Vom Nachttisch geräumt

Sonst nur in Kutschenkäfigen unterwegs?

Von Arno Widmann
14.05.2018. Eine Ausstellung in der Alten Nationalgalerie in Berlin stellt die "Wanderlust" als eine europäische Erfindung des ausgehenden 18. Jahrhunderts vor. Das ergibt nur marketingtechnisch Sinn.
Eine Ausstellung ist so schön, so interessant, wie die Sachen es sind, die sie zeigt. Wer Caspar David Friedrich, wer Courbet , Kirchner, Blechen, Nolde und Hodler zeigt, der hat unsere begeisterte Aufmerksamkeit. Ganz gleich, wie er die Ausstellung nennt, durch die er uns diese Größen näher gebracht hat. Sie ist für den Enthusiasten ein Container. Mehr nicht. Wer sich von Hackerts "Vesuvausbruch im Jahre 1774", von Schinkels "Felsentor" von 1818, von Otto Dix' "Selbstbildnis mit Wanderhut" aus dem Jahre 1912 abwendet und nach dem Container fragt, der stellt sich ins Abseits des Banausen. Das sei hiermit getan.

Ein Katalog ist so gut wie seine Beiträge. Also setze ich mich erst einmal nicht der Strahlkraft der Originale aus, sondern spreche über den Katalog der Ausstellung "Wanderlust" in der Alten Nationalgalerie in Berlin. "Wanderlust" ist der Container für die oben genannten Bilder und noch viele andere. 100 Seiten einführende Aufsätze. Mehr als einhundert Seiten Katalog der ausgestellten Werke. Kein Beitrag kreist das Thema ein, zeigt, um welch winziges Detail davon es in Ausstellung und Katalog geht. Nirgends ein Überblick über die "Wanderlust". Die Ausstellung wird in keinen Kontext eingebettet. Weder ideen- noch kunstgeschichtlich. Es wird vielmehr so getan, als sei "Wanderlust" eine europäische Erfindung, eine späte noch dazu. Jeder Beitrag beginnt mit Rousseau. Einmal wird ein Blick zurück auf Petrarca riskiert, ein andermal auf die Peripatetiker. Aber nirgends wird die Legende in Frage gestellt, die "Wanderlust" sei eine europäische Erfindung des ausgehenden 18. Jahrhunderts.


Carl Spitzweg: Engländer in der Campagna, um 1835, Staatliche Museen zu Berlin/Jörg P. Anders

Man kann in Zeiten der Globalisierung kein Thema mehr ansprechen, ohne sich zu fragen, wie es global damit aussieht. Wer im Titel "Wanderlust" sagt, der muss deutlich machen, dass er nur das europäische 19. Jahrhundert herausgreift. Und er muss das nicht nur in der Unterzeile sagen, die hier lautet "Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir". Warum? Weil Betrachter und Leser sonst womöglich auf die Idee kommen, es habe die "Wanderlust" nur damals, nur dort gegeben. Die Unterzeile muss als Einschränkung des Titels kenntlich gemacht werden, sonst könnte sie als Teil seiner Definition gelesen werden.

Wer den Katalog liest, erkennt: Die Autoren sind diesem Irrtum erlegen. Sie verbreiten alle die Legende von der Entstehung der "Wanderlust" aus der Abscheu vor der Industrialisierung. Ein "zurück zur Natur" als Reaktion auf die von der Moderne bewirkte Trennung von ihr. Das ist eine alte Geschichte. Sie wird immer wieder erzählt. Ein Container, in den von Schubert bis zum Wandervogel alles hineinpasst. Aber was ist mit den anderen Wanderern, der anderen Zeiten und Landstriche? Wurden die Landschaften der Niederländer nicht von ihnen erlaufen? Hat Tizian seine Landschaften nur geträumt? Er hatte eine Villa in den Dolomiten, nicht weit von seinem Geburtsort. Diese Landschaft erwanderte er sich. Dürers "Großes Rasenstück" mag im Atelier entstanden sein, aber doch nicht als Erinnerung an die der Industrialisierung zum Opfer gefallenen Wiesen. Es ist kein "Memento mori". Waren die Künstler, die Dichter und Musiker, die Intellektuellen bis Rousseau nur in Kutschenkäfigen unterwegs?

Kein Wort im Katalog darüber, dass, abgesehen von den letzten paar Jahrhunderten, kaum ein Gedanke am Schreibtisch entstand. Konfuzius, Laotse, Buddha, Jesus alle waren wandernd unterwegs. Das Wandern ist keine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Es ist so alt wie die Menschheit, ja älter als sie. Was uns ergeht, haben wir uns ergangen. Die Ausstellungsmacher, die Katalogautoren interessiert das nicht.

Okay. Warum schreiben sie dann nicht über die von ihnen ausgestellten Künstler, sondern immer wieder denselben Artikel zur Wanderlust in Europa im langen 19. Jahrhundert? Warum erklären sie uns nicht, warum die Ausstellung keinen Schaden daran nimmt, dass keine Spanier, keine Italiener, kaum Engländer darin vorkommen? Warum weitgehend die Beschränkung auf deutsche, dänische und französische Künstler?

Bildet das die Wanderlust auch nur der ausgewählten Weltgegend des ausgewählten Zeitabschnitts ab? Nein, auf keinen Fall. Die Engländer waren - ganz ohne Zweifel - die wanderlustigsten Europäer des 19. Jahrhunderts. Hätte man die Ausstellung "Deutsche Wanderlust im 19. Jahrhundert" genannt, sie hätte genauso ausgesehen.


Paul Gauguin: Bonjour Monsieur Gauguin, 1889, Nationalgalerie Prag

Die Ausstellung gehört zu jenen geschmäcklerischen Unverschämtheiten, mit denen das Publikum inzwischen seit Jahrzehnten drangsaliert wird: Man sucht nach Publikumsmagneten, stellt die zusammen, dann kommt ein Brainstorming für ein marketingtechnisch reizvolles Motto. Bums, hat man in Zeiten der Landlust die "Wanderlust". Solche Ausstellungen dienen nicht der Schärfung des Blicks, sondern der Trübung unserer Wahrnehmung durch die Verstärkung eh schon bestehender Klischees.

Schade, dass der Katalog nicht genutzt wird, um diesen Schaden zu beheben. All das beiseite geschoben - es fällt schwer - finden sich schöne Stellen auch im Katalog. Zum Beispiel habe ich das Wort vom Kutschenkäfig dem Katalog entnommen. In "Émile oder über die Erziehung" schreibt Rousseau: "Wir reisen also nicht mit Extrapost, sondern wie einfache Wanderer. Wir denken nicht allein an die beiden Endpunkte unserer Reise, sondern auch an den Weg, der zwischen ihnen liegt. Die Reise selbst gewährt uns Genuss, sitzen wir doch nicht missgestimmt und wie eingepfercht in einem kleinen fest verschlossenen Käfig."

Francisco de Goya: Aun aprendo, ca. 1826, Prado
Auf Seite 24 des Kataloges findet sich eine Kreidezeichnung von Francisco de Goya aus dem Jahre 1826. Sie zeigt einen an zwei Stöcken sich mühsam belebenden Greis, dessen Gesicht unter wucherndem Haupthaar und Bart kaum noch zu erkennen ist. So sehr es danach aussieht: Mit Nordic Walking hat das nichts zu tun. Rechts oben steht "Aun aprendo" (Ich lerne noch). Wer mehr wissen möchte über Goyas Zeichnung, der muss freilich weg vom Katalog hin zu dem kurzen Eintrag, den der Prado ihr widmet. Goya soll 1826 nicht mehr in der Lage gewesen sein, allein zu gehen. Er muss also wie ein Kind das Gehen wieder lernen.

So aufgeklärt klingt das Motto eher bitter, als nach einer Vorwegnahme unserer Rede vom "lebenslangen Lernen". Sehr schön ist auch der Hinweis von Gabriel Montua auf Freuds Verbindung zu Kant: "So kann der weite, durch Stürme empörte Ozean nicht erhaben genannt werden. Sein Anblick ist grässlich; und man muss das Gemüt schon mit mancherlei Ideen angefüllt haben, wenn es durch eine solche Anschauung zu einem Gefühl gestimmt werden soll, welches selbst erhaben ist, indem das Gemüt die Sinnlichkeit zu verlassen und sich mit Ideen, die höhere Zweckmäßigkeit enthalten, zu beschäftigen angereizt wird."

Soweit Kant. Dann Montua: "Nicht ohne Grund wählte Sigmund Freud für psychische Transferleistungen, welche menschliche Triebe in sozial akzeptierte Formen lenken, den Terminus 'Sublimation', abgeleitet aus dem romanisch-englischen Wort für das Erhabene: sublime."

Und dann natürlich die großartige Gegenüberstellung der vor Ort entstandenen Skizze Ludwig Richters, "Bodetal im Harz. Blick in den Kessel von der Rosstrappe", mit dem nach der ausgeführten Zeichnung Richters entstandenem Stahlstich von 1838. Es ist unfassbar, was Richter da alles aus seiner Erinnerung hinzufügte. Ich meine nicht die Männeken, die in den Kessel hinabblicken. Ich meine die Tiefe, die Weite, die Plastizität, die Richter der Landschaft gab. Blickt man dann aber zurück zur Skizze, merkt man: Das war alles da. Aber nicht für mich. Richter musste noch viel tun, um mir die Augen zu öffnen.


August Renoir: Ansteigender Weg durch hohes Gras, 1876/77, Musee d'Orsay, Paris/Patrice Schmidt

Es gibt in der Ausstellung zwei "Ausrutscher", die zeigen, dass wir es bei Ausstellung und Katalog nicht mit Ahnungslosigkeit, sondern mit vorsätzlicher Irreführung zu tun haben. Auf Seite 149 des Kataloges ist eine um 1876 entstandene Winterlandschaft von Takahashi Dohachi zu sehen. Wer sich jetzt wundert, weil er Takahashi Dohachi als den Namen einer sich über Generationen erstreckende Dynastie von Porzellanmachern kennt, dem kann ich nicht helfen. Denn neben dem Bild steht genau das: "Takahashi Dohachi Winterlandschaft, um 1876". Dort steht auch: "Gehen als philosophisches Konzept ist in Ostasien etwa 2400 Jahre alt und reicht auf die Entstehung der Lehre des Daoismus zurück (Dao bedeutet auf Chinesisch "Weg"). In Kalligrafie und Malerei ist das Wandern daher seit langem ein geläufiges Thema." Ausstellungsmacher, Katalogautoren wissen es also, zogen allerdings vor, von ihrem Wissen keinen Gebrauch zu machen. Warum, sagen sie es uns nicht. Sie interessierten sich auch nicht für die Frage, wie weit die Chinabegeisterung der Aufklärung bei der damals in Europa aufkommenden Wandermode eine Rolle spielte.

Völlig Gaga ist natürlich, dass es bei einer Ausstellung über die "Wanderlust" in der Malerei keine eigene Abteilung für die "Peredwischniki" ("Wanderer") gibt. Das waren russische Maler, die sich von den Ausstellungen der Akademie in Sankt Petersburg ausgeschlossen fühlten und darum 1870 die "Genossenschaft der künstlerischen Wanderausstellungen" gründeten. Sie waren vorwiegend realistische Maler, die demokratischen Ideen anhingen. Viele von ihnen gingen ins Volk, eine damals überall in Europa gerne geübte Praxis, malten das Volksleben. Sie hießen bald die "Wanderer". Nicht nur, weil sie ihre Ausstellungen überall hinschickten, sondern weil auch sie selbst sich in Bewegung setzten. Sie sind mit zwei Bildern in der Ausstellung vertreten. Einige der Wanderer sammelten Motive, wie die Brüder Grimm nach Geschichten und Béla Bartók nach Melodien gesucht hatten. Die Künste wurden immer wieder auch erwandert. Zu allen Zeiten. Überall auf der Welt.

Eines der interessantesten Objekte der Ausstellung ist eine Marmorbüste aus den Beständen der Berliner Nationalgalerie. Sie zeigt Jean-Jacques Rousseau. Sie zeigt ihn mit einer Mütze mit Fellkrempe. Im Katalog heißt es dazu: "Er legte großen Wert auf seine von armenischen Kaufleuten inspirierte Garderobe. So kommentierte er 1762 in einem Brief die Zusendung von Stoffproben dafür: In einem violetten Kaftan sähe er aus 'wie ein netter kleiner Bursche aus Jerewan oder Tiflis, und das würde mir, glaube ich, gut stehen.'" Neben der Verachtung für den Anderen gibt es immer auch den Wunsch danach, ein Anderer zu sein. Man kann die Menschen nicht danach unterscheiden. Denn immer wieder löst im selben Menschen das eine Gefühl das andere ab. Wir sind eine unberechenbare Spezies. Mal siegt Le Pen, mal Macron.

Birgit Verwiebe/Gabriel Montua e.a.: Wanderlust - Von Caspar David Friedrich bis Auguste Renoir, Hirmer-Verlag, München 2018, 288 Seiten, 190 Abbildungen in Farbe, 39,90 Euro