Vorgeblättert

Leseprobe zu Pete Dexter: Paperboy. Teil 3

16.01.2013.
NACH GENAUER ZÄHLUNG stellte sich heraus, dass Charlotte Bless in mehr als vier Jahren einundvierzig Kartons mit "Beweismaterial" gesammelt hatte: Zeitungsausschnitte, Briefe an und von Hillary Van Wetter sowie den Briefverkehr mit einem halben Dutzend weiterer Mörder, Prozessmitschriften, Mitschriften der beiden anschließenden Berufungsverfahren und eine Kurzbiografie aller elf Richter, die bislang mit dem Fall zu tun gehabt hatten.
     Es gab mehrere Zeitungsberichte berühmter Mordfälle, in denen dieselben Richter zuvor Recht gesprochen hatten, nebst einer Liste aller Rechtsbeugungen, die in den letzten fünfzehn Jahren seiner Amtstätigkeit durch Sheriff Thurmond Call verübt worden waren.
     Und sämtliche Kartons enthielten eine Art fortlaufendes Tagebuch, vermengt mit den übrigen "Beweisstücken", das nicht nur die Rechtsprechung kritisierte und alternative Theorien über die Mordfälle aufstellte, sondern auch Charlotte Bless' intimste Gedanken seit Beginn des Falls vermerkte.
     In einem Abschnitt analysierte sie Richter Waylan Lords Umgang mit der Todesstrafe, und im nächsten hielt sie fest, dass, Hillary Van Wetter ausgenommen, alle Mörder, die ihr geschrieben hatten, den Mund an ihre Vagina und ihre Poritze pressen wollten. Hillary hatte kein derartiges Verlangen, was für sie ein "psychologischer Beweis" seiner Unschuld war.
     Er wünschte sich, dass sie ihm einen blies, genau wie manch ein Richter.

YARDLEY ACHEMAN und mein Bruder hockten eine Woche lang jeden Tag in ihrem Büro und lasen alles, was die Beweissammlung enthielt. Ward öffnete einen Karton, nummerierte ihn, untersuchte den Inhalt und machte sich dabei Notizen. War er mit einem Karton fertig, gab er ihn an Yardley Acheman weiter, der ihn weit schneller durcharbeitete und sich keine Notizen machte, aber manchmal innehielt und eine Stelle laut vorlas.
     "Hört euch das an", sagte er. "Sie schreibt, wie sie ihm vor den Augen aller Gefängnisinsassen durch das Zellengitter einen bläst, und dann, wartet …" Er schwieg einen Moment, suchte die entsprechende Stelle. "Ja, hier ist es … Falls es dazu kommt, würde ich auch seinen Schwanz lutschen, wenn man die Elektroden an seinen Körper anschließt, würde ihn in meinem Mund halten, wenn er kommt und wenn er geht …"
     Er sah zu meinem Bruder hinüber, lächelte, und als der nicht reagierte, schaute er mich an. "Ich glaube kaum, dass sie diese Idee bis zu Ende durchdacht hat", sagte er.
     Ward war bereits wieder in die Papiere vertieft, die er auf seinem Tisch ausgebreitet hatte.
     "Falls nichts dabei rauskommt", sagte Yardley, "haben wir immerhin die seltsame Geschichte einer Frau, die sich in Mörder verliebt …"
     Mein Bruder sah wieder auf, um einen weiteren Karton zu öffnen, der wie alle anderen Kartons die geheimen Gedanken enthielt, die Charlotte Bless seit 1965 in den Sinn gekommen waren und die sie ihm und Yardley Acheman in blindem Vertrauen und aus Liebe zu einem Verlobten überantwortet hatte, dem sie noch nie begegnet war.
     "Wir haben ihr nichts versprochen", sagte Yardley.
     Ward kämpfte einen Augenblick mit sich, dann machte er sich wieder wortlos über seinen Karton her. Der Verrat lag in der Sache selbst. Er hatte bereits in den Kartons gesteckt, als sie ihnen überreicht wurden, und steckte im Kern der Geschichte ebenso wie im Wesen ihres Berufs.

"SIE SIND NICHT DUMM!" rief sie. "Warum gehen Sie nicht aufs College?" Das Fenster war offen, der Wind riss ihr Haar von der Rückenlehne und blies es ihr in die Mundwinkel.
     "Wir könnten die Klimaanlage anmachen", sagte ich, aber wahrscheinlich nicht laut genug, um bei dem ganzen Wind gehört werden zu können. Ich griff nach dem Armaturenbrett und versuchte, mich an den richtigen Knopf zu erinnern.
     Sie hielt mich zurück, berührte meinen Arm und schüttelte den Kopf. Ihr Haar flatterte im Wind und schimmerte rot in der Sonne, die dicht über dem Horizont hing.
     "Ich mag frische Luft", sagte sie, und ich nickte. Einen Augenblick später peitschten mir die eigenen Haare ins Gesicht, sodass mir Tränen in die Augen stiegen. "Also, warum sind Sie nicht auf dem College?" fragte sie noch einmal.
     Ich kurbelte mein Fenster etwas höher, und die Haare flatterten nur noch halb so schlimm. "War ich ja", sagte ich.
     Sie schaute mich erwartungsvoll an. Als würden Fremde ihr von sich erzählen, weil sie Fremden aus ihrem eigenen Leben erzählte.
     "Kam was dazwischen", sagte ich.
     "Was denn?" Sie ließ das Gesagte gar nicht zu sich durchdringen, aber wenigstens schaute sie jetzt auf die Straße. Ich weiß nicht warum, aber sie hatte darauf bestanden, selbst zu fahren.
     "Ich vergaß, wo ich war", sagte ich. Und als ich meine Worte hörte, kam es mir wie die Wahrheit vor. Charlotte Bless beugte sich zu mir herüber, um mich besser verstehen zu können, und der Wind drückte ihr die Bluse an die Brust. Als ich sie ansah und davon sprach, dass ich vergessen hatte, wo ich war, sah ich den rosafarbenen Hof ihrer Brustwarze.
     "Haben Sie sich verirrt?" fragte sie.
     "Nicht verirrt", sagte ich. "Ich wusste, dass ich mich an einem vertrauten Ort befand. Ich hatte nur vergessen, wo dieser Ort war."
     "Das kommt auf dasselbe raus", sagte sie.
     "Nein", sagte ich, "tut es nicht."
     Sie blieb einen Augenblick stumm und dachte darüber nach. Wir fuhren nach Starke. Sie hatte gesagt, sie wolle sich eine Zeit lang beim Gefängnis aufhalten, auf dem Parkplatz sitzen und sehen, wie es sich anfühlte, in seiner Nähe zu sein.
     Sie wäre gern mit Yardley gefahren, aber der tauchte spät am Nachmittag im Büro auf und sagte, er könne nicht mitkommen. "Sie werden mit Jack vorliebnehmen müssen", hatte er gesagt, weil er am Nachmittag im Waschsalon eine Frau kennengelernt hatte und nun die örtlichen Verhältnisse mit ihr erkunden musste. Er sagte, in Sachen Ortsverhältnisse habe er einiges aufzuholen.
     "Wie kann man am College vergessen, wo man ist?" fragte Charlotte.
     Ich dachte darüber nach und versuchte, mich zu erinnern, wie es passiert war. "Ich bin Sportler, Schwimmer", sagte ich langsam.
     "Sie können schwimmen?"
     "Wir sind in Florida, hier können alle schwimmen."
     Wieder schwiegen wir, und sie drückte den Zigarettenanzünder ins Armaturenbrett, wartete, bis er glühte, steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, ließ das Steuer los und schützte mit einer Hand die Zigarette gegen den Wind, als sie sie anzündete.
     "Wo sind Sie geschwommen?" fragte sie, während niemand das Lenkrad hielt.
     "An der University of Florida. Ich war in der Unimannschaft."
     "In einem Becken?"
     Sie sog an der Zigarette, und der Wind fuhr in die Glut und blies Funken in ihr Haar. "Doch nicht etwa im Ozean, oder?"
     "Nicht mit der Universität", sagte ich.
     "Gut."
     Und wieder schwiegen wir. Einige Minuten später fuhren wir durch Starke und bogen nach Norden auf den Highway 16. Sie sah ein Schild, das die Entfernung zum Staatsgefängnis angab, und wurde langsamer, ehe sie vorbeifuhr, schaute es an, bis es hinter uns verschwand, als wäre es etwas, an das sie sich erinnern wollte. Dann schien sie für eine Weile in den Anblick der Landschaft versunken zu sein. Sie betrachtete die flache, leblose Gegend, als hätte - wie auf einem Schlachtfeld aus Zeiten des Bürgerkriegs - jedes Detail eine besondere Bedeutung.
     Ich dachte immer noch an Gainesville und an das, was dort geschehen war. Daran, wie ich vergessen hatte, wo ich war. Ich wollte ihr davon erzählen, weil ich glaubte, dass es mich interessanter machte.
     "Es war ein Hallenbad", sagte ich und wusste nun wieder, wie es sich angefühlt hatte, "Geräusche hallten von der Decke aufs Wasser und gegen die Wände. Ich hätte unmöglich sagen können, wo sie herkamen."
     Sie wandte sich vom Fenster ab. Der Wind hatte ihre Zigarette ausgeblasen. "Was für Geräusche?" fragte sie.
     "Geschrei", sagte ich, "viel Geschrei. Pfiffe. Der Trainer kam aus Ungarn, da pfeifen sie gern. Wir waren täglich vier Stunden im Wasser, manchmal länger, jeden Tag, außer sonntags, sechs Monate im Jahr."
     "Wir?"
     "Die Schwimmer. Ich war in einer Mannschaft."
     "Und Sie haben vergessen, wo Sie waren."
     Ich nickte. Genau das war passiert. Wir hatten am Tag zweimal Training, früh und spät. Ich war die ganze Zeit im Wasser, und nachts, in meinen Träumen, war ich wieder drin.
     Um halb sechs wachte ich auf, damit ich um sechs im Becken sein konnte, und der fehlende Schlaf und die Erschöpfung sorgten irgendwann dafür, dass die Träume in den Tag drangen, so wie die Tage in die Träume gedrungen waren, und so schwamm ich morgens meine Bahnen und wusste plötzlich nicht mehr, wo ich gerade war.
     Wenn das geschah, hörte ich entsetzt auf, drehte mich auf den Rücken, ließ mich treiben und achtete nicht auf das Geschrei und die Pfiffe. Ich schaute an die Decke und auf die Wände, auf meine Beine, Arme und Brust, um sie zu sehen und mich zu vergewissern, wo sie waren.
     Drei Mal hatte ich mich im letzten Semester aus dem Bett gedreht. Und dann verlor ich das Stipendium und wurde exmatrikuliert, kehrte zurück nach Moat County in mein eigenes Zimmer, in mein eigenes Bett und merkte, dass mir die Krankheit nach Hause gefolgt war.
     Charlotte Bless hörte nicht mehr zu, also blickte ich nach draußen und sah es vor uns liegen, das Gefängnis.

SIE BOG IN EINE KIESBESTREUTE AUFFAHRT, die zum Tor mit der Aufschrift "Besucher" führte. Das Gefängnis lag ungefähr zweihundert Meter dahinter, umgeben von einem mit Stacheldrahtrollen bewehrten Gitterzaun. Darauf folgte ein zweiter, kleinerer, aber ebenfalls mit Stacheldraht verstärkter Zaun, und in der Dämmerung des späten Nachmittags lagen zwischen den beiden Zäunen etwa zwei Dutzend großer Hunde, selbst potenzielle Killer, die brutalsten Exemplare, die man aus ebendiesem Grund vor der Gaskammer im Tierkontrollzentrum des Landes bewahrt hatte.
     "Wir würden gern auf dem Parkplatz bleiben", sagte sie zum Wachposten.
     Er schaute in den Wagen, musterte ihn von vorn bis hinten und schüttelte dann den Kopf. "Dazu brauchen Sie eine Genehmigung, Miss", sagte er, "aber dafür ist es jetzt zu spät. Geschäftszeit ist von neun bis halb fünf. Besuchszeiten auf Anfrage." Dann starrte er mich an, ich wusste nicht, warum.
     "Ist schon in Ordnung", sagte sie.
     "Er ist von der Presse."

WIR FUHREN RÜCKWÄRTS aus der Auffahrt und blieben eine Weile auf der Straße stehen. Charlotte Bless besah sich das Gefängnis vom einen bis zum anderen Ende, seufzte dann und ließ sich wieder in den Sitz sinken. Sie schloss die Augen.
     "Wissen Sie, wo sie sitzen?" fragte sie.
     "Wer?"
     "Die Insassen der Todeszellen. Wissen Sie, wo die sind?"
     Ich sagte: "Hier sieht alles nach Todeszelle aus."
     "Drüben, ganz rechts", sagte sie, und ich blickte in die entsprechende Richtung, aber für mich unterschied sich die angegebene Stelle durch nichts vom übrigen Gebäude. "Sie lassen Tag und Nacht das Licht brennen."
     Sie steckte sich noch eine Zigarette an. "Deren Problem ist das glatte Gegenteil von Ihrem Problem", sagte sie. "Da drinnen können sie nicht vergessen, wo sie sind."
     Eine Weile herrschte Stille, und sie wandte sich von mir ab, um das Gefängnis anzustarren. "Hillary weiß bestimmt, dass ich hier bin", sagte sie.
     Ich glaubte nicht, dass sie recht hatte, aber für Unbeteiligte lässt sich nur schwer beurteilen, was zwischen einem Mann und einer Frau vorgeht, die heiraten wollen, ohne sich jemals gesehen zu haben.
     Sie saß da mit gespreizten Beinen und rauchte, während es am Himmel dunkel wurde. Nachtinsekten flogen in den Wagen hinein, und ich schlug sie mir von den Armen und vom Hals. Im Gefängnishof gab es Leuchtkäfer. Charlotte Bless saß still, immun gegen Insekten, ihr Gesicht glühte auf, wenn sie hin und wieder an der Zigarette zog, dann verschwand es wieder im Dunkeln. Vielleicht mochten die Mücken keinen Rauch.
     Ich stellte mir vor, wie es wäre, sie auszuziehen, gleich hier im Wagen, während keine Viertelmeile entfernt Hillary Van Wetter in seiner Zelle lag und eine plötzliche Ahnung ihn in seinem Bett auffahren ließ. Aber es war nur ein Gedanke; er glühte auf und verblasste wieder wie ihr Gesicht, wenn sie an der Zigarette zog. Mir schien, selbst Hillary Van Wetter hätte mir diesen Gedanken verziehen.

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Mit freundlicher Genehmigung der Verlagsbuchhandlung Liebeskind.