Überall in der Stadt gab es Feinde, die er ausschalten wollte, und außerdem lag Peking unangenehm nahe bei den sowjetischen Truppen an der Grenze zur Mongolischen Volksrepublik. Über acht Monate blieb Mao weit im Süden des Landes und reiste ununterbrochen.
Außerdem ruhte er sich aus und sammelte Kräfte für den kommenden Sturm. Er unternahm Spaziergänge in den nebelverhangenen Bergen am See von Hangzhou und flirtete bei Tanzpartys, die zweimal wöchentlich stattfanden. Im Juni, als sich das Unwetter zusammenbraute, verbrachte er einige Zeit in einem besonders ruhigen Landhaus, das er noch nie besucht hatte, obwohl es bei seinem Heimatdorf Shaoshan lag. Bei seinem letzten Besuch vor sieben Jahren hatte er den Bau des Hauses veranlasst. Damals schwamm er in einem Staubecken und war von der verwunschenen Schönheit der Umgebung so angetan, dass er zu dem Parteichef der Provinz sagte: "Dieser Ort ist herrlich ruhig. Würden Sie mir hier eine Strohhütte für den Ruhestand bauen?" Da der Mann schon bald einer Säuberung zum Opfer fiel, geschah nichts, bis Mao das Thema ein Jahr später mitten in der Hungersnot noch einmal anschnitt. So begann das "Projekt 203", der Bau eines gigantischen Komplexes aus Stahl und Zement, der Tropfsteinhöhle genannt wurde. Der komplette Gebirgszug wurde abgeriegelt, die einheimischen Bauern mussten das Gebiet verlassen. Ein Hubschrauberlandeplatz und eine eigene Bahnlinie wurden geplant, später kam noch ein erdbeben- und atombombensicherer Bunker auf Gummilagern dazu, die wie Stoßdämpfer wirkten. Insgesamt hielt sich Mao dort nur elf Tage im Juni auf, als Peking von gewalttätigen Unruhen erschüttert wurde, und er kehrte nie wieder zurück.
Das monströse graue Gebäude war ein krasser Fremdkörper inmitten der sanften grünen Hügel, auf denen wilde Blumen leuchteten. Die Rückseite grenzte an die Begräbnisstätte von Maos Vorfahren, die Vordertür ging auf einen Gipfel namens Drachenkopf hinaus, was aus geomantischer Sicht sehr günstig war. Das erfreute Mao, der mit seinem Gefolge jovial über die Vorteile des Standortes im Hinblick auf Feng Shui plauderte.
Mao residierte zwar direkt am Rande seines Heimatdorfs, doch hatte er keinerlei Kontakt zu den Dorfbewohnern. Unterwegs hatte ein kleines Mädchen einen Blick auf ihn in seinem Auto erhascht und zu Hause davon erzählt. Sofort kam die Polizei und warnte die Familie: "Ihr habt den Vorsitzenden Mao nicht gesehen! Wagt es nicht noch einmal, das zu sagen!" Versammlungen wurden einberufen, in denen die Dorfbewohner instruiert wurden, sie sollten nicht denken, dass Mao sich hier aufhalte. Mao verbrachte die meiste Zeit mit Lesen und Nachdenken. Er ging nicht einmal schwimmen, obwohl das Staubecken direkt vor seiner Haustür lag.(8)
Ende Juni war er bereit, nach Peking zurückzukehren und den nächsten Schritt der Säuberung einzuleiten. Unterwegs machte er in Wuhan Station und schwamm vor Zehntausenden Zuschauern über eine Stunde lang im Yangtse. Wie sein Schwimmausflug zehn Jahre zuvor war dies eine Botschaft an seine Feinde, dass er im Alter von 72 Jahren immer noch die nötige Gesundheit, Stärke und Entschlossenheit zum Kampf besaß und es mit jedem aufnehmen konnte. Dieses Mal galt die symbolische Geste aber auch der Masse der Bevölkerung, vor allem den Jugendlichen. Die Botschaft ließ sich in einer Parole zusammenfassen: "Folgt dem Vorsitzenden Mao vorwärts durch starke Winde und hohe Wellen!" Immer wieder aus den mittlerweile allgegenwärtigen Lautsprechern vorgetragen, fachte der Slogan die Flammen in vielen hitzigen Köpfen weiter an. Mao wies die Medien an, von seinem Bad im Yangtse soviel Aufhebens wie möglich zu machen (wodurch es sogar im Ausland berühmt wurde), und kehrte am 18. Juli nach Peking zurück. Er wurde sofort aktiv, leitete häufig Sitzungen der Kleinen Gruppe, die für die Säuberung zuständig war,(9) und traf sich jeden Tag mit Chou En-lai, in dessen Händen das Alltagsgeschäft lag.(10)
Mit der Begründung, seit der Umgestaltung gefalle ihm sein altes Haus nicht mehr, suchte Mao nach einem neuen Domizil. Völlig überraschend fiel seine Wahl auf einen anderen Teil von Zhongnanhai: das Umkleidegebäude des Schwimmbads, das er für die kommenden zehn Jahre zu seinem Hauptwohnsitz machte. Er zog dort nicht ein, weil er viel schwimmen wollte, sondern traf Vorkehrungen für den Fall, dass während seiner Abwesenheit Abhöranlagen oder Schlimmeres installiert worden waren.(11)

In diesem unscheinbaren Umkleidegebäude schuf Mao den Terror des "Roten Augusts", der zum Ziel hatte, Angst und Schrecken im gesamten Land zu verbreiten und so ein noch größeres Maß an Konformität zu erzwingen. Am 1. August schrieb er der ersten Gruppe Roter Garden, die sich auf ihren Plakaten verpflichtet hatten, "brutal" zu sein und auf Maos Feinden "herumzutrampeln", und teilte ihnen seine "glühende Unterstützung" mit. Er brachte den Brief zusammen mit den kampflustigen Plakaten der jungen Leute im Zentralkomitee in Umlauf und sagte den Funktionären, sie müssten die Roten Garden fördern. Viele Funktionäre standen eigentlich auf Maos Schwarzer Liste, aber vorerst nutzte er sie für den Terror - dem sie schon bald zum Opfer fielen. Gemäß Maos Anweisungen ermutigten die Funktionäre ihre Kinder, Rote Garden zu bilden, und die Kinder verbreiteten die Botschaft unter ihren Freunden. Binnen kurzem schossen die Roten Garden wie Pilze aus dem Boden, und fast immer waren die Anführer die Kinder von Funktionären.(12)
Kaum hatten die Roten Garden von ihren Vätern und Freunden erfahren, dass Mao zur Gewalt ermunterte, da begannen sie mit dem Terror. Am 5. August kam es in einer Mädchenschule in Peking, die von zahlreichen Funktionärskindern besucht wurde (auch Maos Töchter waren dort zur Schule gegangen) zum ersten dokumentierten Todesfall unter der Folter. Die Rektorin, eine 50-jährige Mutter von vier Kindern, wurde von den Mädchen getreten, sie trampelten auf ihr herum und begossen sie mit kochendem Wasser. Sie musste schwere Ziegelsteine hin und her tragen, und während sie sich vorwärts quälte, wurde sie mit ledernen Armeegürteln mit Messingschnallen und mit Holzstöcken, aus denen Nägel herausragten, geschlagen. Es dauerte nicht lange, da brach sie zusammen und starb. Danach meldeten führende Aktivisten den Vorfall der neuen Behörde. Man befahl ihnen nicht, sofort damit aufzuhören - was bedeutete, dass man sich aufforderte, weiterzumachen.(13)
Bald kam eine deutlichere Ermunterung zur Gewaltanwendung von Mao persönlich. Am 18. August stand er, zum ersten Mal seit 1949 in Uniform, auf dem Tiananmen-Tor und nahm eine Parade von Tausenden Roten Garden ab. Daraufhin berichtete die landesweite Presse von den Roten Garden und machte sie im ganzen Land - und in der Welt - bekannt. Einem Mädchen, das bei den Ausschreitungen in der Schule und am Tod der Rektorin maßgeblich beteiligt war, wurde die Ehre zuteil, Mao eine Armbinde der Roten Garde umzulegen - ein Ereignis mit Signalwirkung. Der sich anschließende Dialog wurde veröffentlicht: "Der Vorsitzende Mao fragte sie: 'Wie heißt du?' Sie antwortete: 'Song Bin-bin.' Der Vorsitzende Mao fragte: 'Ist es das "Bin" wie in "Wohlerzogen und Sanft"?' Sie sagte: 'Ja.' Der Vorsitzende Mao sagte: 'Sei gewalttätig!'"
Song Bin-bin änderte ihren Namen daraufhin in "Sei gewalttätig", und ihre Schule erhielt den Namen "Die Rote gewalttätige Schule". Die Fälle von Ausschreitungen an Schulen und Universitäten stiegen sprunghaft an. Von Peking aus griffen sie auf das ganze Land über, da die Roten Garden in alle Provinzen gesandt wurden. Sie zeigten anderen, wie man Opfer verprügelte und dazu brachte, ihr eigenes Blut vom Boden aufzulecken. Jugendliche aus der Provinz wurden ermuntert, nach Peking zu reisen, und dort erfuhren sie, dass Mao ihnen bei ihrem zerstörerischen Treiben völlig freie Hand ließ. Um den Austausch zu vereinfachen, ordnete Mao an, dass Reisen für die Roten Garden kostenlos war, ebenso Verpflegung und Unterkunft unterwegs. In den folgenden vier Monaten kamen 11 Millionen Jugendliche nach Peking, und Mao trat noch sieben Mal auf dem Platz des Himmlischen Friedens auf, wo sich die jungen Leute hysterisch in einer tobenden, jedoch bestens gedrillten Menge drängten.
Es gab nicht eine Schule in ganz China, in der keine Ausschreitungen vorkamen. Und die Lehrer waren nicht die einzigen Opfer. In einem Brief an die Roten Garden vom 1. August 1966 hob Mao einige militante Teenager lobend hervor, die Schüler nach der Herkunft ihrer Familien unterteilt und diejenigen aus unerwünschten Familien, die sie als "Schwarze" bezeichneten, gequält hatten. Mao teilte ausdrücklich mit, dass diese militanten Jugendlichen seine "glühende Unterstützung" hatten, was bedeutete, dass er ihre Taten explizit billigte. In der Mädchenschule, wo die Rektorin zu Tode gefoltert worden war, hatten die "Schwarzen" Seile um den Hals tragen müssen, waren verprügelt und gezwungen worden zu sagen: "Ich bin der Bastard einer Hure. Ich verdiene den Tod."(14)
Mit diesen Vorgaben von Mao verbreiteten sich derartige Übergriffe an allen Schulen, begleitet von einer "Theorie der Blutlinie", die in einem ebenso lächerlichen wie brutalen Vers zusammengefasst wurde: "Der Sohn eines Helden ist immer ein großer Mann; ein reaktionärer Vater bringt nichts anderes als einen Bastard hervor!" Diesen Vers skandierten viele Kinder aus Funktionärsfamilien, die damals die frühen Roten Garden dominierten, ohne zu wissen, dass ihre "Heldenväter" das eigentliche Ziel von Mao waren. In der Anfangsphase benutzte Mao die Kinder und Jugendlichen einfach als Werkzeuge und setzte sie auf andere Kinder an. Als der Parteichef von Sichuan aus Peking zurückkehrte, sagte er seinem Sohn, der eine Gruppe der Roten Garde organisierte: "Die Kulturrevolution ist die Fortsetzung des Kampfes der Kommunisten gegen die Nationalisten... Jetzt müssen unsere Söhne und Töchter gegen deren {der Nationalisten} Söhne und Töchter kämpfen."(15) Der Mann hätte nicht so einen Befehl erteilen können, wenn er nicht direkt von Mao gekommen wäre.

Nach dem Terror an den Schulen lenkte Mao die Roten Garden gegen die Gesellschaft, wo sie die Hüter der Kultur und die Kultur selbst ins Visier nehmen sollten. Am 18. August stand Mao neben Lin Biao auf dem Tiananmen-Platz, während Lin die Roten Garden im ganzen Land dazu aufforderte, "die alte Kultur... in Stücke zu schlagen". Die Jugendlichen gingen zunächst auf traditionelle Ladenschilder und Straßennamen los, bearbeiteten sie mit dem Hammer und brachten neue Namen an. Wie in vielen Revolutionen wandten sich die Puritaner gegen die Gemäßigteren und die Auffälligeren. Wer lange Haare, Röcke oder Schuhe trug, die auch nur im Entferntesten einen hohen Absatz andeuteten, wurde auf der Straße angegriffen und von Scheren schwingenden Teenagern geschoren. Von da an gab es nur noch flache Schuhe und uniformähnliche, schlecht sitzende Jacken und Hosen in unauffälligen Farben.
Aber Mao wollte etwas viel Bösartigeres. Am 23. August teilte er den neuen Behörden mit: "Peking ist nicht chaotisch genug... Peking ist zu zivilisiert."(16) Da Peking der Vorreiter war und alle Provinzen der Hauptstadt nacheiferten, wurde so der Terror im ganzen Land verstärkt. An jenem Nachmittag fielen Gruppen von jugendlichen Roten Garden, darunter viele Mädchen, in den Hof des Schriftstellerverbandes von Peking ein. Inzwischen hatte sich eine Art Uniform für die Roten Garden durchgesetzt: olivgrüne Kleidung im Militärstil, oft normale Hosen und Jacken, die armeegrün eingefärbt waren, manchmal auch echte Militäruniformen von den Eltern, eine rote Armbinde am linken Arm, das kleine rote Buch mit Mao-Zitaten in der Hand - und ein Ledergürtel mit Messingschnalle. So ausgerüstet, griffen die Roten Garden mit ihren schweren Gürteln auf etwa zwei Dutzend der bekanntesten Schriftsteller des Landes an, hängten ihnen an dünnem Drähten schwere Holztafeln mit Beleidigungen um den Hals und prügelten in der brennenden Sonne auf sie ein.
Dann wurden die Opfer zu einem alten konfuzianischen Tempel gebracht, in dem die wichtigste Bibliothek Pekings untergebracht war. Dort war aus Opernkostümen und Requisiten ein großes Feuer entfacht worden. Etwa 30 führende Schriftsteller, Opernsänger und andere Künstler des Landes mussten vor dem Feuer knien und wurden mit Tritten und Schlägen, Stöcken und den Gürteln mit den Messingschnallen traktiert. Eines der Opfer war der 69-jährige Schriftsteller Lao She, der vom Regime einst als "Künstler des Volkes" gerühmt worden war. Am nächsten Tag ertränkte er sich in einem See.
Der Ort, die Requisiten und die Opfer waren ausgewählt worden, weil sie die "alte Kultur" symbolisierten. Die Auswahl der Opfer, die fast jeder kannte, war zweifellos an allerhöchster Stelle getroffen worden, denn sie waren bis dahin offizielle Stars gewesen. Es kann keinen Zweifel daran geben, dass der Überfall von den Behörden inszeniert wurde; die lose organisierten jugendlichen Roten Garden hätten ihn unmöglich allein durchgeführt.
Mao hatte den Weg für die Eskalation der Gewalt mit ausdrücklichen Anweisungen an Polizei und Militär am 21. und 22. August frei gemacht. Darin hieß es, dass sie bei den Ausschreitungen der Jugendlichen "absolut nicht eingreifen" sollten. Die Anweisungen waren ungewöhnlich klar, etwa die folgende: "Selbst das Abfeuern von Platzpatronen... ist absolut verboten".(17)
Damit sich der Terror weiter verbreitete und die Opfer auch in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher waren, brachte Mao die jungen Schlägerbanden dazu, gewaltsame Überfälle auf ausgewählte Personen zu verüben; dazu leitete er Namen und Adressen an die Roten Garden weiter. Der Parteichef von Sichuan zum Beispiel befahl der Behörde in seiner Provinz, die für prominente Kulturschaffende zuständig war, eine Liste an die Rote-Garde-Organisation seines Sohnes weiterzureichen - was er ohne Maos Anweisung nicht hätte tun können.(18)
Am 24. August wies der nationale Polizeichef Xie Fu-zhi seine Untergebenen an, die Roten Garden mit derartigen Informationen zu versorgen. Auf Fragen wie: "Was ist, wenn die Roten Garden diese Menschen töten?", antwortete Xie: "Wenn die Leute zu Tode geprügelt werden... geht uns das nichts an." Und weiter: "Lasst euch nicht von Regeln binden, die in der Vergangenheit festgelegt wurden... Wenn ihr diejenigen einsperrt, die Leute zu Tode prügeln... macht ihr einen großen Fehler". Seinen immer noch zögernden Untergebenen versicherte Xie: "Ministerpräsident Chou unterstützt das."(19)
Mit dem Segen der Behörden brachen die Roten Garden in Häuser ein, verbrannten Bücher, zerschnitten Gemälde, zertrampelten Grammophonplatten und Musikinstrumente und zerstörten ganz allgemein alles, was mit "Kultur" zu tun hatte. Sie "konfiszierten" Wertsachen und verprügelten die Besitzer. Eine Welle blutiger Hausdurchsuchungen schwappte über das ganze Land, was die Volkszeitung "einfach großartig" fand. Viele von den Überfallenen wurden in ihren eigenen Häusern zu Tode gefoltert, einige karrte man zu improvisierten Folterkammern in ehemaligen Kinos, Theatern und Sportstadien. Rotgardisten, die durch die Straßen marschierten, die Scheiterhaufen der Zerstörung und die Schreie der Opfer - dieser Anblick und diese Geräuschkulisse gehörten zu den Sommerabenden des Jahres 1966.
Auf einer kurzen Liste standen einige bedeutende Persönlichkeiten, die verschont werden sollten; Chou En-lai hatte sie aufgesetzt. Später wurde Chou völlig unverdient dafür gelobt, dass er Menschen "gerettet" habe. Tatsächlich befahl Mao am 30. August Chou die Erstellung dieser Liste, und zwar aus rein praktischen Überlegungen.(20) Chou war nur deswegen für die Liste verantwortlich, weil er die Verfolgungen insgesamt leitete, er schritt keineswegs ein und rettete Menschen. Nach späteren offiziellen Statistiken wurden im August und September allein in Peking 33695 Häuser überfallen (was unweigerlich mit Gewalt gegen die Bewohner verbunden war), und 1772 Personen wurden zu Tode geprügelt oder gefoltert.(21)
Zu seiner eigenen Absicherung ließ Mao Chou En-lai bei einer Versammlung Roter Garden auf dem Tiananmen-Platz am 31. August verkünden: "Denunziert mit Worten, nicht mit Gewalt." Diese Ankündigung erlaubte es den meisten Roten Garden, sich unter Berufung auf Mao von der Gewalt abzuwenden, und auch einige Opfer konnten sich dadurch schützen, dass sie ihren Peinigern diese Aufforderung entgegenhielten. Aber da die Gewalttäter nicht bestraft wurden, tobte der Terror weiter.
Mao nutzte die Roten Garden bei den Hausdurchsuchungen als Räuber in Staatsdiensten. Sie nahmen tonnenweise Gold, Silber, Platin, Schmuck und Millionen Dollar in harter Währung mit, die genauso in die Staatskasse wanderten wie unschätzbar wertvolle Antiquitäten, Gemälde und alte Bücher. Durch die Plünderungen und die gedankenlose Zerstörung verloren die Privathaushalte praktisch allen wertvollen Besitz. Einen Teil der Beute exportierte das Regime gegen Devisen ins Ausland.
Die wenigen verbliebenen Funktionäre an der Spitze durften sich bei der Beute bedienen. Madame Mao wählte eine 18-karätige goldene französische Uhr zum Umhängen, die mit Perlen und Diamanten besetzt war und für die sie den fürstlichen Preis von 7 Yuan bezahlte. Das entsprach ganz der "unkorrupten" Praxis der maoistischen Führung: Man bestand darauf, dass für Dinge von geringem Wert wie etwa Teeblätter bei Sitzungen bezahlt wurde, während die Elite Landhäuser und Bedienstete umsonst bekam und auch Flugzeuge und Züge und andere teure Vergünstigungen quasi kostenlos nutzen konnte. Kang Sheng liebte Antiquitäten und schickte persönliche Mitarbeiter als Rotgardisten getarnt auf private Beutezüge. Mao selbst stahl Tausende alte Bücher.(22) Mit ultravioletten Strahlen desinfiziert, schmückten sie die Regale in seinem riesigen Wohnzimmer und bildeten den Hintergrund für Fotografien, wenn er Staatsoberhäupter aus aller Welt empfing und Besucher aus dem Ausland beeindrucken wollte. Das Zimmer, überlegte Kissinger, sah wie "die Klause eines alten Gelehrten" aus.(23) Der amerikanische Besucher wusste nicht, dass es mit all dem Beutegut mehr mit einem Haus von Hermann Göring gemein hatte, das mit Kunstwerken aus dem Besitz der Opfern des Nationalsozialismus geschmückt war.
Das Regime profitierte noch auf andere Weise von den Überfällen: Dadurch entstand Wohnraum. Der Wohnungsmangel war enorm, weil unter den Kommunisten praktisch keine neuen Wohnhäuser für gewöhnliche Stadtbewohner gebaut worden waren. Nun wurden die bei den Plünderungen misshandelten Familien in ein oder zwei Zimmer gepfercht, und die Nachbarn wurden im übrigen Haus einquartiert, was oft und wenig überraschend zu einem sehr verbitterten Verhältnis führte.(24)
Manche ausgeplünderte Familien wurden in Dörfer verbannt. Dies diente dem Zweck, den Mao bereits initiiert hatte, die Städte in "reine" industrielle Zentren umzuwandeln. Aus Peking wurden ab Ende August in weniger als einem Monat fast 100 000 Personen ausgewiesen. Ein Augenzeuge sah, wie der riesige Wartesaal eines Pekinger Bahnhofs voller Kinder war, die darauf warteten, zusammen mit ihren Eltern in die Verbannung zu fahren. Rote Garden befahlen den Kindern hinzuknien, gingen dann umher und schlugen sie mit ihren Gürteln, wobei sie mit den Messingschnallen auf die Köpfe zielten. Manche gossen sogar kochend heißes Wasser über sie als "Andenken", während andere Passagiere sich verzweifelt zu verstecken suchten.(25)

Teil 4