Vorgeblättert

Leseprobe Marion Messina: Fehlstart - Teil 2

16.01.2020.
Kapitel 10

Vor dem Wecker aufstehen, aus Abscheu gegen den Klingelton; pelziges Gefühl im Mund, Halsschmerzen, leichte Migräne wegen des Schlafmangels, verquollene und brennende Augen, sich im Licht des Smartphones anziehen, das Schnarchen der Touristen und das Knistern der Neonröhren im Flur hören; sich oberflächlich schminken, die mit der Hand gewaschene, noch nicht ganz trockene Unterwäsche und die Turnschuhe zum Hosenanzug anziehen, die Kunstlederpumps in den Rucksack stecken. Beim Einschlafen frieren, sich zitternd ausziehen, sich mit einer Discount-Eleganz kleiden, die nicht vor der Kälte schützt.
     Leise verschwinden, schnell durch die Nacht laufen, zur Metrostation kommen, mit der Monatskarte und den Fingerspitzen die klebrige Schranke öffnen, an gekachelten Wänden, auf denen Wasser aus undichten Rohren braune Spuren hinterlässt, die Reklametafeln anstarren, eine Reise für nur 39,99 Euro zuzügl. Steuern, Bikinioberteil H & M an einer dünnen blonden Frau, Palmen, Strand, All-inclusive-Urlaub auf Kreta; Slalom zwischen den Verkäufern von Obst, raubkopierten DVD s oder plastikbeschichteten Postern, Atem anhalten, unerträglicher Gestank, blendendes Licht in den Waggons; rennen, bloß nicht den Anschlusszug verpassen, die Netzanzeige auf dem Telefon im Auge behalten, per SMS die Bestätigung des Arbeitsortes erhalten, die Verantwortliche macht Rechtschreibfehler.      Die Werbung empfiehlt Lagerflächen zur Miete am Stadtrand, von der Steuer absetzbaren Nachhilfeunterricht, strahlende Dienstmädchen für Privatpersonen, Intensivkurse für Englisch: Zwei Männer in Schlips und Kragen schütteln sich die Hand.

Aurélie war seit gut zwei Monaten in Paris, sie hatte ihre Probezeit überstanden und konnte sich auf die schwierige Suche nach einer Wohnung machen. Sie war Empfangsdame in einer angesehenen Anwaltskanzlei im 8. Arrondissement, im Callcenter einer Großhandelskette in Rungis, in einem sehr berühmten Museum, in verschiedenen Firmenzentralen und bei einem Unternehmen für audiovisuelle Produktion gewesen. Sie hatte die ganze Peripherie mit Bus, RER und Metro durchquert. Manche Fahrten dauerten hin und zurück vier Stunden, die Fahrzeit wurde nie bezahlt. Sie hatte abgenommen und schon zweimal den Hosenanzug wechseln müssen.
     Sie ernährte sich schlecht und unregelmäßig, geriebene Möhren in Plastikdosen und Sandwichs mit Hähnchenfleischbrei oder Surimi. Sie hatte ihrer Mutter versprochen, sich Blut abnehmen zu lassen, um eine mögliche Anämie zu klären. Das Labor war nur während der Arbeitszeit geöffnet, die Sekretärin hätte eine Überweisung verlangt. Sie hatte keinen Hausarzt in Paris, hatte sich nicht bei der Krankenversicherung angemeldet. Dazu hätte sie in ein Cybercafé gehen müssen, um die Mail mit dem Formular auszudrucken, und das hätte sie
einen ganzen Tag gekostet.

Sie fühlte sich mit allen Straßenkehrern, Schweißern, Gebäudereinigern, Toilettenfrauen, Busfahrern und Verteilern von Gratiszeitungen verbunden, die schon arbeiteten, wenn sie aufstand. Ihr Hosenanzug schuf eine Distanz, sie hätte ihnen nur schwerlich erklären können, dass viele, die so herausgeputzt waren, auch nur Mindestlohn bekamen; die Arbeiter und ihresgleichen begriffen das nicht, aber die Betroffenen sahen den Unterschied in der Qualität der Kleidung sehr deutlich. Sie hatte sich die perfekte Telefonstimme angewöhnt, hatte das Lächeln in der Stimme, das ihre Auftraggeber von ihr verlangten, und für die vornehmsten Empfangshallen ein paar Worte Russisch und Mandarin gelernt.
     Sie hatte in ihrer absurden Arbeit eine gewisse Perfektion erlangt. Sie war pünktlich, lächelte und füllte das Anrufblatt korrekt aus, wenn sie in einer Zentrale arbeitete. Wie ihr Vater in der Fabrik war sie eine gute Angestellte, diskret und immer verfügbar. Sie war gut erzogen. Sie hatte die absurden Codes ihrer Arbeitsstelle verinnerlicht: NR für eingehender Anruf, MP für weitergeleiteter Anruf, JM für unbeantworteter Anruf. Sie machten die eintönige und nicht gerade herausfordernde Arbeit etwas komplexer. Manche Hostessen nahmen ihre Arbeit sehr ernst und taten so, als würden sie unter der Verantwortung zusammenbrechen. Ihr war schon aufgefallen, dass Menschen, die länger eine subalterne, wenig angesehene Arbeit machten, ihre Rolle gern überbewerteten, sich unentbehrlich fühlen wollten und die Neuen maßregelten, damit sie den Schwindel, auf den sie sich eingelassen hatten, nicht allzu schnell durchschauten.

Am Wochenende schlief sie bis zwölf und unternahm ein paar kleine Ausflüge in die nahen Vororte, um die großen Boulevards zu meiden. Sie besichtigte Fontainebleau und Versailles; das Kulturerbe war schön, es erinnerte an ein majestätisches und mächtiges Frankreich, das sie nie kennengelernt hatte. Frankreich unter einer Glasglocke, sein Wein und sein Käse, seine Küsten und sein Meer, seine Mode, seine Raffinesse entzückten kulturbegeisterte Amerikaner und Chinesen. Die Franzosen aßen inzwischen andalusische Tomaten und Discount-Käse; das Land, in dem sie lebten, war das beliebteste Reiseziel der Welt, und sie waren ungewollt zu Museumswärtern geworden.

Sie lief gern durch den Bois de Vincennes, die kleine Insel urbanisierter Natur gab ihr das Gefühl, im Grünen zu sein. Manchmal ging sie mit Kolleginnen, die ihre Starbucks-Getränke fotografierten und in den sozialen Netzen posteten, einen Kaffee trinken und redete über Belanglosigkeiten. Abends sparte sie die Übernachtung, indem sie die ganze Nacht im Furieux, einer Rock-Bar nahe Bastille, blieb. Sie setzte sich gern mit einem Buch in die Ecke auf ein altes rotes Sofa.
     Leute sprachen sie an, die Kontaktaufnahme war verblüffendeinfach. Sie ließ sich zum Bier einladen, um sich zu unterhalten. Im Gegensatz zu Grenoble, wo jedes Gespräch sehr schnell zu schlüpfrigen Bemerkungen, gierigen Blicken und Geraune führte, hatten die Pariser ein neurotisches Verlangen zu reden. Oft stand die Arbeit im Mittelpunkt. Sie wurden sich sehr schnell einig, dass sie ein absurdes Leben führten, aber niemand dachte daran, die Stadt zu verlassen. Sie fürchteten die Langeweile der Provinz und den verlangsamten Lebensrhythmus dort, obwohl sie in Paris nur sehr selten Gelegenheit hatten, besondere Ausstellungen oder Kulturereignisse zu erleben. Manchmal blieben die Gespräche sehr oberflächlich, vor allem mit Studenten auf der Durchreise mit Wanderrucksack, Stadt-Turnschuhen und einem gepflegten Dreitagebart.
     Ihre Väter waren Ingenieur, Arzt oder Berufsoffizier, sie kamen aus Yvelines oder den Regionen der Provinz, die ein Pariser gerade noch akzeptierte: Haute-Savoie, Atlantikküste, Hinterland der Provence, bretonische Küste oder der Teil der Normandie, von dem man in einer Stunde in der Hauptstadt war. Sie fanden Paris altmodisch, langweiliger als London und zu teuer, aber es war die einzige Stadt in Frankreich, die vor ihren Augen Gnade fand. Sie waren nicht unnett, aber Aurélie konnte kaum glauben, dass sie im selben Land aufgewachsen war wie diese Leute. Sie mussten nicht nach der Vorlesung arbeiten und fanden mit unverschämter Leichtigkeit einen Praktikumsplatz.
     Sie studierten bis fünfundzwanzig und waren schon in einem Dutzend Länder gewesen. Sie verachteten die Gewerkschafter und träumten vom globalisierten Kosmopolitismus, aber beim Wort »Araber« dachten sie ebenso an »Gesindel« wie an »Diebe«, wenn von Roma die Rede war. Sie behaupteten, gegen die Diskriminierung von LGBT zu kämpfen und rühmten die Vorzüge des Freihandels, erklärten Frankreich zu einem dahinsiechenden postsowjetischen Land und wählten die Sozialisten.

Ihre Freunde für einen Abend sprachen mehr als sie, ohne sich im Geringsten daran zu stören. Meistens verabschiedeten sie sich, ohne sie nach ihrem Namen gefragt zu haben, dankbar und erleichtert wie nach einem sublimierten Koitus, für den sie bezahlt hätten. Es gefiel ihr, ihnen zuzuhören und diesen Moment der völligen Offenheit zu erleben. Sie mochte es, ihren Blick zu erhaschen, an den Punkt zu gelangen, wo die Studenten gestanden, dass sie ohne Lust studierten, die Beamten zugaben, dass sie ihr Gehalt nicht verdienten, die Professoren offenbarten, dass sie überfordert waren, und die Informatiker beichteten, dass sie Stützen einer Welt waren, die sie nicht wollten.
     Am Wochenende verließen sie ihre Computer und kauften auf dem Markt ein, lasen alte Bücher, stöberten in ausgefallenen kleinen Läden ihres Stadtviertels, besuchten Kurse für Holzbearbeitung oder Stricken, sehnten sich nach einem empirischen Leben, nach Handarbeit, waren ständig auf der Suche nach Selbstgemachtem und nach Empfindungen, die nicht aus dem Netz stammten. Aus Überdruss am virtuellen Leben suchten sie für einen Abend reale Freunde. Aurélie blieb stumm oder schrieb ihre Biographie um und nannte nie ihr Alter. Diese Begegnungen boten ihr die Gelegenheit, Komödie zu spielen. Besonders gern nährte sie sich von den Erlebnissen der Menschen, hörte ihre Reiseberichte, betrachtete manchmal die Fotos ihrer Kinder. Bei den gleichen Leuten, die ihren Weg während der Woche mit größter Gleichgültigkeit kreuzten, fand sie hier für ein paar kurze Augenblicke eine Empfindsamkeit und Aufrichtigkeit, die sie rührte, ohne dass sie genau hätte erklären können weshalb.
     Die Feindseligkeit, die sie in der Metro erfüllte, machte ehrlicher Sympathie, Wohlwollen und einer Leichtigkeit Platz, die sie selbst überraschte.

Wenn die Bar zumachte, bat sie um Unterkunft. Sie wurde in winzigen Wohnungen aufgenommen, auf deren Regalen ein ganzes Leben stand, Optimierung von begrenztem Raum, jeder Zentimeter kostbar. Ihr Gastgeber klappte ein Schlafsofa auf, sie legte sich geschminkt und ungewaschen hin.
     Dann schlief sie schlecht, in ihren Sachen und darauf bedacht, früh aufzubrechen. Sie wollte nicht bei einem Fremden duschen, frühstücken, Zeugin seiner Verlegenheit am Morgen danach werden, auch wenn er sie nicht in sein Bett geholt hatte, weil er in dieser Umgebung, über die er sich ein paar Stunden zuvor noch so aufgeregt hatte, eine andere Vertrautheit mit ihr geteilt hatte. Sie verschwand auf Zehenspitzen und ließ einen Zettel mit ihrem Dank zurück.

Mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags

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